{"id":3227,"date":"2001-04-25T16:28:07","date_gmt":"2001-04-25T14:28:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3227"},"modified":"2021-01-18T16:30:38","modified_gmt":"2021-01-18T15:30:38","slug":"anspruch-und-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/04\/25\/anspruch-und-wirklichkeit\/","title":{"rendered":"Anspruch und Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Endlich ist es w\u00e4rmer geworden, daf\u00fcr sch\u00fcttet es gleich wieder. Selten so einen floppenden Fr\u00fchling erlebt. Andrerseits sagt ein alter Spruch &#8222;es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Klamotten&#8220;. Ich finde, das hat was, nur ICH hab&#8216; es offensichtlich nicht. Wie immer: weder die richtigen Kleider, noch die richtige Einstellung, nicht gen\u00fcgend Flexibilit\u00e4t und nicht die rechte &#8222;Offenheit f\u00fcr den Augenblick&#8220;. Auch mangelt es deutlich an Achtsamkeit f\u00fcr die materielle Umwelt. Schon wieder mu\u00df ich eine neue Batterie kaufen, weil ich unbemerkt im Auto das Standlicht eingeschaltet hatte &#8211; und nach zwei Tagen war es nat\u00fcrlich aus mit dem Strom! Dabei schalte ich sogar absichtlich das Licht nicht ein, solange es halbwegs hell ist, DAMIT ich nachher nicht vergessen kann, es auszuschalten. Neuere Autos fiepen aus gutem Grund, wenn man das Licht brennen l\u00e4\u00dft, die sind schon f\u00fcr das Monitor-orientierte Bewu\u00dftsein ausgelegt, ein Bewu\u00dftsein, das auf einer hellen rechteckigen Fl\u00e4che alles optimal im Griff hat, dort unter Umst\u00e4nden zu hochkomplexen Leistungen aufl\u00e4uft &#8211; aber wehe, mensch bewegt sich im realen 3-D-Raum!<!--more--><\/p>\n<p>Dort, im richtigen Leben, hatte ich heut&#8216; auch ein Erfolgserlebnis. Bei einem Besuch in der Shopping-Mall beschlo\u00df ich, gleich &#8222;aush\u00e4usig&#8220; zu essen. Das mache ich immer dann, wenn ich von der Sauna komme, und zwar ohne das \u00dcber-Ich bei der Speisenwahl mitreden zu lassen, zu diesem einen Termin NICHT! Es guckt mir ja niemand zu, weder mein Lebensgef\u00e4hrte, noch mein Yogalehrer und auch keine un\u00fcberschaubare Lesergemeinde. Ganz allein in der Fressmeile folge ich meinen Gel\u00fcsten, kopfsch\u00fcttelnd zwar, aber ich mach&#8217;s! Und wohin f\u00fchrt mich das regelm\u00e4\u00dfig? Zum mecklenburgischen Brachial-Essen, dieses Deutsch-wie-bei-Muttern-Angebot: Schweinebraten, Eisbein, Kassler, Rippchen und dergleichen Schrecknisse jeder entwickelten E\u00dfkultur. Monatelang war meine Wahl immer wieder Kasslerbraten mit Sauerkraut und Salzkartoffeln, vielleicht eine fr\u00fchkindliche Pr\u00e4gung? Ich verschlang es jedenfalls mit Genu\u00df und einem Gef\u00fchl wie mit 14, wenn ich ohne Wissen meiner Eltern meinen Freund traf, anstatt in die Schule zu gehen.<\/p>\n<p>Heute stand ich also wieder davor, durchaus hungrig &#8211; und hatte keine Lust mehr! Die ganze Wer-ist-schon-Siebeck-Palette hatte ihren Reiz verloren. Und nicht etwa, weil sie \u00f6kologisch unkorrekt, spirituell belastend, verbraucherpolitisch kontraproduktiv und ern\u00e4hrunsm\u00e4\u00dfig das Letzte ist, sondern EINFACH SO. Schwer begeistert ging ich zum Griechen und nahm einen kleinen (!) D\u00f6ner-Teller mit Salat. Wow!<\/p>\n<p>Ich denke daran, \u00f6fter mal einfach das zu vertiefen und auf die Spitze zu treiben, was von selber kommt, anstatt mich st\u00e4ndig in einer Spaltung zwischen Sein und Sollen aufzuhalten. Es ist MEIN Leben und im Grunde kr\u00e4ht doch kein Hahn danach, ob und wenn ja welchen Anspr\u00fcchen und Vorstellungen ich gerecht werde oder eben nicht. W\u00fcrde sich durch &#8222;Wohlverhalten&#8220; etwas \u00e4ndern, st\u00e4nde es ja daf\u00fcr, doch oft und oft \u00e4ndert sich gar nichts, ich stecke einfach fest in diesem Zwiespalt: mal klappt das &#8222;richtige Leben&#8220; und ich klopf mir auf die Schulter, beim n\u00e4chsten Mal werde ich wieder schwach. Wie langweilig.<\/p>\n<p>Hier auf dem Land hab&#8216; ich zum Beispiel festgestellt, da\u00df meine Lust, einen Garten umzugraben, etwas zu pflanzen und st\u00e4ndig gegen die Schnecken zu k\u00e4mpfen, schnell an Grenzen kommt. Es war eine VORSTELLUNG, Teil meines Traums vom Landleben. Fakt ist, da\u00df mich das Umgraben zu sehr anstrengt, da\u00df mir die Schnecken eigentlich schnuppe sind, und mehr als ein paar Salate wollte ich sowieso nie. Zusehen w\u00fcrde ich dagegen gern! Gelegentlich mal gucken, wie jemand mit seinem gr\u00fcnen Daumen einen bunten Garten zum Bl\u00fchen und Fruchten bringt &#8211; na, und so sind die anderen Mieter hier auch drauf, also ist nicht viel mit Garten!<\/p>\n<p>Und noch ein Beispiel: Um mal &#8222;unter Leute zu kommen&#8220; besuchte ich neulich eine Polnisch-Probestunde in der Volkshochschule Schwerin &#8211; warum nicht die Sprache des Nachbarlandes lernen, dachte ich mir so. Die Lehrerin war wirklich gut, allerdings merkte ich, dass ich f\u00fcr diese Art Unterricht nicht bereit bin, nicht \u00f6fter als einmal. Denn, anders als man normalerweise Schule oder Fortbildung kennt, wo immer der dran kommt, der sich freiwillig meldet, wurden wir durch die Bank abgefragt, mu\u00dften laufend S\u00e4tze wiederholen, Redewendungen bilden, kurzum: st\u00e4ndig aufmerksam und aktiv sein, fast zwei Stunden lang. Klar, so lernt man am besten, aber ich hatte ja eigentlich keinen zwingenden Grund, mir das zuzumuten. Und wieder eine Selbsterkenntnis: Ich mag nicht augenblicklich ins Leben einsteigen, ich will es &#8222;on demand&#8220;, eine Zeit lang zugucken und mitmachen, wenn mir danach ist, und zwar genau solange, wie ich mag.<\/p>\n<p>Jetzt werde ich einfach mal mein real-existierendes So-Sein nutzen und genie\u00dfen, anstatt es st\u00e4ndig zu verurteilen und \u00e4ndern zu wollen. Wenn ich verdammt nochmal gerne beobachte, unbeteiligt herumlaufe und die Welt eher als Bilderserie sehe, anstatt mich spirituell korrekt &#8222;im Augenblick zu verlieren&#8220;, dann ist das eben so. Ich nehm&#8216; einfach die Kamera mit und mach was draus! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Endlich ist es w\u00e4rmer geworden, daf\u00fcr sch\u00fcttet es gleich wieder. Selten so einen floppenden Fr\u00fchling erlebt. Andrerseits sagt ein alter Spruch &#8222;es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Klamotten&#8220;. Ich finde, das hat was, nur ICH hab&#8216; es offensichtlich nicht. 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