{"id":3237,"date":"2001-05-17T12:14:26","date_gmt":"2001-05-17T10:14:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3237"},"modified":"2021-01-19T12:15:55","modified_gmt":"2021-01-19T11:15:55","slug":"vertrauen-zum-arzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/05\/17\/vertrauen-zum-arzt\/","title":{"rendered":"Vertrauen zum Arzt?"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\"> Wie entsteht Vertrauen? Doch ganz gewi\u00df nicht, indem man es einfach einfordert! Die meisten Schulmediziner wissen heute, dass ihnen viele Patienten nicht mehr \u00fcber den Weg trauen und bem\u00fchen sich deshalb um Transparenz. Alles wird genau erkl\u00e4rt, die m\u00f6glichen Diagnose- und Therapieverfahren vorgestellt und besprochen &#8211; zumindest hab&#8216; ich das so erlebt, schon vor vielen Jahren, damals, als ich noch \u00f6fter zum Arzt gegangen bin.<\/p>\n<p>Hier auf dem Land bin ich mit meinen nun schon viele Wochen andauernden Beschwerden einfach ins n\u00e4chste Dorf gegangen, wo eine anthroposophische \u00c4rztin praktiziert. Wenn n\u00f6tig, so dachte ich mir, wird sie schulmedizinische Behandlungen anwenden, und ansonsten ihre bevorzugten Alternativen vorstellen.<\/p>\n<p>So ein Arztbesuch ist immer auch eine Selbsterfahrung, wie man sie nicht alle Tage erlebt. Dass meine Neigung zur Alternativmedizin eine recht intellektuelle Angelegenheit ist, wei\u00df ich schon l\u00e4nger: Wenn&#8217;s ans eigene Leben geht (\u00fcbertrieben ausgedr\u00fcckt!), dann will ich erstmal Fakten, Fakten, Fakten, also eine klare Diagnose. Und dann eine Reihe begr\u00fcndeter Therapievorschl\u00e4ge, klassische und alternative, jeweils mit Risiken und Chancen vorgetragen. Anspruchsvoll, ich wei\u00df, aber ich kann nicht zur\u00fcck und &#8222;einfach glauben&#8220;, dem Arzt vertrauen, dass er wei\u00df&#8230;. Denn ich wei\u00df, dass sie oft nichts wissen, da\u00df sie manchmal das Falsche denken und &#8211; genau wie in anderen Berufen auch &#8211; gelegentlich im Tr\u00fcben fischen und halt herumprobieren. Kann ich verstehen, doch wenn ich selbst das Aktionsfeld bin, werde ich \u00fcbervorsichtig, ja \u00e4ngstlich.<\/p>\n<p>Erst recht, wenn mir jemand gleich eine Behandlung anbietet, bevor auch nur der Schimmer einer Diagnose da ist. Eigenbluttherapie! Man entnimmt Venenblut und spritzt es wieder in die Muskeln. Wird seit 100 Jahren erfolgreich angewendet, sagt die \u00c4rztin. (Und von der Kasse nicht bezahlt, konnte ich im Wartezimmer an der Wand lesen). Ich hasse es auf jeden Fall, gestochen zu werden und nehme das bei einer Blutuntersuchung nur z\u00e4hneknirschend in Kauf, weil es mir sinnvoll vorkommt, nach Viren und Entz\u00fcndungen zu forschen. Aber das? Einfach so, ohne zu wissen, was los ist? Ohne da\u00df ich wei\u00df, was das wie bewirken soll?<\/p>\n<p>Heute, nach einem wenig ergiebigen Bluttest, hab&#8216; ich den wiederholten Vorschlag (&#8222;Ich m\u00f6chte jetzt wirklich die Eigenbluttherapie mit Ihnen machen&#8220;) glatt abgelehnt. Mit dem Hinweis auf meine leichte Spritzenphobie und mit der Bemerkung, ich w\u00fcrde mich gern erstmal \u00fcber das Verfahren ausf\u00fchrlich informieren.<\/p>\n<p>Naja, vermutlich ist so ein f\u00fcr mich ganz selbstverst\u00e4ndliches Verhalten f\u00fcr ihre Patienten nicht typisch. Und immerhin versuchte sie, nicht allzu bleidigt zu wirken, sondern lie\u00df mich nur wissen, da\u00df sie sich w\u00fcnsche, Ihre Patienten w\u00fcrden ihr vertrauen. Es war mir nicht besonders wohl dabei, an ihrer Entt\u00e4uschung schuld zu sein, doch konnte und wollte ich nicht &#8222;ihr zuliebe&#8220; anders handeln. Schlie\u00dflich ist es mein K\u00f6rper, meine Krankheit, meine Angst. Ich sagte klar und deutlich, da\u00df es f\u00fcr mich nicht in Frage kommt, eine solche Sache mit mir machen zu lassen und auch noch &#8222;extra&#8220; daf\u00fcr zu bezahlen, ohne mehr dar\u00fcber zu wissen. (Dass ich das im Internet recht schnell recherchieren kann, hatte ich schon erw\u00e4hnt. Ist nicht so gut angekommen..).<\/p>\n<p>Ob ich denn \u00fcberhaupt bereit sei, irgendwelche Mittel zu nehmen, z.B. hom\u00f6opathische? Klar, ich war froh, hier endlich mal JA sagen zu k\u00f6nnen! Erstens hatte ich damit schon mal eine heilende Wirkung erlebt, und zweitens sind die &#8222;Globuli&#8220; schulmedizinisch gesehen sowieso wirkungslos, was die wissenschaftsgl\u00e4ubige Seite in mir beruhigt. Die Theorie, wie die bis zum &#8222;Nichts-mehr-drin&#8220; potenzierten Mittel wirken sollen, ist mir au\u00dferdem gel\u00e4ufig, wenn auch wissenschaftlich nicht best\u00e4tigt (Die Pharma-Industrie h\u00e4tte hier viel zu verlieren, das bedenke ich gleich mit). \u00dcber Hom\u00f6opathie konnte ich schon oft nachlesen, ich kenne Geheilte und sogar einen praktizierenden Hom\u00f6opathen, der mir vertrauensw\u00fcrdig vorkommt.<\/p>\n<p>Ihn lernte ich vor Jahren als Auftraggeber einer Website kennen und wir sind in gute Mail-Gespr\u00e4che geraten, Dialoge \u00fcber Gott und die Welt, aber nie \u00fcber Krankheiten. Trotzdem, oder gerade deswegen, kann ich ihm jetzt vertrauen, wom\u00f6glich auch &#8222;als Arzt&#8220;. Doch w\u00e4re er auch nie im Leben beleidigt, wenn ich \u00fcber eine Sache mehr wissen wollte! Im Gegenteil, er w\u00fcrde mir gescannte Artikel schicken, mich auf B\u00fccher und URLS hinweisen und mir vermutlich auch herrschende und Mindermeinungen mit ihren jeweiligen Begr\u00fcndungen vortragen, wenn das noch nicht reicht. (Wie er das bei seinen Patienten h\u00e4lt, mu\u00df ich ihn direkt mal fragen..;-)<\/p>\n<p>Vertrauen entsteht, wenn man sich dem Anderen zeigen kann und er das, was er zu sehen bekommt, erstmal so akzeptiert. Ohne Murren und Beleidigtsein, ohne Bezug aufs eigene Ego. Gef\u00fchle hab&#8216; ich selber genug, wenn ich mich krank f\u00fchle! Mit einem Arzt will ich mich beraten, will die Lage sichten und die M\u00f6glichkeiten besprechen, bei freier Wahl der informatorischen Basis, bzw. im Austausch \u00fcber die Quellen. Die Intensit\u00e4t dieses Forschens und Besprechens bemesse ich danach, wie gef\u00e4hrdet ich mich f\u00fchle und als wie offen und zur Transparenz bereit ich den Arzt erlebe. Weiter mu\u00df ich das Gef\u00fchl haben, da\u00df mein eigenes Erleben als Quelle erster Ordnung gilt und nicht nur das, was Tests oder spontane Einf\u00e4lle gerade ergeben.<\/p>\n<p>Wenn ich z.B. wochenlang morgens und abends leichtes Fieber habe, das ich nur f\u00fcr den Besuch beim Arzt mal mit einem Thermometer messe, sollte der mir das glauben &#8211; und nicht auf eine andere Me\u00dfweise umrechnen und sagen, die Werte seien normal. Oder mir eine Tabelle \u00fcber eine Woche als Hausaufgabe mitgeben. Wenn ich mit 47 n\u00e4mlich noch immer nicht sp\u00fcren k\u00f6nnte, wann ich Fieber habe, w\u00e4re ich vermutlich schon fr\u00fch gestorben und h\u00e4tte das nicht mal bemerkt!!!<\/p>\n<p>Alternative \u00c4rzte, das hab&#8216; ich schon verschiedentlich erlebt, widmen durchaus dem einzelnen Patienten viel Zeit. Das ist der gr\u00f6\u00dfte Unterschied zum Schulmediziner, sozusagen der Ausweis der &#8222;anderen Medizin&#8220;. Was hilft es aber, wenn sie dabei nicht fragen, ob ich z.B. trinke oder rauche, sich f\u00fcr die Lebensumst\u00e4nde nicht weiter interessieren, wenn Gewicht und Ern\u00e4hrung kein Thema sind, sondern der Arzt eher selber viel redet, von diesem und jenem und vor allem von sich?<\/p>\n<p>Genug davon. Eigentlich hatte ich nicht vor, jemals im Diary eigene Krankheiten zu erw\u00e4hnen. Mit Grausen erinnere ich mich an einen Studenten-Job in der Zentralkarte beim Bundeskriminalamt, damals in Zeiten der Papierakten und riesigen Karteimaschinen. Ausser mir waren da noch 50 alte M\u00e4nner, die keine anderen Themen kannten als ihre Kranheiten. Morgens ging es los mit der Farbe des Urins, \u00fcber den Tag folgten anstehene Operationen und Kuren, die jeweiligen Medikamentierungen und dann die der Bekannten und Verwandten zum Vergleich, nat\u00fcrlich Vor- und Nachteile verschiedener Fach\u00e4rzte, und so weiter. Nur mittags kurz unterbrochen von freiwilligem Aktenstudium, wenn n\u00e4mlich die gelben Formulare mit den Sexualdelikten herumgereicht wurden (damit wir anhand der T\u00e4ternamen die Aktennummer heraussuchen).<\/p>\n<p>So wollte ich nie werden! Doch jetzt stelle ich fest, da\u00df ich auch bei Krankheit nicht gern schweige. Das Webdiary benutze ich, um Klarheit und Distanz zu gewinnen, mich ein bi\u00dfchen von au\u00dfen zu sehen. Auch manchmal, um zu schimpfen, um \u00fcber die Dinge zu lachen, um meine eigene Beschr\u00e4nktheit wahrzunehmen und die der Anderen zu verstehen. Damit ausgerechnet dann aufzuh\u00f6ren, wenn&#8217;s ernst wird, und mich in meine H\u00f6hle zu verziehen, bis das Wetter wieder besser ist, ist definitiv nicht mein Weg. Andere Themen, andere Seiten, andere Autoren sind ja zum Gl\u00fcck immer nur einen Mausklick entfernt ;-) <\/span><!--more--><!--more--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie entsteht Vertrauen? 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