{"id":3215,"date":"2001-04-14T15:44:04","date_gmt":"2001-04-14T13:44:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3215"},"modified":"2021-01-18T15:44:28","modified_gmt":"2021-01-18T14:44:28","slug":"streit-um-sterbehilfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/04\/14\/streit-um-sterbehilfe\/","title":{"rendered":"Streit um Sterbehilfe"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr die einen liegt die W\u00fcrde des Menschen in einem selbstbestimmten Tod, f\u00fcr die anderen darin, dass \u00fcber menschliches Leben und Weiterleben unter keinen Umst\u00e4nden verf\u00fcgt werden darf &#8211; nicht vom Sterbenden und erst recht nicht von anderen.<!--more--><\/p>\n<p>Ich empfinde diese Diskussion in ihrer spezifischen Aufgeheiztheit als in weiten Teilen heuchlerisch, wenn auch nicht unbedingt mit Absicht. Hier projiziert die Gesellschaft n\u00e4mlich etwas in den Sterbevorgang, was sie im Leben davor t\u00e4glich mehr und mehr verr\u00e4t und verunm\u00f6glicht: ein w\u00fcrdevolles Dasein.<\/p>\n<p>Alte, Kranke, schwer Behinderte werden in Reservaten, Anstalten und Heimen untergebracht, dabei besser oder schlechter versorgt, auf jeden Fall aber den Blicken entzogen, damit sie nicht Sand im Getriebe des Funktionierens sind und niemandem auf die Laune dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Leute im besten Alter werden aus der Arbeitswelt verdr\u00e4ngt, Menschen mit Falten kommen im TV kaum mehr vor, Jugendlichkeit, Fittness, Mobilit\u00e4t und Flexibilit\u00e4t, eben die Anpassungsf\u00e4higkeit an wirtschaftliche Prozesse gelten als oberste Werte. Diejenigen, die nicht mithalten k\u00f6nnen, stehen mehr und mehr unter Kuratel eines sozial-medizinisch-industriellen Komplexes, der selber ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist und als solcher kein Interesse daran vermitteln kann, die warum auch immer Ausgegrenzten wirklich zu integrieren.<\/p>\n<p>Sehr viele Menschen sind lange Jahre vor ihrem realen Hinscheiden &#8222;sozial tot&#8220;. Wenn daraus der eine oder andere den Schlu\u00df zieht, auch physisch sterben zu wollen (viele einsame Alte begehen Selbstmord), dann ist die Aufregung gro\u00df &#8211; sofern es nicht unbemerkt \u00fcber die B\u00fchne geht.<\/p>\n<p>Als schlimmstm\u00f6glicher Mi\u00dfbrauch einer Sterbehilferegelung wird immer angef\u00fchrt, da sei ein sozialer Druck zu erwarten, wenn etwa die Verwandten oder betreuenden Institutionen Nachteile von einem Weiterleben haben. Exakt diese Art sozialer Druck ist doch schon lange unser aller t\u00e4gliches Leben: Funktioniere oder verschwinde!<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich nicht W\u00dcRDE, aber W\u00fcrde gilt heute nicht viel und gerade deshalb wird sie f\u00fcr den &#8222;letzten Moment&#8220; mit Klauen und Z\u00e4hnen verteidigt, selbst um den Preis, dass Einzelne sie dabei ganz verlieren.<\/p>\n<p>Wenn ich unheilbar krank bin und meine Behandlung sehr viel kostet, wenn ich nur ein paar Monate mehr oder weniger mit mehr oder weniger Leiden vor mir habe, wenn gar Menschen, die ich liebe, sichtlich unter der Situation leiden, ich also vor allem eine Last bin: wenn ich dann f\u00e4hig w\u00e4re, meinen kreat\u00fcrlichen \u00dcberlebenswillen zugunsten Anderer zu transzendieren und meinen Tod herbeizuf\u00fchren, dann w\u00e4re genau das f\u00fcr mich ein Akt der W\u00fcrde! Und wenn ich so verfahren will und selbst nicht in der Lage bin, will ich dazu nat\u00fcrlich Hilfe. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die einen liegt die W\u00fcrde des Menschen in einem selbstbestimmten Tod, f\u00fcr die anderen darin, dass \u00fcber menschliches Leben und Weiterleben unter keinen Umst\u00e4nden verf\u00fcgt werden darf &#8211; nicht vom Sterbenden und erst recht nicht von anderen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11,231],"tags":[477],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3215"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3215"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3215\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3215"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3215"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3215"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}