{"id":3220,"date":"2001-04-22T15:53:27","date_gmt":"2001-04-22T13:53:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3220"},"modified":"2021-01-18T16:03:40","modified_gmt":"2021-01-18T15:03:40","slug":"wort-zum-sonntag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/04\/22\/wort-zum-sonntag\/","title":{"rendered":"Wort zum Sonntag"},"content":{"rendered":"<p>Heute schau&#8216; ich mal kurz zur\u00fcck, z.B. ins Jahr 1996: Meine ersten Artikel &#8222;\u00fcber das Internet&#8220; handelten von Philosophie-Seiten im Web, danach berichtete ich \u00fcber die \u00d6koszene und als n\u00e4chstes waren spirituelle Seiten dran. \u00dcberall lernte ich nette Leute kennen, vor allem im Reich der Philosophie. Mein Cyberzine Missing Link trug denn auch den Untertitel &#8222;F\u00fcr Philosophie und Webkultur&#8220; und bot Gelegenheit, \u00fcber Wirklichkeit und Virtualit\u00e4t zu diskutieren. Ich sammelte Antworten auf die Frage &#8222;Was ist Philosophie? (heute alles im Museum), es war eine gute Zeit.<!--more--><\/p>\n<p>Im Grunde GLAUBTE ich damals schon nicht mehr, dass mir dieses Fragen und Diskutieren irgend etwas bringt, ich moderierte nur ein Thema, an dem entlang sich etwas nachdenklichere Menschen treffen und kennenlernen konnten. Die akademische Variante (z.B: Liste Philweb) interessierte mich erst recht nicht ernsthaft, weder wollte ich beweisen, dass ich in komplexer Denkakrobatik mithalten kann, noch erwartete ich Antworten auf ernste Fragen. Schon im Gymnasium hatte ich n\u00e4mlich frustriert festgestellt, dass es nur darum ging, was dieser oder jener Denker gemeint hat &#8211; und meine Frage, ob er denn &#8222;recht hat&#8220; war eine falsche Frage, so \u00e4hnlich, als fragte man einen Wissenschaftler, was denn vor dem Urknall war.<\/p>\n<p>Auch die Spiri-Szene war ein Flop, online und offline. Nicht, dass ich die gro\u00dfen Lehren, die Weisen und Erleuchteten nicht sch\u00e4tzte! Noch immer lese ich gelegentlich gerne ZEN-Texte und &#8222;Schriften vom Erwachen&#8220;, allerdings nicht mehr im Glauben, dass mich das irgendwie weiter bringt. Schon das Wort &#8222;weiter&#8220; ist in diesem Zusammenhang mehr als fraglich. Ich lese, weil es den Geist beruhigt und freier macht, und weil es besser ist, mit solchen Texten einzuschlafen als mitten in einer Krimi-Handlung, solange der M\u00f6rder noch nicht gefa\u00dft ist.<\/p>\n<p>Ich erhoffe nichts mehr von Texten &#8211; und schreibe doch t\u00e4glich weiter. Wir wissen ja auch, dass wir mit Sicherheit sterben werden, und machen uns trotzdem vor allem Gedanken \u00fcber die n\u00e4chste Miete, den Urlaub oder den neuen PC. Das ist zumindest ebenso absurd. Wenn jetzt jemand einwenden wollte, es komme nicht auf Texte und Gedanken, sondern auf die Praxis an, gebe ich ihm sofort recht. Doch kann ich mir eine wie immer geartete Praxis einfach so \u00fcberst\u00fclpen, von hier oder da \u00fcbernommen, und ernsthaft glauben, das sei es? Nat\u00fcrlich ist fast alles erstmal besser, als in den Bahnen der Gewohnheit zu kreisen, aber aus dieser Irritation entsteht nicht automatisch DIE GROSSE ANTWORT, nach der man sich doch eigentlich sehnt, die Antwort auf die Frage: Woher, wohin, wozu, wer fragt?<\/p>\n<p>Viele Jahre Yoga bei einem &#8222;n\u00fcchternen&#8220; Lehrer, der alle Gruppendynamik zu verhindern wu\u00dfte, haben mir immerhin gezeigt, wie ich funktioniere. Gerade die Abwesenheit des \u00fcblichen Brimboriums, das Fehlen einer &#8222;tr\u00f6stlichen&#8220; Lehre, das Ein\u00fcben ins Beobachten und das Aussteigen aus dem Bewerten hat mich bereichert. Mich in die Lage versetzt, B\u00fccher und Texte zu ignorieren, wisserische Diskussionen \u00fcber Wahrheit und Erwachen zu vermeiden, zu erkennen, dass all das nur den Denkraum verstopft, den man ja durchaus sinnvoll nutzen kann.<\/p>\n<p>Diese \u00fcberbordende Welt der Lehren, Vorschriften und Meinungen bis hin zu Tipps und Tricks in Sachen Lebenskunst, all die Empfehlungen und Anleitungen und guten Ratschl\u00e4ge: alles gut gemeint und punktuell n\u00fctzlich. Aber sterben mu\u00df ich selber und alleine, leben auch. Was n\u00fctzt mir also da die Ansicht eines Anderen?<\/p>\n<p>Ich lebe in einer durch und durch absurden und verr\u00fcckten Welt, in der die Regale und Festplatten mit dem sogenannten Wissen immer gr\u00f6\u00dfer werden. Wissenschaftler erz\u00e4hlen vom Urknall und wie alles anfing, verm\u00f6gen es aber nicht, auch nur ein paar abgebrannte Brennst\u00e4be aus der Welt zu schaffen. Ein riesiger medizinischer Apparat frisst uns finanziell die Haare vom Kopf und hat doch keine Ahnung von Heilung. In der New Economy entwickeln die einen mit Feuereifer das mobile Netz, w\u00e4hrend die anderen das Internet 2 vorantreiben, das es erm\u00f6glichen soll, sich nicht mehr vom Fleck zu bewegen, weil man dann virtuell \u00fcberall &#8222;eintauchen&#8220; kann. Die Vorschl\u00e4ge zum gesunden Leben f\u00fcllen Bibliotheken, erkl\u00e4ren aber nicht, warum meine Gro\u00dftante 96 werden konnte ohne ein einziges Mal Sex zu haben, ohne Sport zu treiben und obwohl sie den urspr\u00fcnglich vitaminreichen Salat immer erst abgekocht hat!<\/p>\n<p>Also f\u00fchle ich mich frei. Niemand kann mir sagen, wo es lang geht. Jeder ist Alice im Wunderland, wandernd durch das Unbekannte. Ist das nicht spannend? Alles Streiten \u00fcber den richtigen Weg ist \u00fcberfl\u00fcssig und h\u00e4lt nur auf. Denn letztlich mu\u00df ich doch selbst ein Bein vor&#8217;s andere setzen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute schau&#8216; ich mal kurz zur\u00fcck, z.B. ins Jahr 1996: Meine ersten Artikel &#8222;\u00fcber das Internet&#8220; handelten von Philosophie-Seiten im Web, danach berichtete ich \u00fcber die \u00d6koszene und als n\u00e4chstes waren spirituelle Seiten dran. \u00dcberall lernte ich nette Leute kennen, vor allem im Reich der Philosophie. 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