{"id":3247,"date":"2001-06-08T12:33:56","date_gmt":"2001-06-08T10:33:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3247"},"modified":"2021-01-19T12:37:20","modified_gmt":"2021-01-19T11:37:20","slug":"verwahrlost-verenden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/06\/08\/verwahrlost-verenden\/","title":{"rendered":"Verwahrlost verenden?"},"content":{"rendered":"<p>Unter dem Titel &#8222;Verwahrlost und verendet&#8220; beschreibt Michael de Ridder im aktuellen SPIEGEL (S.208), wie heutzutage alte hilflose Menschen in Pflegeheimen oder zuhause dahinvegetieren und elend sterben, wie sie manchmal bei lebendigem Leib regelrecht verfaulen. Wie sich <em>&#8222;Armut, Isolation, Partnerverlust, Depressionen, Mangelern\u00e4hrung, Kr\u00e4fteverfall und nachlassende Hygiene mit physischen Leiden verschr\u00e4nken &#8211; zu stummer, nicht mehr erreichbarer Verzweiflung, die irgendwann nur noch ersch\u00f6pft danach verlangt, ein Ende zu finden&#8220;<\/em>.<!--more--><\/p>\n<p>De Ridder ist leitender Oberarzt der Rettungsstelle und Aufnahmestation des Berliner Urban-Krankenhauses, wie ich in einer schnellen Google-Recherche herausfand. Also ein Mensch aus meiner alten Kreuzberger Heimat, der seine &#8222;Daten&#8220; auch von dort sch\u00f6pft. Er erz\u00e4hlt von verelendeten Alten aus Kreuzberg und Neuk\u00f6lln, aber auch von den 26.000 Menschen, die in den 336 Berliner Pflegeeinrichtungen leben. Deren \u00dcberpr\u00fcfung hat laut De Ridder ergeben, dass<\/p>\n<blockquote><p> 75% der Bewohner keinerlei Ansprache hatten,<br \/>\n    bei 40 Prozent die Trinkmengen nicht ausreichten<br \/>\n    Brei auch dann auf dem Speiseplan stand, wenn festes Essen noch m\u00f6glich w\u00e4re.<\/p><\/blockquote>\n<p>Zunehmend legt man sowieso Magensonden, dann ist die Ern\u00e4hrung mittels Einspritzung nur noch eine Sache von 30 Sekunden &#8211; so \u00e4hnlich wie beim Stopfen von G\u00e4nsen, eine Praxis, die immerhin so viele Tiersch\u00fctzer auf die Palme getrieben hat, da\u00df sie bei uns verboten ist.<\/p>\n<p>Genug, ich h\u00f6r&#8216; ja schon auf, bevor hier auch der letzte Stammleser entnervt wegklickt. Dieses Diary wird nicht gelesen, um Einzelheiten vom Elend der Welt zu erfahren, ich wei\u00df, ich wei\u00df! Und schlie\u00dflich ist es nicht der erste Bericht dieser Art, der durch die Presse geht, wir wissen alle von diesen Zust\u00e4nden, gruseln uns gelegentlich angesichts einer drastischen Beschreibung, denken mit Sorge an &#8222;das Problem Altersversorgung&#8220; und wenden uns schnell wieder Erfreulicherem zu. Wenigstens ich mache das meistens so. Meistens? Immer.<\/p>\n<p>Zwischendurch mal in die Mailbox geguckt: gerade jetzt schreibt mir eine Leserin, mein Diary wirke &#8222;seelentr\u00f6stend&#8220;. Solche Mitteilungen bekomm&#8216; ich nicht jeden Tag, wie die jeweiligen Sender\/innen immer meinen, aber gelegentlich. Und ich freue mich \u00fcber jede einzelne, denk&#8216; mir dabei: &#8222;Na, immerhin n\u00fctzt es jemandem, welch unverdientes Gl\u00fcck! Dann ist es also nicht nur reine Selbstbespiegelung&#8220;, &#8211; etwas, wobei ich ein schlechtes Gewissen h\u00e4tte, wenn ich dar\u00fcber nachd\u00e4chte. Doch tu&#8216; ich schreibend ja nichts anderes, als meine Selbst- und Weltbetrachtung ausbreiten, Gedanken nachgehend, die mich &#8211; allein mit mir im Kopf &#8211; nicht lange genug fesseln w\u00fcrden, um sie \u00fcberhaupt Gestalt werden zu lassen. Eine g\u00e4nzlich egoistische Sache also, weil zum eigenen Nutzen.<\/p>\n<p>Ist das nicht ein Hinweis, wie &#8222;helfen&#8220; funktionieren k\u00f6nnte? Schon das Wort ist ja heute bei den gebildeteren St\u00e4nden nicht gerade hip. Redet man vom Helfen, wird man mit psychologisierendem Blick scharf angesehen: Helfersyndrom? Gr\u00f6\u00dfenwahn? Was will sie denn kompensieren?<\/p>\n<p>In meinen politisch und sozial aktiven Zeiten hab&#8216; ich auch durchaus erlebt, wohin mich die Idee, anderen helfen zu k\u00f6nnen, bringen kann, n\u00e4mlich in mehrere verschiedene H\u00f6llen auf einmal. Dabei stand am Beginn dieser Aktivit\u00e4ten nicht der geringste Helferimpuls, sondern der Spa\u00df am Abenteuer und ein ganz konkreter eigener \u00c4rger \u00fcber die Wohnsituation im Berlin der 80ger-Jahre (man mu\u00dfte damals 10 bis 20 TDM Abstand zahlen f\u00fcr eine ertr\u00e4gliche Bleibe!). Dass ich dann von der &#8222;Betroffenen&#8220;, die an Hausbesetzungen teilnimmt, zur &#8222;Betroffenen-Vertreterin&#8220; im Mieterladen, dort zur &#8222;Mieterberaterin&#8220; und schlie\u00dflich zur &#8222;Einzelfallbetreuerin&#8220; im B\u00fcro f\u00fcr Sozialplanung und angewandte Stadtforschung (abgek\u00fcrzt SPAS, welch&#8216; ein Hohn!) wurde, bezeichnet auch die Stadien eines Niedergangs. Es machte mich wirklich fertig, einschlie\u00dflich psychischer Deformationen wie st\u00e4ndig unterdr\u00fcckte Wut, Gr\u00f6\u00dfenwahn, Ohnmachtsgef\u00fchle, Selbstha\u00df, Verzweiflung &#8211; dabei ging es nur ums Wohnen! Als Irrweg erwies sich auch mein Versuch, in der Politik etwas zu ver\u00e4ndern, davon fang&#8216; ich jetzt lieber gar nicht erst zu erz\u00e4hlen an.<\/p>\n<p>Und trotzdem. Wenn ich an diese Alten in ihrer hilflosen Situation denke, kann ich es nicht mehr einfach abhaken und mir sagen: Das ist halt so, da kann man nichts machen, ein Einzelner schon gar nicht. Denn jenseits dieses Anflugs von Mitgef\u00fchl, der zum Beispiel auftaucht, wenn man ein schlimmes Foto sieht, wird mir immer deutlicher, da\u00df ich selber alt werde, selber keine &#8222;ordentliche&#8220; Altersversorgung habe &#8211; und selbst die mit den &#8222;ordentlichen&#8220; Versorgungen landen ja offensichtlich in diesem Elend!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich tr\u00f6ste ich mich \u00fcblicherweise \u00fcber diese Gedanken weg, schw\u00f6re mir zum Beispiel, lebensl\u00e4nglich mit den Yoga-\u00dcbungen fortzufahren, damit ich meine Beweglichkeit nicht verliere und anderen niemals hilflos ausgeliefert bin. In der Realit\u00e4t setze ich aber meist schon damit aus, wenn ich mich auch nur schlaff f\u00fchle oder sonstwie unlustig bin! Und wie schnell saugt eine Krankheit mal eben alle Lebenskraft auf, wie pl\u00f6tzlich schwindet die Mobilit\u00e4t bei einem Unfall? Mehr noch: Ich kann gut voraussp\u00fcren, dass es ein nat\u00fcrlicher Prozess im Altern ist, sich immer weniger militant um sich selber k\u00fcmmern zu wollen. Die letzte Phase w\u00e4re nat\u00fcrlicherweise die spirituellste: das hypertrophierte Ego kann endlich verschwinden, man stellt sich den &#8222;letzten Dingen&#8220;, man m\u00f6chte (wenn nicht schon vorher erreicht) seinen Frieden machen &#8211; mit der Existenz, mit dem Sein, mit den Anderen, mit Leben und Tod, manche auch mit Gott.<\/p>\n<p>Und ausgerechnet dann wird man Opfer! Mu\u00df in der finalen Schw\u00e4che ums nackte \u00dcberleben k\u00e4mpfen (FALLS man noch kann..), wird nicht richtig gewaschen und nur fl\u00fcchtig ern\u00e4hrt, man liegt sich wund und sogar das Trinkwasser enthalten sie einem vor. Geschweige denn, dass man &#8222;eine Ansprache hat&#8220;.<\/p>\n<p>Wollen wir das wirklich so lassen?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter dem Titel &#8222;Verwahrlost und verendet&#8220; beschreibt Michael de Ridder im aktuellen SPIEGEL (S.208), wie heutzutage alte hilflose Menschen in Pflegeheimen oder zuhause dahinvegetieren und elend sterben, wie sie manchmal bei lebendigem Leib regelrecht verfaulen. 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