{"id":3239,"date":"2001-05-21T12:17:48","date_gmt":"2001-05-21T10:17:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3239"},"modified":"2021-01-19T12:19:11","modified_gmt":"2021-01-19T11:19:11","slug":"ein-hauch-von-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/05\/21\/ein-hauch-von-freiheit\/","title":{"rendered":"Ein Hauch von Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>Im R\u00fcckblick erfindet ein jeder die eigene Vergangenheit t\u00e4glich neu &#8211; ich wei\u00df nicht mehr, wer das gesagt hat, doch zweifellos hat er recht. Jede Ver\u00e4nderung im Jetzt zeigt die Vergangenheit in anderem Licht, man merkt es allerdings nur anhand gro\u00dfer Br\u00fcche, nach Krisen, bei kleinen und gro\u00dfen Katastrophen. Jetzt zum Beispiel kann ich langsam erkennen, wie meine innere und \u00e4u\u00dfere Stagnation des letzten halben Jahres zustande kam, ja, ich nenne das erst jetzt &#8222;Stagnation&#8220; oder auch Krise, denn es verabschiedet sich gerade in Lichtgeschwindigkeit und ger\u00e4t so \u00fcberhaupt erst in den Blick.<!--more--><\/p>\n<p>Davon will ich heut&#8216; aber nicht schreiben. Denn der Fr\u00fchling h\u00e4lt mich umarmt, das Fieber hat mich verlassen, seit dem letzten Berlinbesuch verschwinden sogar die \u00fcberz\u00e4hligen Kilos. Ich wei\u00df auf einmal, was ich konkret in n\u00e4chster Zeit tun will, freue mich drauf und f\u00fchle: Da ist noch viel viel mehr!<\/p>\n<p>Mehr? Meine kritisch-gelassenen Texte \u00fcber das &#8222;Streben nach mehr&#8220; w\u00fcrden alleine schon ein mitteldickes Buch ergeben. Mit ihrer Hilfe konnte ich mich einspinnen in einen Kokon vermeintlicher Wunschlosigkeit: Alles schon gehabt, was ich je wirklich haben wollte, s\u00e4mtliche Vorder- und R\u00fcckseiten g\u00e4ngiger Medaillen erlebt und \u00fcberwunden, den ZEN-Satz &#8222;Vorteil ist Nachteil&#8220; am eigenen Leib und Leben durchbuchstabiert und dabei weise geworden. So dachte ich von mir, allen Ernstes!<\/p>\n<p>Die Energie des Fr\u00fchlings l\u00e4\u00dft den Kokon aufbrechen, auf einmal sp\u00fcre ich wieder die Abenteuerlichkeit des Lebens, das Unbekannte, das Verlockende &#8211; ohne deshalb an einem neuen Wunsch festzukleben, sondern noch ganz unkonkret, als Versprechen: WENN du deine Schubladen im Kopf auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte entsorgst, ist die Welt wieder weit, die Horizonte liegen offen, auch und gerade in der Stadt.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr Schubladen im Kopf? Einge ganze Menge, wie ich jetzt erkenne. Mein stabiles Selbstbewu\u00dftsein (Mitte 40 hat man sowas, wenn es gut gelaufen ist) und diese jederzeit aktivierbare Gelassenheit gegen\u00fcber allem Streben, allen W\u00fcnschen und Zielen, bedeuten noch lange keine Freiheit. Sondern nur eine Umgangsweise mit der Welt und dem Leben, bei der man nicht mehr st\u00e4ndig unterzugehen droht und sich sogar halbwegs wohl f\u00fchlen kann. In diesem Sinne erfolgreich, aber doch nichts als eine Verteidigungshaltung und als solche beschr\u00e4nkt. Schlie\u00dflich lebe ich nicht, um selbstbewu\u00dft zu sein, sondern um zu SEIN. Bin nicht da, um nicht unterzugehen, sondern um vor dem sicheren Untergang zu LEBEN.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Sein? Na, da sein und ich selbst sein. Und das wird kaum statt finden, wenn ich jeden Tag im gro\u00dfen und ganzen verbringe wie den vorherigen, wenn ich nur irgendwo hingehe, wenn ich wei\u00df, was mich dort erwartet und immer nur das tue, was ich schon gut kann (anstatt z.B. Dinge zu versuchen, vor denen ich mich immer noch f\u00fcrchte).<\/p>\n<p>Was bindet mich denn &#8211; au\u00dfer dieser selbst-eingenommenen Pose der Abgekl\u00e4rtheit? Zwei Dinge, zwei beeindruckend dominante Gedankengestelle: Einerseits dieses anscheinend unausrottbare ausgerichtet- und verpflichtet sein auf Andere: das &#8222;man&#8220;, die Gesellschaft, allerlei Gruppierungen, Szenen und Interessen, politische Haltungen und spirituelle Werte &#8211; im Grunde laufe ich noch immer als Funktion\u00e4rin herum, wenn auch nicht mehr im \u00c4u\u00dferen, so doch von innen.<\/p>\n<p>Mal ein Beispiel, das vermutlich viele kennen: Ein durchschnittliches deutsches Mittagsmahl, mir unverhofft serviert, st\u00f6\u00dft unz\u00e4hlige Gedanken \u00fcber die einzelnen Bestandteile an, die im Kopf ein wirkungsm\u00e4chtiges Eigenleben f\u00fchren (z.B. Schweinefleisch\/igitt, Eier\/arme K\u00e4figh\u00fchner, gebratener Schinken\/Nitrosamine, Wei\u00dfmehlbr\u00f6tchen\/inhaltsleerer Schrott&#8230;). Als Folge ist dann jeder Bissen eine politische Grundsatzendscheidung, ein Erfolg oder Versagen angesichts selbst vertretener Werte. Ich kann von Gl\u00fcck sagen, dadurch nicht wirklich dick geworden zu sein, denn auf der Suche nach dem so eher ausbleibendem Genu\u00df (wer denkt, genie\u00dft nicht), esse ich dann gern mehr, l\u00e4nger und \u00f6fter.<\/p>\n<p>Der springende Punkt dabei ist, dass all diese Gedanken und das Einnehmen einer Haltung ihnen gegen\u00fcber es v\u00f6llig verhindern, mal darauf zu achten, was wirklich schmeckt. Dazu kommt man gar nicht, kommt nicht mal auf die Idee, sich das zu fragen. Zum einen wegen der Gedankenverstrickung selbst, die das Bewu\u00dftsein abf\u00fcllt und keinen Platz f\u00fcr den sinnlichen Genu\u00df l\u00e4\u00dft, zum andern weil dort, wo Ge- und Verbote regieren, die Gier sich unterschiedslos auf alles richtet, was auch nur den Hauch des &#8222;darauf solltest du verzichten!&#8220; tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Nun w\u00e4re es falsch, anzunehmen, die angesprochenen Haltungen und Werte seien nicht die meinen, sondern von Anderen \u00fcbergest\u00fclpt, denen ich &#8211; um besser anerkannt zu werden &#8211; kein einschl\u00e4gig s\u00fcndhaftes Leben vorf\u00fchren will. Nein, ich spalte mich innerlich auf in die \u00fcberzeugte Vertreterin allgemeiner Werte, die ich zu allererst im eigenen Handeln verwirklicht sehen will (nicht nur beredet und beschrieben) und in die Genie\u00dferin, der das alles egal ist, die aber nicht zum Zuge kommt (wollte erst schreiben &#8222;zu Wort&#8220;, aber das ist es ja gerade nicht).<\/p>\n<p>Ich merke jetzt, es sind gar keine ZWEI Gedankengestelle, sondern es ist nur eines. Wenn ich n\u00e4mlich mal von dieser st\u00e4ndigen gedanklichen Teilhabe an projizierten Allgemeinheiten absehe, sto\u00dfe ich nicht auf das zweite Gestell, sondern auf etwas, das Folge und Ursache gleichzeitig ist: Ich bin es mir nicht wert, bzw. ich wage es nicht, mal nur &#8222;f\u00fcr mich&#8220; zu sein. Das w\u00e4re es n\u00e4mlich, wenn ich meine Aufmerksamkeit darauf richten w\u00fcrde, was MIR gef\u00e4llt, was ich mir allein w\u00fcnsche. Wie aber soll ich je die Frage &#8222;Wer bin ich?&#8220; beantworten, wenn ich nicht erforsche, was da ist oder sein will, jenseits der Anderen, jenseits aller &#8222;Probleme&#8220;?<\/p>\n<p>Schon das Musik h\u00f6ren ist mir seit \u00fcber einem Jahrzehnt verschlossen &#8211; und darauf war ich sogar noch gelegentlich stolz, stolz auf diese &#8222;Stille&#8220;, weil sie sich immerhin vom allgegenw\u00e4rtigen L\u00e4rm und Berieselt-werden mit Fun- oder Trance-Musik abhebt. Dabei kann ich nur nicht auf Musik abfahren, weil sie voraussetzt, dass man mit-sich-alleine genie\u00dfen, sp\u00fcren, zuh\u00f6ren, sich den Eindr\u00fccken hingeben kann; ohne denken, ohne werten, ohne Pflichtgef\u00fchl und Sendungsbewu\u00dftsein und auch ohne Entschuldigungen zu suchen, dass man es doch tut. Dass man mal NICHTS tut&#8230;<\/p>\n<p>Ganz sch\u00f6n auf Leistung getrimmt, dieses seltsame Wesen, das ich hier wie von au\u00dfen betrachte! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im R\u00fcckblick erfindet ein jeder die eigene Vergangenheit t\u00e4glich neu &#8211; ich wei\u00df nicht mehr, wer das gesagt hat, doch zweifellos hat er recht. Jede Ver\u00e4nderung im Jetzt zeigt die Vergangenheit in anderem Licht, man merkt es allerdings nur anhand gro\u00dfer Br\u00fcche, nach Krisen, bei kleinen und gro\u00dfen Katastrophen. Jetzt zum Beispiel kann ich langsam [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148,471,9,11],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3239"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3239"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3239\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3239"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3239"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3239"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}