{"id":3226,"date":"2001-04-29T16:23:48","date_gmt":"2001-04-29T14:23:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3226"},"modified":"2021-01-18T16:25:12","modified_gmt":"2021-01-18T15:25:12","slug":"back-to-the-roots","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/04\/29\/back-to-the-roots\/","title":{"rendered":"Back to the roots"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Nun bist du also wieder auf dem Trip zu Dir selbst, nachdem es mit der Natur und dem Landleben nichts war&#8220;, schreibt mir ein Leser. Und gerade schaue ich aus dem Fenster, die Sonne scheint durch die Wolkenl\u00fccken, die V\u00f6gel l\u00e4rmen fr\u00f6hlich vor sich hin, die H\u00fchner streiten lautstark herum, alles, was w\u00e4chst, ist im Aufbruch &#8211; ist das etwa &#8222;Nichts&#8220;? Wie dem auch sei, ich finde es wundersch\u00f6n, es ber\u00fchrt mich, und der Gedanke, zu gehen, hat &#8211; wie alles &#8211; eine helle und eine dunkle Seite.<!--more--><\/p>\n<p>Diese zwei Jahre auf dem Land waren ein Versuch, meine letzte utopische Vorstellung vom anderen, vom &#8222;richtigen&#8220; Leben zu verwirklichen. DAMIT, nicht mit dem Land, ist es wirklich NICHTS. Utopia ist ja &#8222;nirgendwo&#8220;, aber offensichtlich reicht mir das Wissen im Kopf niemals aus, ich mu\u00df alles erst erleben und an meinen Wunscherf\u00fcllungen leiden, damit ich es einsehe. Auf diese Weise, nicht durch das Lesen von B\u00fcchern, bin ich &#8222;auf dem Trip zu mir selbst&#8220;. (Sechzehnmal Kasslerbraten mit Sauerkraut, dann erst ist es genug).<\/p>\n<p>In den letzten drei Wochen war ich krank, eine Art Grippe an der Schwelle, die nicht richtig zum Ausbruch kam, mich aber schwach und bel\u00e4mmert machte. W\u00e4hrend der drei Tage in Berlin f\u00fchlte ich mich jeden Tag besser, trotz des vielen Laufens und der verschiedensten Anstrengungen, wie ein Aufwachen aus einem D\u00e4mmerzustand, keineswegs nur k\u00f6rperlicher Natur. Die &#8222;Probleme&#8220;, \u00fcber die ich in den letzten Monaten zunehmend gegr\u00fcbelt hatte, verloren ihren Problemcharakter und wandelten sich in eine Reihe interessanter Vorhaben. Berlin ist f\u00fcr mich nicht einfach nur eine abwechslungsreiche Stadt, die ich nach zweij\u00e4hriger Abirrung dem &#8222;\u00f6den Land&#8220; nun eben wieder vorziehe. Nein, ein ganz anderer Aspekt zieht mich unwiderstehlich an: Die Chance auf &#8222;Real Life&#8220;! Ein Leben in Kontakt mit allem um mich her, mit anderen Menschen, mit Arbeit und Initiative, mit Auseinandersetzung und \u00c4rger, sich einbringen mit dem, was man kann, dort, wo es gebraucht wird.<\/p>\n<p>Das Leben auf Schlo\u00df Gottesgabe ist Gipfel und Endpunkt einer Isolation, in die ich mich schon lange vor dem Umzug nach &#8222;draussen&#8220; zur\u00fcckgezogen hatte. Schon seit Anfang der 90ger war mein Leben zunehmend &#8222;privat&#8220; geworden. Das Netz kam dann gerade recht, denn es versetzte mich in die Lage, das Haus kaum mehr verlassen zu m\u00fcssen, vor allem nicht, um zu arbeiten. In meinem Berliner Kiez hatte ich ja alles erlebt, was es im Rahmen Stadtteil-bezogener Aktivit\u00e4ten zu erleben gibt und war sogar daran beteiligt gewesen, da noch einiges hinzu zu erfinden. Doch nach knapp zehn Jahren voller Umtriebigkeit im \u00c4u\u00dferen hatte ich die Faxen dicke und verfiel in eine l\u00e4ngere Depression. Nicht, weil das alles irgendwie falsch gewesen w\u00e4re, sondern weil ich selbst so ungeheuer beschr\u00e4nkt war: Weder gab es f\u00fcr mich noch ein Privatleben, noch eine weitere Welt, beides hatte ich in meinen vielf\u00e4ltigen &#8222;Funktionen&#8220; verloren und nur noch meine verschiedenen Formen von Tunnelblick gepflegt. V\u00f6llig wundgerieben vom allzu \u00f6ffentlichen Leben hatte ich mich dann ganz zur\u00fcckgezogen: Bloss nirgendwo mehr Mitglied sein, Verbindlichkeit macht \u00c4rger, Ehrgeiz schafft Leiden. Ich war ausgebrannt und die Wunden schmerzten.<\/p>\n<p>Seither hat sich die Welt ein ganzes St\u00fcck gedreht und ich bin eine Andere geworden. Das merke ich jetzt nochmal \u00fcberdeutlich, wenn ich durch die Stadt gehe, wenn ich Leute treffe, wenn ich mich inspiriert f\u00fchle und sich auf einmal m\u00f6gliche Handlungsfelder zeigen: Ich KANN, mu\u00df aber nicht! F\u00fchle mich tats\u00e4chlich vollst\u00e4ndig befreit von diesem ziehenden Gef\u00fchl im Bauch, das fr\u00fcher immer dann auftrat, wenn ich an irgend etwas auf einmal &#8222;echtes Interesse&#8220; hatte. Dieses Gef\u00fchl sagte mir: So, wie es jetzt ist, ist es schlecht, sie (=beliebige Akteure, im Zweifel &#8222;das System&#8220;) machen alles falsch, ich (bzw. irgendein &#8222;wir&#8220;) muss\/m\u00fcssen das \u00e4ndern. Und der Kampf fing an, das Sich-Krumm-legen, das Abheben vom Hier &#038; Jetzt zugunsten eines Kriegs-Szenarios, in dem jeder Schritt vor allem Kampfhandlung ist &#8211; und gern gleich an mehreren Fronten! Dabei machte ich mir immer auch vor, f\u00fcr DAS GUTE zu k\u00e4mpfen, dabei war es nur einfacher Ehrgeiz, das \u00fcbliche &#8222;Jemand sein&#8220;, akzeptiert und bemerkt werden wollen, wie es eben f\u00fcr meine (nur meine?) erste Lebensh\u00e4lfte typisch war.<\/p>\n<p>Nun zieht es mich geradezu magisch an, mich denselben bzw. \u00e4hnlichen Impulsen und Zusammenh\u00e4ngen wieder auszusetzen, in denen ich mich dereinst so kaputt gemacht hatte. Ich f\u00fchle, es wird nie wieder so sein wie vor zehn oder zwanzig Jahren, und gerade das l\u00e4\u00dft mich w\u00fcnschen, mich erneut einzulassen. Fr\u00fcher wollte ich immer &#8222;Sand im Getriebe&#8220; sein &#8211; heute lockt mich die Idee, es mal als Schmiermittel zu versuchen. :-) <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Nun bist du also wieder auf dem Trip zu Dir selbst, nachdem es mit der Natur und dem Landleben nichts war&#8220;, schreibt mir ein Leser. 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