{"id":3238,"date":"2001-05-20T12:16:05","date_gmt":"2001-05-20T10:16:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3238"},"modified":"2021-01-19T12:17:34","modified_gmt":"2021-01-19T11:17:34","slug":"welt-gestalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/05\/20\/welt-gestalten\/","title":{"rendered":"Welt gestalten"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder fragen mich Leute angesichts des anstehenden Umzugs von Gottesgabe nach Berlin, warum ich denn &#8222;das Gr\u00fcne&#8220; verlassen und ins H\u00e4usermeer zur\u00fcckkehren will. Nicht etwa an den Stadtrand, nicht in den Speckg\u00fcrtel, sondern &#8222;in the mid of the muds&#8220;, wie es mein Lebensgef\u00e4hrte in Erinnerung der Hunde-verschissenen Berliner Gehwege so treffend ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Ich liebe das Gr\u00fcn (typisch Stadtmensch!). Wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich die Mai-seelige Biomasse spriessen, als g\u00e4lte es, bis zum Herbst das Schlo\u00df mal richtig zu \u00fcberwuchern. Der Geruch der feuchten Erde h\u00e4ngt in der Luft, vermischt mit dem Bl\u00fctenduft der \u00c4pfel, Kirschen, Linden und Kastanien. Die endlosen Weiten der mecklenburgischen Felder zeigen sich derzeit in gelb: bl\u00fchender <a>Raps<\/a>, wohin man schaut. Wundersch\u00f6n, jederzeit vom PC weggehen zu k\u00f6nnen, ein paar Schritte zu machen und im Gr\u00fcnen oder Gelben zu stehen.<\/p>\n<p>Dass ich hier weggehe, ist kein Ergebnis rationaler \u00dcberlegungen. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte ich jetzt so tun als ob und eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung anstellen, die zeigt, dass sich &#8222;unterm Strich&#8220; die Waagschale auf die Seite der Stadt senkt. Von der Realit\u00e4t w\u00e4re das weit entfernt, die immer eine Vielfalt von Ereignissen ist, die mich auf allen Ebenen beeinflussen und letztlich in eine bestimmte Richtung schieben, ziehen, mitreissen. Gegen solche Str\u00f6mungen will ich nicht mehr anschwimmen, im Gegenteil, ich will sie fr\u00fchzeitig kommen sp\u00fcren und mitgehen. Zwei ganze Jahre in einem winzigen Dorf, in einem recht leeren Land, das insgesamt nur 1,7 Millionen Einwohner hat &#8211; das ist eine lange Zeit.<\/p>\n<p>Lang genug um vieles zu erleben, was mensch sich nicht vor Augen f\u00fchrt in seiner Sehnsucht nach dem Gr\u00fcn, nach Natur, nach Tieren, Pflanzen, Erde und unmittelbar hereinbrechenden Wettern. An manchen Tagen stinkt die Landschaft zum Beispiel gottserb\u00e4rmlich, die Bauern verteilen Unmengen G\u00fclle und Kl\u00e4rschlamm auf den Feldern, man kann dem Gestank nach Schei\u00dfe und Dreck dann nirgends entkommen! Die Felder selbst, obwohl sch\u00f6n anzusehen, haben doch etwas Brachiales. Jeder Quadratmeter wird genutzt, kein Weg, kein Hain, kein Randstreifen bleibt verschont, wo nicht eine \u00fcbergeordnete Institution mit ausreichend F\u00f6rdergeldern und Vorschriften daf\u00fcr sorgt. Und das geschieht nur punktuell, dort, wo man Touristen anlocken will, die nun mal laufen oder Rad fahren wollen.<\/p>\n<p>Da\u00df f\u00fcr die Raubv\u00f6gel die quadratkilometergro\u00dfen Felder mit 1,60-Meter hohem Doppelnull-Raps tote Gegenden sind, weil es unm\u00f6glich ist, auf deren Boden zu sehen, ist den Landmenschen hier egal. Oder da\u00df es vielleicht sch\u00f6n w\u00e4re, auf direktem Fu\u00dfweg ins n\u00e4chste Dorf gehen zu k\u00f6nnen, anstatt dem weiten Umweg der Autostra\u00dfe nachlaufen oder unerlaubter Weise \u00fcber den Acker stolpern zu m\u00fcssen &#8211; kein Gedanke! Was nicht angeordnet und bezahlt wid, kommt nicht vor. Ehemals vorhandene Wege, noch von Kastanien ges\u00e4umt, sind verschwunden, der Platz f\u00fcr optimale agrarische Nutzung gewonnen. Man mu\u00df dankbar sein, dass sie wenigstens hier und da die B\u00e4ume nicht gef\u00e4llt haben!<\/p>\n<p>Was mich so belebt, wenn ich in die Stadt komme, ist zum Beispiel der \u00fcberall sichtbare Wille zur Gestaltung. Die Menschen wollen sich ausdr\u00fccken, sie gestalten und kreieren deshalb weit mehr als das, was der jeweilige Job erfordert. Gestaltung ist ein St\u00fcck Selbstverwirklichung &#8211; f\u00fcr St\u00e4dter ein Lebenselexier. Ob Hinterhofbegr\u00fcnung oder Fassadengraffiti, \u00f6ffentliche Raumplanung und Architekturwettbewerbe oder die Buntheit der Outfits und Kneipeninterieurs, die Vielfalt der Veranstaltungen und Events &#8211; jenseits aller kommerziellen Aspekte zeigt sich darin auch eine Liebe zum Dasein im Bem\u00fchen, etwas sch\u00f6ner zu machen, als es von selber schon ist.<\/p>\n<p>Das vermisse ich hier. Auf dem Land w\u00fcrde es bedeuten, das Land wirklich zu gestalten, nicht nur zu nutzen. Den Versuch, die Gegend f\u00fcr Menschen &#8211; Wanderer, Radfahrer &#8211; artgerecht anzulegen und auch den Gew\u00e4chsen und Tieren Raum zu lassen (viele sind ja in die Stadt eingewandert, da das Land ihnen zu wenig bietet). Nat\u00fcrlich braucht alles derartige dann letztlich auch Strukturen, Vorschriften, F\u00f6rdermittel &#8211; aber was mich traurig stimmt, ist die Anmutung, dass es den Bauern hier einfach kein Anliegen ist. Im Gegenteil, \u00fcberall, wo ein wenig Naturschutz und Landschaftspflege stattfinden soll, ist erstmal Kampf angesagt. W\u00e4re es anders, w\u00fcrde man hier und da etwas sehen, was vom &#8222;Willen zur Gestaltung&#8220; spricht, kleine eigene Intitaitiven. Zum Besipiel gibt es mitten in den gro\u00dfen Feldern feuchte, agrarisch nicht nutzbare L\u00f6cher, manchmal mit einem kleinen Teich, gelgentlich von B\u00e4umen umstanden &#8211; nie sah ich, dass so ein Spontan-Biotop auch nur ein wenig gepflegt w\u00fcrde, vielleicht begehbar gemacht durch einen Trampelpfad und befreit vom M\u00fcll, den manche dort versenken. Nichts!<\/p>\n<p>Dauerhaft auf dem Land leben k\u00f6nnte ich nur als B\u00e4urin, die sich mit diesen Dingen aktiv auseinander setzt und selber etwas tut, anstatt nur zu klagen und zu fordern. Letzteres funktioniert schon gar nicht, wenn man von aussen kommt, aus der fernen Metropole, dazu noch als Wessi in den Osten. Und eine B\u00e4urin werde ich in diesem Leben nicht mehr.<\/p>\n<p>Also geh&#8216; ich zur\u00fcck. In die Stadt, wo das Virtuelle den Gro\u00dfteil des Realen ausmacht, wo die Sachen nicht einfach Sachen, sondern Tr\u00e4ger von Bedeutung sind. Dort sind meine Aktionsfelder, dort treffe ich Mitspieler und Gegner, dort passen meine F\u00e4higkeiten hin, die hier nur m\u00fchsam durch ein 1024 x 800 Pixel-Fenster transportierbar sind.<\/p>\n<p>In Friedrichshain gibt es deutlich mehr B\u00e4ume als in meinem alten Kiez in Kreuzberg. Immerhin. <!--more--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder fragen mich Leute angesichts des anstehenden Umzugs von Gottesgabe nach Berlin, warum ich denn &#8222;das Gr\u00fcne&#8220; verlassen und ins H\u00e4usermeer zur\u00fcckkehren will. Nicht etwa an den Stadtrand, nicht in den Speckg\u00fcrtel, sondern &#8222;in the mid of the muds&#8220;, wie es mein Lebensgef\u00e4hrte in Erinnerung der Hunde-verschissenen Berliner Gehwege so treffend ausdr\u00fcckt. 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