{"id":3241,"date":"2001-05-25T12:21:16","date_gmt":"2001-05-25T10:21:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3241"},"modified":"2021-01-19T12:23:22","modified_gmt":"2021-01-19T11:23:22","slug":"vom-nichtstun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/05\/25\/vom-nichtstun\/","title":{"rendered":"Vom Nichtstun"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend der mediengenerierte Meinungsmainstream sich in den letzten Wochen den Kopf \u00fcber ein &#8222;Recht auf Faulheit&#8220; zerbricht, wird mir nach einem halben Jahr unproduktivem Herumh\u00e4ngen klar, wie wichtig, richtig und unverzichtbar echtes Nichtstun ist.<!--more--><\/p>\n<p>Ich hatte ganz bewu\u00dft auf eine &#8222;L\u00fccke&#8220; von etwa drei Monaten hingearbeitet, wollte mir eine Auszeit g\u00f6nnen, mal wieder nur das tun, wozu ich Lust habe, eigene Projekte vorantreiben, vielleicht ein bi\u00dfchen Kunst machen, just for fun. Doch Pl\u00e4ne sind noch keine Wirklichkeit: In der L\u00fccke angekommen, war ich weiterhin getrieben, getrieben von den eigenen Anspr\u00fcchen (nun hast du Zeit, jetzt solltest du aber endlich mal&#8230;) und auch von der schlichten Gewohnheit, mein Leben rund um den Computer zu organisieren, immer am Ball zu bleiben, selbst wenn man gar nicht mehr sagen k\u00f6nnte, was &#8222;der Ball&#8220; eigentlich ist.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich merkte ich, dass ich arbeitsm\u00e4\u00dfig &#8222;stotterte&#8220;, Ideen und Vorhaben, Anregungen und Projekte von Freunden und Bekannten regten mich zwar immer noch zu kurzen Aktiv-Phasen an, doch erlahmte der Elan ungeheuer schnell, die kleinsten Widerst\u00e4nde lie\u00dfen meine Lust verdampfen wie den Tropfen auf der hei\u00dfen Herdplatte. Und ich sabotierte mich irgendwie selbst, verfiel in geradezu pflanzenhafte Langsamkeit, fasste im Bem\u00fchen um Disziplin und schlichtes &#8222;weiter so&#8220; Dinge an, die ich normalerweise gern tue, nur um nach wenigen Minuten oder sogar Sekunden wieder damit aufzuh\u00f6ren: Delete.<\/p>\n<p>Monate vergingen so, zum Gl\u00fcck nicht GANZ ohne Output. Immerhin gelang es noch, zusammen mit Michael das Webwriting-Magazin zu entwickeln, aber mit welcher M\u00fche, verglichen mit meiner gewohnten Spritzigkeit! &#8222;Werde ich jetzt alt?&#8220;, fragte ich mich besorgt, ist es etwa normal, dass mich die Energie verl\u00e4\u00dft, da\u00df die Freude an den Dingen nur noch selten aufschimmert und mich nichts mehr lockt? So langsam schlichen sich auch erste Existenz\u00e4ngste in den Hintergrund der Gedanken: Was tun, wenn ich aus diesem Zustand nicht mehr herauskomme? Wie soll ich so mein Geld verdienen? Im ganzen Leben hab&#8216; ich es noch nie geschafft, einfach zu arbeiten ohne R\u00fccksicht darauf, ob es Spa\u00df macht, ob es &#8218;was mit mir zu tun hat, ob es Dinge sind, die ich auch selbst bef\u00f6rdern m\u00f6chte. Das w\u00e4re also keine Perspektive, schon gar nicht als Networkerin, der das Netz immer als wundervolles Spielfeld und fantastischer M\u00f6glichkeitsraum erschienen ist. Da jetzt mangels Inspiration und Energie in einer Stechuhr-Mentalit\u00e4t enden? Undenkbar!<\/p>\n<p>Ein Gro\u00dfauftrag, der sich im Februar eigentlich konkretisieren sollte, und von dem ich mir zumindest eine &#8222;Vertagung&#8220; meiner Motivationsprobleme erwartet hatte, wurde dann auch noch auf die lange Bank geschoben. Ich blieb in meiner &#8222;L\u00fccke&#8220; sitzen, dank Angespartem zwar noch ohne direkte Geldprobleme, doch auch ohne den Schimmer einer Idee, was ich in Zukunft tun will, wie ich aus diesem Energieloch wieder herausfinde, und ob \u00fcberhaupt&#8230;<\/p>\n<p>Ich kreiste in der vielen &#8222;freien&#8220; Zeit oft um das Vorhaben, endlich eine eigene Angebotsseite zu kreieren: Klinger-Webdesign, in all seinen Aspekten. Das schien mir noch das Naheliegendste zu sein, eine notwendige Voraussetzung, um beruflich zu neuen Ufern aufzubrechen. Doch gerade damit stagnierte ich in einer Weise herum, die ich von mir gar nicht kannte, es inspirierte mich einfach nicht, auf so einer Site meine F\u00e4higkeiten anzupreisen. Nicht aus Bescheidenheit oder \u00e4hnlich ehrenwerten Motiven, sondern weil der Kick fehlte, der INHALT reizte mich nicht. Wer etwas \u00fcber mich wissen will, findet auf meiner Homepage unz\u00e4hlige Webprojekte, kann im Webwriting-Magazin lesen, wie ich \u00fcber Webpublishing denke, findet bei Google unter &#8222;Claudia Klinger&#8220; mein ganzes ausschweifendes Netzleben seit 1996, meine G\u00fcte, was soll ich da noch sagen?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00e4re es sinnvoll, das Wichtigste, bzw. das f\u00fcr potenzielle Auftraggeber Relevante kurz und pr\u00e4gnant zusammenzufassen &#8211; aber dieser kleine Vernunftgedanke reichte nicht, um meine Tr\u00e4gheit und Ideenlosigkeit zu \u00fcberwinden. Die hunderttausendste Site ins deutsche Web stellen &#8222;Ich mache Webdesign, richtig gut sogar..&#8220;? Nein, das w\u00e4re es nicht. Wer mich beauftragt, hat schon immer mehr gewollt als eine exakt spezifizierte Dienstleistung, hat sozusagen mich als ganzen Menschen gebucht, mit all meinen Erfahrungen und vor allem mit der F\u00e4higkeit, seine Intentionen im Netz Wirklichkeit werden zu lassen, seinem Traum Gestalt zu geben.<\/p>\n<p>Was aber, wenn ich selber nicht mehr tr\u00e4ume? Gestern schrieb mir eine Netz-Freundin von sich:<\/p>\n<blockquote><p>    &#8222;Ich fuehle mich leben, wie wenn eine Handbremse angezogen ist, mit low-level-Energie duempeln die Tage dahin, ich kriege kaum etwas geschafft&#8230; voellig unbefriedigend. Und das Projekt, das gerade begann, mich wieder zu neuen Hoechstleistungen emporzureissen, scheint sich jetzt (personell) als ein rechter Schlafmuetzenverein zu entpuppen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, genau, das ist es! So kenne ich das auch. Die pl\u00f6tzlich aufkommende Begeisterung erlischt sofort, wenn man auf den Alltag trifft, die anderen Menschen mit ihren je eigenen Vorstellungen und Herangehensweisen erlebt: wie sperrig, wie m\u00fchsam, wie \u00f6de! Mittlerweile sehe ich aber, dass dieses Empfinden nicht von den anderen verursacht oder gar erzwungen ist. Die Schlafm\u00fctzigkeit, unter der man leidet, ist die eigene Schlafm\u00fctzigkeit, der eigene Mangel an Energie und Schaffenskraft. Zu einem anderen Zeitpunkt h\u00e4tte man n\u00e4mlich den Elan nicht von anderen erwartet, sondern sie mit der eigenen Begeisterung mitgerissen!<\/p>\n<p>Warum aber ist das so? Handelt es sich um ein Naturgesetz, dass man zeitweise faul, schlaff, ohne Inspiration durch die Tage, Wochen und Monate d\u00fcmpelt?<\/p>\n<p>Im M\u00e4rz wurde ich schlie\u00dflich krank, ein leichtes Fieber, dass mich t\u00e4glich zu bestimmten Zeiten WIRKLICH schlaff machte, physisch sp\u00fcrbar, nicht mehr wegzudenken, eine richtige Matschbirne mit Gliederschwere, die mich tats\u00e4chlich dazu brachte, den Compi \u00f6fter mal auszuschalten und mich hinzulegen, mitten am Tag! Allen, die was von mir wollten und erwarteten, konnte ich jetzt einfach sagen: Sorry, ich bin gerade ein bi\u00dfchen krank. Nehmt es bitte nicht \u00fcbel, dass ich derzeit nur sporadisch funktioniere.<\/p>\n<p>Oh, welche Erleichterung! So langsam merkte ich: Da ist noch ein Leben jenseits der Arbeit&#8230;. Nicht die Anderen mit etwaigen Forderungen waren irgendwie schlimm, sondern allein ich selbst, speziell mein innerer Sklaventreiber, der sich einfach nicht vorstellen konnte, mal auszuspannen, mal nicht an Sinn und Zweck und Nutzen und Zukunft zu denken, sondern den Mund zu halten und mich in Ruhe zu lassen, damit ich mal wieder &#8222;zu mir&#8220; kommen kann. Mein vern\u00fcnftiger Gedanke, mir eine Auszeit zu g\u00f6nnen, war schon richtig gewesen &#8211; ich war dazu aber nicht wirklich in der Lage, konnte den Ausschaltknopf einfach nicht finden, den inneren Antreiber nicht matt setzen. Das schaffte erst das Fieber.<\/p>\n<p>Und dann das Wunder! Kaum war ich ein paar Tage WIRKLICH in der Ruhe angekommen, hatte begonnen, das Nichts-tun, das Herumliegen, das auf der Wiese sitzen und das ziellose Herumschlendern wirklich zu genie\u00dfen, da fielen mir jede Menge Schuppen von den Augen. Die Staubschicht auf meinem Gem\u00fct war wie weggeblasen und die Ideen str\u00f6mten! Wirklich NEUE Ideen, andere, mir ganz individuell (!) entsprechende Herangehensweisen, verbunden mit Freude und Abenteuerlust, Gef\u00fchle, die ich schon garnicht mehr kannte! Aufbruchstimmung machte sich breit und wie immer, wenn ich &#8222;eigendynamisch&#8220; bestimmte Dinge in den Blick nehme, antwortet mir die Welt, unterst\u00fctzt mich, entsprechende Kontakte ergeben sich &#8211; beeindruckend!<\/p>\n<p>Habe ich dazu wirklich ein halbes Jahr brauchen m\u00fcssen? H\u00e4tte ich nicht fr\u00fcher loslassen k\u00f6nnen, mich von allen Fronten auch innerlich verabschieden, um mal wieder mit der Welt und mir selbst allein zu sein? Na, vielleicht das n\u00e4chste Mal!<\/p>\n<p>Wenn ich jetzt mal von dieser Erfahrung aus dar\u00fcber nachdenke, wie sehr diejenigen, die unsere Welt steuern, in ihre folgenreichen Aktivit\u00e4ten eingeschwei\u00dft sind, dann wird mir klar, warum soviel Schrott passiert, warum alles in langwierigen, m\u00fchevollen und sperrigen Konflikten ertrinkt und sich Neues und Besseres nur sehr punktuell durchsetzt. Es wird nicht zu wenig gearbeitet, sondern viel zu viel! Wer gedanklich st\u00e4ndig an bekannten Problemen festklebt, findet keine L\u00fccke mehr, in die etwas &#8222;einfallen&#8220; kann und verbraucht seine ganze Energie, ohne damit die Welt irgendwie weiter zu bringen. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend der mediengenerierte Meinungsmainstream sich in den letzten Wochen den Kopf \u00fcber ein &#8222;Recht auf Faulheit&#8220; zerbricht, wird mir nach einem halben Jahr unproduktivem Herumh\u00e4ngen klar, wie wichtig, richtig und unverzichtbar echtes Nichtstun ist.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148,471,9],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3241"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3241"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3241\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3241"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3241"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3241"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}