{"id":3240,"date":"2002-05-23T12:19:28","date_gmt":"2002-05-23T10:19:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3240"},"modified":"2021-01-19T12:20:53","modified_gmt":"2021-01-19T11:20:53","slug":"der-abschied-die-katze-das-leiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/05\/23\/der-abschied-die-katze-das-leiden\/","title":{"rendered":"Der Abschied, die Katze, das Leiden"},"content":{"rendered":"<p>Die Spannung steigt. Gestern den unterschriebenen Mietvertrag mit sieben Anlagen an den Makler geschickt und die Kaution f\u00fcr die neue Wohnung in Friedrichshain \u00fcberwiesen. Jetzt mu\u00df noch die &#8222;Gegenseite&#8220; unterschreiben, dann ist der Umzug &#8222;im Kasten&#8220;. Eigentlich d\u00fcrfte nichts mehr dazwischen kommen, doch bin ich gewohnt, nicht auf Dinge zu vertrauen oder gar zu hoffen, die noch nicht ganz sicher sind. (Auch das ein Teil der selbst anerzogenen Verteidigungshaltung gegen\u00fcber der Welt: Nichts w\u00fcnschen, nichts erhoffen, dann kann ich auch nicht entt\u00e4uscht werden).<!--more--><\/p>\n<p>In diesen ersten, endlich sommerlichen Tagen ist hier rund ums Schlo\u00df alles derart paradisisch, da\u00df es fast weh tut. Die B\u00e4ume, die V\u00f6gel, die Bl\u00fcten, das heftig wachsende Gras, alles scheint zu rufen: Bist du verr\u00fcckt, hier wegzugehen? Dennoch ergreift mich keinerlei Melancholie, kein allgemeiner Abschiedsschmerz, keine Wehmut &#8211; au\u00dfer beim Anblick der Katze! Wir k\u00f6nnen sie nicht mitmehmen, da es eine frei laufende Landkatze ist, die uns nur &#8222;besucht&#8220;, bei uns fri\u00dft, aber nicht in der Wohnung in ein Katzenklo schei\u00dft. N\u00e4chtens schl\u00e4ft sie drau\u00dfen, mal in ihrem Katzenh\u00e4uschen unter dem n\u00e4chsten Baum, mal beim Nachbarn im Schuppen.<\/p>\n<p>Im tiefsten Winter ist sie uns zugelaufen, v\u00f6llig verdreckt, abgemagert bis auf die Knochen, gottserb\u00e4rmlich stinkend, da sie sich nicht putzte, und mit Spuren von allerlei Verletzungen. V\u00f6llig fertig lag sie in der K\u00fcche auf dem Sessel, sie hatte einen Quellbauch wie ein Hungerkind aus der dritten Welt, zuerst glaubten wir, sie sei schwanger. Weit gefehlt, im Lauf einiger Wochen guter F\u00fctterung erholte sie sich, der Bauch verschwand, sie begann, sich zu putzen, und wurde ein ganz normales wolliges K\u00e4tzchen, sogar \u00e4u\u00dferst anh\u00e4nglich. Man kann mit ihr spazieren gehen, sie folgt auf Schritt und Tritt.<\/p>\n<p>Nun ist sie ganz auf uns fixiert, verbringt einen gro\u00dfen Teil des Tages in der sicheren und gem\u00fctlichen Zivilisation unserer Wohnung oder r\u00e4kelt sich drau\u00dfen auf der Wiese, in Sichtweite des K\u00fcchenfensters. Wir haben zweimal versucht, sie zur Hauskatze zu machen, um sie nach Berlin mitnehmen zu k\u00f6nnen &#8211; also nicht raus gelassen, ein Katzenklo hingestellt und sie immer mal &#8218;reingesetzt. Erfolglos! Wenn sie muss, dann will sie raus &#8211; und nicht nur das, sie will auch raus, wenn ihre wilde Zeit beginnt und der Wald ruft. Die Sache mit dem Klo h\u00e4tte ich ja noch \u00f6fter probiert, aber diese innere Wildheit, die bei frei laufenden Katzen viel deutlicher zu sp\u00fcren ist als bei Hauskatzen, die kein &#8222;draussen&#8220; kennen, werde ich ihr niemals abgew\u00f6hnen k\u00f6nnen (und auch nicht wollen, es ist ein Teil ihres Wesens). Dar\u00fcber hinweg zu sehen und sie dauerhaft in eine Wohnung einzusperren, w\u00e4re vielleicht schlimmer als der Tod, der ihr hier im \u00fcbelsten Fall droht (Hunde, Hunger&#8230;). Und was sie mit der Wohnung machen w\u00fcrde, mag ich mir gar nicht ausmalen &#8211; f\u00fcr beide Seiten w\u00e4re es jedenfalls eine Katastrophe!<\/p>\n<p>Weil sie also an den Raum und nicht etwa an Personen gebunden ist, k\u00f6nnen wir sie nicht einfach an jemanden vermitteln, nicht mal ins Tierheim geben. M\u00fcssen darauf hoffen, dass der Nachmieter sich ihrer annehmen wird, ihr den gewohnten &#8222;sicheren St\u00fctzpunkt&#8220; bieten, den sie f\u00fcr ihr Hier-Sein braucht, in dieser feindlichen Welt mit gef\u00e4hrlichen Hunden, f\u00fcr die sie drau\u00dfen ein gern gesehenes Jagdwild ist. Auch ein feindlicher Kater macht ihr das Leben schwer &#8211; sie ist n\u00e4mlich gar keine SIE, sondern ein sehr k\u00e4tzisch wirkender zierlicher Kater (hab&#8216; ich auch erst erfahren, als ich sie sterilisieren lassen wollte und der Tierarzt mich nach erfolgter Kastration aufgekl\u00e4rt hat).<\/p>\n<p>Wenn ich sie jetzt so erlebe in ihrer herzergreifenden Anh\u00e4nglichkeit, ist es ein richtiger Schmerz, mich von ihr zu trennen, schlimmer noch, sie in eine ungewisse Zukunft zu entlassen. Auch f\u00fchle ich mich verantwortlich, weil ich schlie\u00dflich ihren teilweisen Einzug bei uns im Winter tatkr\u00e4ftig voran getrieben habe. Vielleicht w\u00e4re sie ohne diese Unterst\u00fctzung gar nicht mehr am Leben &#8211; entsteht daraus nicht die Pflicht, nun f\u00fcr ihr ganzes Leben zu sorgen?<\/p>\n<p>So etwas ist &#8222;unl\u00f6sbar&#8220; &#8211; unl\u00f6sbar in dem Sinne, dass es keine Variante gibt, die ohne Leiden ist. Das Leiden ist die R\u00fcckseite der Freude, des liebevollen Gef\u00fchls, des Sich-Einlassens auf ein anderes Wesen, sei es Mensch, Tier oder sogar Pflanze. Sowas erlebt man ein paar Mal und wird dann vorsichtig, vermeidet Verstrickungen, h\u00e4lt sich zur\u00fcck. Verzichtet wom\u00f6glich auf alle gelebte Liebe, nur um diesen Schmerz nicht mehr erfahren zu m\u00fcssen. So eine Haltung ist intellektuell und spirituell locker zu rechtfertigen: &#8222;Hasse nicht, liebe nicht, dann ist es klar und eindeutig&#8220; (aus der &#8222;Mei\u00dfelschrift vom Glauben an den Geist&#8220;. Mit &#8218;es&#8220; ist die &#8218;wahre Wirklichkeit&#8216; gemeint). Logisch und g\u00e4nzlich unerleuchtet interpretiert k\u00f6nnte das hei\u00dfen: Woran ich nicht h\u00e4nge, das kann mir gestohlen bleiben&#8230; Aber ist es das, was ich will? Herzlos-gleichm\u00fctiges Funktionieren? Ist es das, wonach die Welt sich sehnt? (Ganz gewi\u00df ist das auch ein Mi\u00dfbrauch der Mei\u00dfelschrift).<\/p>\n<p>Die Katze ist derzeit meine Lehrmeisterin in Sachen Herzeleid. Ich tue nichts mehr dagegen, sondern sp\u00fcre beide Seiten, die Liebe und den Schmerz. Und ich sehe, wie sich immer wieder Gedanken vor das Erleben stellen wollen, verst\u00e4ndige Probleml\u00f6sungsbem\u00fchungen, die an der Lage nichts \u00e4ndern, jedoch automatisch ablaufen, immer wiederkehren, bereits verworfene Vorschl\u00e4ge zum Wiederk\u00e4uen anbieten, endlos um sich selbst kreisen. Eine Programmierung im Grunde, die meine &#8218;Arbeitsspeicher&#8216; belegt, weil ich mich lange Zeit lieber als eine aktive Problem-L\u00f6serin oder zumindest intensiv nach L\u00f6sungen Suchende erleben wollte, und nie, nie, nie mehr als passiv Leidende! (die aber am Leiden letztlich auch mit all ihren Aktivit\u00e4ten nichts \u00e4ndern kann).<\/p>\n<p>Liebe nicht, hasse nicht, dann ist alles klar &#8211; das kann auch meinen: Greife nach nichts und lehne nichts ab, erlebe, was ist! Auch den Schmerz, die Freude &#8211; ein Kommen und Gehen. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Spannung steigt. Gestern den unterschriebenen Mietvertrag mit sieben Anlagen an den Makler geschickt und die Kaution f\u00fcr die neue Wohnung in Friedrichshain \u00fcberwiesen. Jetzt mu\u00df noch die &#8222;Gegenseite&#8220; unterschreiben, dann ist der Umzug &#8222;im Kasten&#8220;. 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