{"id":3224,"date":"2001-04-23T16:05:43","date_gmt":"2001-04-23T14:05:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3224"},"modified":"2021-01-18T16:06:37","modified_gmt":"2021-01-18T15:06:37","slug":"wechselfieber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/04\/23\/wechselfieber\/","title":{"rendered":"Wechselfieber"},"content":{"rendered":"<p>Ein lieber Freund hat mir geschrieben, er f\u00fchle sich verraten, weil ich tats\u00e4chlich daran denke, wieder in die Stadt zu ziehen! Schon lange vor mir lebte er auf dem Land in einem idyllisch ruhigen Dorf eine knappe Stunde von M\u00fcnchen. Meine Loblieder aufs Landleben haben ihm gefallen, und jetzt? Alles ver\u00e4ndert sich! Auf nichts kann man z\u00e4hlen, es gibt keinen Endpunkt, keine Erl\u00f6sung, keine bestm\u00f6gliche Lebensweise. Die allergr\u00f6\u00dfte Begeisterung f\u00fcr dieses wunderbar weite Land, f\u00fcr die unverstellten Horizonte, die beeindruckenden Wolkenformationen und die vielen leeren, etwas verwunschen wirkenden Herrenh\u00e4user \u00fcberdauert keine zwei Winter.<!--more--><\/p>\n<p>Winter in Mecklenburg: Tr\u00fcb und verhangen die Himmel, sogar heute noch, am 23.April. Viel Sumpf, Moor und Matsch, die hohe Luftfeuchtigkeit ist selbst in gut geheizten R\u00e4umen immer sp\u00fcrbar. Ich bin schon die dritte Woche krank wie in den letzten 20 Jahren nicht. Um mal &#8222;unter Menschen zu kommen&#8220; fahren wir t\u00e4glich in einen Supermarkt, die reine Benzinverschwendung. Und sehen dort Mecklenburger, immer nur Mecklenburger, keine T\u00fcrken, keine Afrikaner, keine Albaner, keine Sinti und Roma, nicht mal Thais und erst recht keine illegalen Irakis. Als ich vor zwei Wochen mit der Berliner U-Bahn von der City-West nach Kreuzberg fuhr, waren sie alle wieder da, zur\u00fcck in meinem Bewu\u00dftsein von &#8222;Welt&#8220;. Es war mir kaum aufgefallen, dass ich hier in einem nur-deutschen Umfeld lebe, gehe schlie\u00dflich kaum aus. Auf der Wilmersdorfer Stra\u00dfe sa\u00df ein braungebrannter tibetischer M\u00f6nch im Regen, schlug eine Trommel, blies gelegentlich in eine Muschel und erzeugte so mit minimalem Aufwand zwei Quadratmeter Tibet um sich her. Er lachte viel und die Leute warfen M\u00fcnzen in einen alten Hut: Free Tibet! Sp\u00e4ter erz\u00e4hlte ich das einem Freund, der meinte: &#8222;Ah, der sitzt immer da, das ist ein Amerikaner!&#8220;<\/p>\n<p>Multikulti. Man kann es genie\u00dfen oder darunter leiden, in jedem Fall geh\u00f6rt es zur Metropole und ganz besonders zu Berlin. Der Andere, ob als Ausl\u00e4nder oder Immigrant, zeigt durch seine massenhafte und selbstverst\u00e4ndliche Anwesenheit den Status Quo der Welt, wie sie halt so ist in den Zeiten der Globalisierung. Und das ist gut so, ist n\u00e4her dran an der Wahrheit als das vertr\u00e4umte, praktisch nur-deutsche Mecklenburg.<\/p>\n<p>Schwerin ist eine wundersch\u00f6ne Stadt an sieben Seen. Die Altstadt mit den vielen kleinen Fachwerkh\u00e4usern wird h\u00fcbsch saniert und ergibt eine vorzeigbare Touristenmeile. Dazu die Prachtbauten, fast italienisch wirkende Pal\u00e4ste, ein Achtung-gebietendes Regierungs- und Verwaltungsviertel, ein vielt\u00fcrmig-verwinkeltes M\u00e4rchenschlo\u00df, dazu die dreist\u00f6ckige Shopping-Mall im Stil der Berliner Arkaden, nur eine Nummer kleiner. Alles da, doch immer mehr Einwohner kehren der Stadt den R\u00fccken, wie die Statistiken jedes Jahr neu best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Ich wu\u00dfte nie so genau, was mir bei einem Spaziergang durch die Schweriner City eigentlich fehlt, warum die Stra\u00dfen kaum zum Verweilen einladen, doch so langsam wird es mir klar: Es sind fast ausschlie\u00dflich Deutsche, die sich dort zielgerichtet und schnell von A nach B bewegen, dabei kaum mal nach links und rechts schauen. Und h\u00f6chst selten sieht man mal einen S\u00e4nger oder Musikanten, ganz gewi\u00df keine Bettler, keine Demonstranten, keine Bauchladenh\u00e4ndler und keine Penner. Daf\u00fcr die Stra\u00dfenreinigung mit einem riesigen Staubsauger, der auch den letzten Kr\u00fcmel l\u00e4rmend vom Pflaster saugt.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz wird mir in Berlin die Vielfalt auch wieder auf die Nerven gehen, ich wei\u00df. Zumindest dann, wenn ich es zulasse. Man ist an seinen Stimmungen n\u00e4mlich nicht unbeteiligt: Schlechte Laune und Genervt-Sein sehe ich heute als eine Form von Tr\u00e4gheit, eine Verweigerungshaltung, eine Art kindliche Regression, die von der Welt das Gl\u00fcck erwartet. Mal sehen, ob mir die Einsicht auch hilft. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein lieber Freund hat mir geschrieben, er f\u00fchle sich verraten, weil ich tats\u00e4chlich daran denke, wieder in die Stadt zu ziehen! Schon lange vor mir lebte er auf dem Land in einem idyllisch ruhigen Dorf eine knappe Stunde von M\u00fcnchen. Meine Loblieder aufs Landleben haben ihm gefallen, und jetzt? Alles ver\u00e4ndert sich! 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