{"id":3235,"date":"2001-05-10T12:11:06","date_gmt":"2001-05-10T10:11:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3235"},"modified":"2021-01-19T12:12:50","modified_gmt":"2021-01-19T11:12:50","slug":"buecher-loswerden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/05\/10\/buecher-loswerden\/","title":{"rendered":"B\u00fccher loswerden"},"content":{"rendered":"<p>Mit B\u00fcchern hat es eine eigene Bewandnis, so als w\u00e4ren sie ein bi\u00dfchen weniger &#8222;Ding&#8220; als andere Gegenst\u00e4nde. Man kann sie zum Beispiel nicht einfach so wegwerfen, bei mir zumindest taucht schon beim Gedanken daran ein Schuldgef\u00fchl auf: Das kannst du doch nicht machen! Das k\u00f6nnte ja noch jemand anders lesen&#8230; B\u00fccher sind sorgsam zu behandeln und mit Respekt ordentlich in Regale zu stellen. Ihre &#8222;Aura&#8220; macht ein Zimmer gem\u00fctlich, auch wenn man schon Jahre nicht mehr &#8218;reingesehen hat. Und: Wer seine Zimmer mit B\u00fccherw\u00e4nden f\u00fcllt, ist vermutlich kein Neonazi, oder?<!--more--><\/p>\n<p>Ganz allgemein scheint &#8222;das Gute&#8220; zumindest in den virtuellen Welten der B\u00fccher seinen Ort zu haben, denn die h\u00f6chsten Strebungen der Menschen lassen sich immerhin in Texte fassen, wenn schon nicht in der Welt verwirklichen. Solche B\u00fccher loswerden zu wollen, kommt fast einer Distanzierung von den Inhalten gleich, zumindest solange man den seltsamen Gef\u00fchlen nicht genauer nachsp\u00fcrt, die ein &#8222;Hau weg den Schei\u00df&#8220; als gro\u00dfe S\u00fcnde wider den Geist erscheinen lassen.<\/p>\n<p>Schon vor ein paar Tagen hatte ich beschlossen, die schweren Billy-Regale nicht wieder mit nach Berlin zu nehmen. Schon jetzt enthalten die nicht mehr nur B\u00fccher, sondern allerlei IT-Magazine in Schubern, diverse Aktenordner aus den Beh\u00f6rdenwelten und Schachteln mit technischem Abfall (Kabel, PC-Teile, nie benutzte Kleinger\u00e4te etc.). Die Magazine kommen endlich weg, keine Frage. Jahr um Jahr hatte ich zumindest den jeweils letzten Jahrgang der Internet-World behalten &#8211; und dann doch nie zum zweiten Mal in ein gelesenes Heft geschaut. Es reicht. Komisch genug, dass ich solange dachte, die &#8222;sicherheitshalber&#8220; nicht wegwerfen zu k\u00f6nnen. Dabei hole ich Antworten auf technische Fragen ja doch immer aktuell aus dem Netz.<\/p>\n<p>Dann aber die B\u00fccher. Jedes Einzelne nehme ich in die Hand und frage mich: Werde ich da nochmal reinsehen? Bei den Unterhaltungsromanen, die sich in den letzten zwei Jahren aus schierer Langeweile hier angeh\u00e4uft haben, gibt es kein Problem, die kommen alle weg: Thriller, Krimis, die Bestseller-Listen rauf und runter, ob anspruchsvoll oder platt, Gef\u00fchle spielen keine Rolle, allenfalls ist der Geldwert zu beachten. Irgendwie m\u00fc\u00dfte ich die alle zusammen verkaufen. Gleich mit aussortiert wird die neue Literatur, die paar B\u00fccher, die ich mir aufgrund des &#8222;\u00f6ffentlichen Gespr\u00e4chs&#8220; interessehalber zulegte und dann doch nur mit M\u00fche zu Ende lesen konnte, wenn \u00fcberhaupt. Die h\u00e4tte ich zum Beispiel fr\u00fcher nicht abgeschafft. Wenn sie mich schon nicht ergreifen, so machen sie doch was her! Aber auch wenn mich ein Buch &#8222;ergreift&#8220;: Warum es behalten? Das Erlebnis l\u00e4\u00dft sich nicht wiederholen, was bleibt, ist das Status-Symbol: Wow, Claudia liest zeitgen\u00f6ssische Literatur, k\u00f6nnte ja ein Besucher denken&#8230;<\/p>\n<p>Also weg, schlie\u00dflich liegt die Teeny-Zeit lange hinter mir, wo ich noch Freuds &#8222;Unbehagen in der Kultur&#8220; und Suzukis Zen-Buch &#8222;vor Besuch&#8220; un\u00fcbersehbar aufs Tischchen drapierte (immerhin hatte ich die gelesen). Jetzt erinnere ich mich auch an eine alte Freundin, die ganz besonders hohe Regale hatte und ihre B\u00fccher an der Decke entlang aufstellte, damit niemand aus ihrem Lesestoff R\u00fcckschl\u00fcsse ziehen kann. Auch dar\u00fcber bin ich seit Jahren weg, sonst h\u00e4tte ich mich nie getraut, die Frauenm\u00f6rder-Krimis in Augenh\u00f6he aufzustellen.<\/p>\n<p>Houellebecq ist geblieben, was aktuelle Literatur angeht. Und von den Thrillern die drei B\u00e4nde von Samuel Shem (House of God, Mount Misery, Dr.Fine). Irgendwann wird mir ein Medizinstudent oder k\u00fcnftiger Psychiater begegnen, dem ich sie schenken kann. Zu passenden Gelegenheiten verschenken w\u00fcrde sich nat\u00fcrlich f\u00fcr die meisten B\u00fccher anbieten, doch dann m\u00fc\u00dfte ich sie erstmal alle weiterschleppen, bewahre! Au\u00dferdem halte ich &#8222;Belehrungsgeschenke&#8220; mittlerweile f\u00fcr nutzlos und anma\u00dfend, es sei denn, das Buch ist wirklich in einer bestimmten Frage ganz besonders herausragend und dazu noch mitreissend, wie eben &#8222;House of God&#8220; bez\u00fcglich des Arztberufs, oder Dr.Fine f\u00fcr Psychoanalytiker.<\/p>\n<h2>Im Allerheiligsten wildern<\/h2>\n<p>Jetzt geht&#8217;s dann aber ans &#8222;Eingemachte&#8220;: Philosophische und spirituelle Schriften, geistreiche Essays &#8211; will ich die wirklich loswerden? Hier sp\u00fcre ich am st\u00e4rksten, das B\u00fccher mit Identit\u00e4t, der Vorstellung vom eigenen Ich zu tun haben. Fast sp\u00fcre ich die Trennung k\u00f6rperlich und doch ist es auch ein Gef\u00fchl der Befreiung. Schlie\u00dflich gewinnt man zu gewissen Themen im Lauf des Lebens eine eigene Haltung, eine Praxis oder auch begr\u00fcndete Ignoranz, die keine Text-Inputs mehr braucht.<\/p>\n<p>Und so verschwinden die meisten B\u00fccher \u00fcber Meditation, die Reste magischen Denkens, die letzten New-Age-Apologeten und Lebenskunst-Berater (geblieben: Ken Wilber, Harry Palmer, vorerst) und alles \u00fcber paranormale Zust\u00e4nde. Tsch\u00fcss auch f\u00fcr Baghwan (behalten: Das Herz-Sutra), Alan Watts, Ram Dass, Reshad Feild, Rudolph Steiner sowieso. Die &#8222;zynische Vernunft&#8220; von Sloterdijk verabschiede ich locker, auch die &#8222;Gro\u00dfe Mutter&#8220; von Neumann, das letzte Werk zur Geschlechterfrage, das hier &#8211; weil ungelesen &#8211; noch \u00fcberlebt hatte. Erhalten bleiben auch Vill\u00e9m Flusser und ein paar kleine B\u00e4ndchen diverser Franzosen (Baudrillard u.a.). Hier merke ich, dass das Gewicht eines Werkes gro\u00dfe Bedeutung hat: W\u00e4ren das schwere W\u00e4lzer, k\u00e4men sie ganz klar weg. Vielleicht ein Hinweis f\u00fcr Verlage, bevorzugt kleine schlanke und leichte B\u00fccher herauszugeben, die haben bessere Chancen, bei Umz\u00fcgen mitzukommen.<\/p>\n<p>Was noch? Ein paar Yoga-B\u00fccher, ZEN-Schriften, S\u00f6gial Rinpoche und Ch\u00f6gyam Trungpa, ein bi\u00dfchen Nietzsche und Heidegger, (eh nicht mehr in verkaufsf\u00e4higem Zustand), Safranskis Werke \u00fcber diesselben und Gurdjeffs &#8222;Kampf gegen den Schlaf&#8220;. Letzteres ist ein gutes Beispiel f\u00fcr dieses absurde &#8222;Behalten&#8220;: vor drei\u00dfig Jahren verschlungen, vor zwanzig dann nochmal, vermutlich werde ich es nie wieder \u00f6ffnen &#8211; und doch gebe ich es nicht weg. Vielleicht aus dem Gef\u00fchl, dass zumindest das Thema f\u00fcr mich nicht abgehakt ist, wenn mir auch heute Gurdjeffs Worte nicht mehr weiter helfen, allenfalls das Leben selbst.<\/p>\n<p>Zuletzt die Sachb\u00fccher. Einfach zu entsorgen ist &#8222;Geld verdienen am neuen Markt&#8220; &#8211; bin ich froh, es letztlich doch nicht gewagt zu haben! Auch andere B\u00fccher \u00fcber Geld verschwinden, dazu der ganze Cyber und Net-Hype, schlie\u00dflich die nur einmal kurz durchbl\u00e4tterten Bildb\u00e4nde (Landschaften, Design, Anatomie&#8230;). Die allein ersparen dem Umzug gleich mehrere Kilos. Auch \u00fcber den &#8222;Weg des Schreibens&#8220; mu\u00df ich nicht mehr nachlesen. Aber &#8222;Suspense&#8220; von Patricia Highsmith bleibt, vielleicht schreib ich ja doch nochmal einen Thriller, ihre Tips sind das Beste auf dem Gebiet! Werke \u00fcber Graupapageien, H\u00fchner und Pilze verabschiede ich, daf\u00fcr bleiben ein paar Kochb\u00fccher (italienisch, schw\u00e4bisch, asiatisch), K\u00fchnels Javascript-Workshop, Gephard-Seeles &#8222;So bekommen Sie Auftr\u00e4ge&#8220; (auch ein Scientologe kann offensichtlich gute Sachen schreiben) und Shepard Nulands &#8222;Wie wir sterben&#8220;, das Gegengift zu K\u00fcbler Ross, die schon den vorletzten Umzug nicht \u00fcberlebt hatte.<\/p>\n<p>Ich z\u00e4hle. Ungef\u00e4hr 80 B\u00fccher sind \u00fcbrig, zweieinhalb Regalbretter. Wenn ich die so ansehe, wei\u00df ich, dass bei tieferem &#8222;In-mich-gehen&#8220; noch einige verschwinden w\u00fcrden &#8211; mu\u00df aber nicht sein, ich gehe sanft mit mir um, dulde verschiedene Macken und zerreisse keine Bindungen, wenn es weh tun w\u00fcrde. Vielleicht beim n\u00e4chsten Umzug.<\/p>\n<p>Wow, das ist ein langer Eintrag geworden, B\u00fccher sind halt was Besonderes, am liebsten w\u00fcrde ich f\u00fcr jedes einen eigenen Nachruf schreiben! Welche B\u00fccher werden wohl noch \u00fcbrig sein, wenn ich sterbe? Ganz kurz reizt mich der Gedanke an diese ganz pers\u00f6nliche &#8222;Besten-Liste&#8220; &#8211; dann denke ich an das Gef\u00fchl der Befreiung, wenn wieder so ein &#8222;wichtiges&#8220; Buch verschwindet: weil ich ich \u00fcber sein Thema nicht mehr lese, sondern es lebe. Von daher gedacht, w\u00e4re es optimal, ganz ohne Buch zu sterben. Und umgekehrt w\u00fc\u00dfte ich, dass der Zeitpunkt gekommen ist, sobald ich das letzte Buch ohne Gef\u00fchlswallung weggebe.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit B\u00fcchern hat es eine eigene Bewandnis, so als w\u00e4ren sie ein bi\u00dfchen weniger &#8222;Ding&#8220; als andere Gegenst\u00e4nde. 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