{"id":3217,"date":"2001-04-17T15:45:34","date_gmt":"2001-04-17T13:45:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3217"},"modified":"2021-01-18T15:47:20","modified_gmt":"2021-01-18T14:47:20","slug":"hey-der-user-existiert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/04\/17\/hey-der-user-existiert\/","title":{"rendered":"Hey, der User existiert!"},"content":{"rendered":"<p>Diarys tauchen auf und verschwinden wieder, Weblogs laufen ein paar Wochen und verstummen ganz pl\u00f6tzlich, private Homepages werden mit gro\u00dfem Aufwand erstellt und wenig sp\u00e4ter vergessen. Das Web steht einerseits voller Leichen, andrerseits belegen Ungeborene viel Platz: &#8222;Hier entsteht demn\u00e4chst eine Internet-Pr\u00e4senz&#8220;&#8230; <!--more--><\/p>\n<p>Ich erinnere mich an die ersten Jahre nach der Wende: die wenigen Restaurants und Ausflugsziele in Brandenburg gl\u00e4nzten durch kurze, oft unberechenbare \u00d6ffnungszeiten. Da lockten Schilder an der Stra\u00dfe den hungrigen Touristen auf Abwege, nur um dann vor geschlossenen T\u00fcren zu stehen: Dienstags Ruhetag, oder auch ganz ohne Kommentar, einfach zu.<\/p>\n<p>&#8222;Sie kamen, sie surften und gingen zur\u00fcck an den Strand&#8220;, meldeten die Gazetten letztes Jahr. Klar, alle, die das Netz f\u00fcr eine Art Strand hielten, konnten nat\u00fcrlich nicht lange bleiben. Mal sehen, wielange es diejenigen noch aushalten, die es vor allem als Gelddruckmaschine ansehen. Beides sind eher Extreme, so sehr sie auch &#8222;gehyped&#8220; wurden. Dazwischen lebt und west die breite Masse, der Mainstream: fast jeder ist jetzt &#8222;drin&#8220;, fast alle haben eine Website, und f\u00fcr viele war es das dann schon. Da steht sie jetzt und kann nicht mehr anders&#8230;<\/p>\n<p>Was geht es mich an, was andere tun oder lassen? Der Cyberspace ist riesig und bietet allen Platz genug: f\u00fcr kleine und gro\u00dfe Wunder, f\u00fcr Heldentaten und Tritte in allerlei Fettn\u00e4ppfchen, f\u00fcr Sorgfalt und Engagement genauso wie f\u00fcr die gro\u00dfe Langeweile, das ganz gro\u00dfe G\u00e4hnen. Was mich manchmal so \u00e4rgert ist keine Eigenschaft des Netzes, sondern eine menschliche Untugend, ja, eine Verr\u00fccktheit: Einerseits wird viel in Bewegung gesetzt (&#8222;investiert&#8220;), um &#8222;was von sich her&#8220; zu machen, begehrenswert zu erscheinen. Andrerseits wird der, von dem man doch begehrt werden will, st\u00e4ndig ignoriert, frustriert, ver\u00e4rgert, in die W\u00fcste geschickt, vollgequatscht oder mit Zauberkunstst\u00fcckchen \u00fcbersch\u00fcttet, die vor allem sagen sollen: Guck mal, wie toll ich bin! Mit hohem Aufwand k\u00e4mpft man um die Aufmerksamkeit der Anderen, tr\u00e4gt aber keine Sorge f\u00fcr den Fall, dass man sie auch bekommt, ja, bemerkt das vielleicht gar nicht vor lauter Schaumschl\u00e4gerei.<\/p>\n<p>Wie oft wollte ich schon das Hauptprodukt einer Firma kaufen, surfte auf deren Website und verirrte mich dort im Verhau der Nebens\u00e4chlichkeiten, die sie vermutlich nach dem Motto &#8222;Content is king&#8220; zugekauft hatten, um Besucher zu unterhalten. Gelang es dann trotzdem mal, bis zum Kaufvorgang vorzudringen, st\u00fcrzte in zwei von drei F\u00e4llen der Warenkorb ab oder verhedderte sich irgendwie, es endete gelegentlich gar in der Aufforderung, die Hotline anzurufen. Nein, tu ich nicht! Wozu hab&#8216; ich denn &#8222;ein Internet&#8220;?<\/p>\n<p>Oder ich lande auf einer privaten Website zu einem Thema, das mich gerade besch\u00e4ftigt &#8211; schade nur, dass sie 1999 ihr letztes Update erfuhr, die Mailadresse stimmt nicht mehr und nirgends finden sich Hinweise, wo der Verfasser aktuell anzutreffen ist. Platzhalterzeichen f\u00fcr Bilder verunzieren die Optik, offensichtlich hat da jemand seinen Browser-Cache f\u00fcr das Web gehalten oder eben mal die Serverstruktur umgebaut: Scheiss auf die Seiten von vorgestern!<\/p>\n<p>Auch ganz engagierte Leute bringen manchmal seltsame H\u00e4mmer: Ein Diary, in dem ich gelegentlich lese, h\u00f6rte pl\u00f6tzlich auf, ohne Hinweis, ohne Schlu\u00dfwort und &#8222;Tsch\u00fcs&#8220; &#8211; einfach so. Ich fragte per E-Mail, was denn geschehen sei und bekam die freundliche Antwort, die Fortsetzung bef\u00e4nde sich unter der Adresse http:\/\/www&#8230;, er h\u00e4tte nur mal einen inhaltlichen Break machen wollen. Mein Hinweis, dass es ja auch LESER gibt, die jetzt verwundert vor dem &#8222;Ende&#8220; stehen, f\u00fchrte immerhin zu einem Link auf das neue Diary. Offensichtlich war das also keine Absicht, er wollte nicht etwa alte Leser loswerden, sondern hat einfach nicht an sie gedacht.<\/p>\n<p>WOZU, liebe Leute, machen wir das denn alles? Wer ins Web geht, will gelesen werden, wer etwas anbietet, will, dass man es kauft &#8211; oder nicht? Das hei\u00dft nicht, dass man nur schreibt, was die Menschen lesen wollen oder ein Produkt anbietet, nur weil es vermutlich K\u00e4ufer findet. Sinn allen Publizierens (und im Prinzip auch allen Produzierens) ist es doch, etwas Ureigenes ins Licht der \u00d6ffentlichkeit zu stellen, es dem Urteil der Anderen auszusetzen, in der Hoffnung, dass zumindest ein wenig davon auf- bzw. angenommen wird. T\u00e4glich bin ich der Welt und den Anderen ausgesetzt, im Guten wie im Schlechten. Die Anregungen, die Zumutungen, die Streicheleinheiten und Angriffe treffen auf mich und erzeugen Resonanz &#8211; diese Resonanz bringe ich wiederum zum Ausdruck, indem ich selber publiziere oder produziere. Etwas &#8222;Besseres&#8220;, wie ich regelm\u00e4\u00dfig glaube und hoffe, obwohl das oft Illusion bleibt und ich mittlerweile zufrieden bin, wenn es nur &#8222;etwas Anderes&#8220; ist, etwas Eigenes eben.<\/p>\n<p>Was will nun der Andere, um den es uns vermeintlich so sehr zu tun ist, obwohl wir ihn so oft eher verschrecken als anziehen? Ob mensch sich gerade auf Partner- oder auf Kundensuche befindet, als Autor gelesen oder als K\u00fcnstler gesehen werden will: Der bzw. die Andere will vor allem geh\u00f6rt, in seinen\/ihren Bed\u00fcrfnissen, in Gef\u00fchlen und Gedanken Ernst genommen werden. Der andere will Raum f\u00fcr sich, Zeit, Aufmerksamkeit, Respekt und Anerkennung, Liebe eben. In diesem Sinne geben k\u00f6nnen ist umso leichter, je leerer einer ist, je weniger er es n\u00f6tig hat, den Anderen &#8222;zuzutexten&#8220;.<\/p>\n<p>Womit ich jetzt also besser mal wieder aufh\u00f6re. :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diarys tauchen auf und verschwinden wieder, Weblogs laufen ein paar Wochen und verstummen ganz pl\u00f6tzlich, private Homepages werden mit gro\u00dfem Aufwand erstellt und wenig sp\u00e4ter vergessen. 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