{"id":3234,"date":"2001-05-19T12:09:43","date_gmt":"2001-05-19T10:09:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3234"},"modified":"2021-01-19T12:10:49","modified_gmt":"2021-01-19T11:10:49","slug":"mal-wieder-materie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/05\/19\/mal-wieder-materie\/","title":{"rendered":"Mal wieder: Materie"},"content":{"rendered":"<p>Zu wissen, dass das Leben auf Schlo\u00df Gottesgabe bald zu Ende ist, ohne noch zu wissen, was genau danach kommt, ergibt einen seltsamen Zustand zwischen hier und dort, ein Unterwegs-Sein ohne Bewegung, gelegentlich begleitet von recht wechselhaften Gef\u00fchlen: Freude auf das Neue, aber auch Horror vor dem ganzen Aufwand und manchmal einfach Angst vor dem Ungewissen.<\/p>\n<p>Diese Gef\u00fchle beachte ich m\u00f6glichst nicht weiter, schlie\u00dflich sind das alles nur Gedanken. Sie haben nichts mit der konkreten Situation zu tun, in der einfach ein Augenblick dem anderen folgt. Wenn ich bei diesen Augenblicken bleibe, gibt es keine Probleme, nur verschiedene Anforderungen, die weder besonders erfreulich noch irgendwie erschreckend w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Halt, nicht ganz! Erfreulich finde ich die Notwendigkeit, mich wieder mal von allerlei &#8222;Zeug&#8220; zu trennen. Die Vorstellung, alles, was hier herumsteht, nach Berlin zu transferieren, ist so abschreckend, dass ich am liebsten nur mit einer Tasche und ein paar Aktenordnern (die wird man ja nicht los!) ganz neu anfangen w\u00fcrde. Eigentlich besitze ich schon jetzt nicht viel, ein paar B\u00fccherregale (Typ Billy, Presspan, schwer!), ein altes Sofa, das Bett (Bio, breit, schwer), ein dummerweise hier angeschafftes Vollholz-Sideboard (auch schwer), einen metallenen Aktencontainer, einen kleinen Tisch, diverse kleine Teppiche, Lampen, ein H\u00e4ngeregal, einen guten B\u00fcrostuhl &#8211; und nat\u00fcrlich das PC-Equipment. Schon der Tisch, auf dem der PC steht, ist ein Leihm\u00f6bel wie auch die kleinen Korbsessel: das stand hier alles in den Kellern herum und dr\u00fcben im &#8222;Sozialtrakt&#8220; der alten Schweinzuchtanlage fand sich ein leichter Holzschrank, den ich eigentlich richtig restaurieren wollte, jetzt lass ich ihn da, dem Holzbock zum Fra\u00df, der sich sowieso schon daran g\u00fctlich tut.<\/p>\n<p>Ich tr\u00e4ume von mobilen M\u00f6beln, die eine Person mit einem PKW an einem Nachmittag umziehen kann! Denn je mehr Stoff ich von einem Ort zum anderen bewegen mu\u00df, desto belasteter ist die Wohnungssuche: Je h\u00f6her der erforderliche Aufwand, desto optimaler mu\u00df die k\u00fcnftige Bleibe sein. Man kann dann ja nicht so einfach wieder weg, wenn sich vielleicht nach ein paar Monaten zeigt, dass es der falsche Ort ist.<\/p>\n<p>In meiner ersten eigenen Wohnung fand ich das Sammeln, Horten und Anh\u00e4ufen m\u00f6glichst vieler toller Dinge noch ganz normal. Mein Samstags-Sport war der Besuch von Flohm\u00e4rkten, immer auf der Jagd nach h\u00fcbschen Gegenst\u00e4nden. Erst Berlin, wo ich binnen weniger Jahre sieben Mal im selben Kiez umgezogen bin, belehrte mich eines Besseren. Die Umzugsfeste (10 Freunde schleppen einen Tag lang, drei Treppen runter, vier Treppen rauf, danach wird gefeiert) verloren schon bald ihren Reiz. Als erstes trennte ich mich von allen B\u00fcchern, die ich sowieso nie mehr lesen w\u00fcrde. Und wenn man mal mit dem sich-von-den-Dingen-trennen anf\u00e4ngt, macht es richtig Spa\u00df, Ballast abwerfen tut einfach gut. Einige meiner Stationen waren besetzte H\u00e4user, wo es sowieso obsolet schien, sich fest zu etablieren, schlie\u00dflich konnte man jederzeit rausfliegen. Sowas pr\u00e4gt. Und wenn ich es recht bedenke, ist es doch eigentlich der Grundzustand im Leben: Jederzeit kann Schlu\u00df sein, wozu sich also so tief in die Materie einschreiben?<\/p>\n<p>Einmal kam ich mit dieser minimalistischen Linie ins Zweifeln. Eine gute Freundin wollte ihren Mann verlassen. Die beiden hatten ein gemeinsames Haus am Rande Berlins, das deshalb verkauft werden mu\u00dfte. W\u00e4hrend einiger Monate machten sie jedoch die Trennung r\u00fcckg\u00e4ngig und kauften zusammen ein neues Haus. Mehrere Wochen lang waren sie mit DEM UMZUG besch\u00e4ftigt und ich konnte zum ersten Mal genau sehen, was alles da ist, wenn man nie etwas wegwirft &#8211; weil eben Platz genug ist, das alles irgendwo wegzustauen. Nat\u00fcrlich sagte ich mir: Sei froh, dass dich sowas niemals trifft! Aber irgendwo meldete sich auch der Gedanken: Die haben es doch zu was gebracht! Da kann man richtig sehen, wof\u00fcr sie gearbeitet haben, \u00fcberall stehen WERTE herum, gute teure Dinge, die zwei kinderlose Verdiener sich im Lauf der Zeit locker anschaffen k\u00f6nnen &#8211; und ich?<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck ist die Irritation folgenlos geblieben. Wie man sich in diesen Dingen verh\u00e4lt, l\u00e4\u00dft sich sowieso nicht &#8222;machen&#8220;, es geschieht einfach, entlang am eigenen Temperament. Ich bin schlicht zu faul und zu textorientiert, um viel Wert auf die materielle Umgebung zu legen, und das ist Vorteil und Nachteil zugleich.<\/p>\n<p>Im Moment freu ich mich aber \u00fcber den Vorteil, schlie\u00dflich ist ein Umzug in Sicht. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu wissen, dass das Leben auf Schlo\u00df Gottesgabe bald zu Ende ist, ohne noch zu wissen, was genau danach kommt, ergibt einen seltsamen Zustand zwischen hier und dort, ein Unterwegs-Sein ohne Bewegung, gelegentlich begleitet von recht wechselhaften Gef\u00fchlen: Freude auf das Neue, aber auch Horror vor dem ganzen Aufwand und manchmal einfach Angst vor dem [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148,11],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3234"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3234"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3234\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3234"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3234"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3234"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}