{"id":3214,"date":"2001-04-12T15:40:46","date_gmt":"2001-04-12T13:40:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3214"},"modified":"2021-01-18T15:42:38","modified_gmt":"2021-01-18T14:42:38","slug":"kein-ort-nirgends","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/04\/12\/kein-ort-nirgends\/","title":{"rendered":"Kein Ort, nirgends."},"content":{"rendered":"<p>Der Fr\u00fchling macht gewaltig von sich her. Seit Tagen scheint zum ersten Mal richtig die Sonne, Str\u00e4ucher bl\u00fchen gelb, V\u00f6gel zwitschern und die H\u00e4hne kr\u00e4hen. Der ganze Charme des Landes entfaltet sich und fragt: Hier willst du weg? Im Ernst?<!--more--><\/p>\n<p>In Berlin, auf meinem Spaziergang durch die Rummelsburger Bucht war es regnerisch und tr\u00fcb. Trotzdem geno\u00df ich den weiten Blick \u00fcber die Spree, die Verr\u00fccktheiten der Stadtsilouette, die in den Himmel ragenden Neubauten aus Stahl und Glas, die wunderlichen Industriebrachen &#8211; ein paar Schritte weiter w\u00e4re ich im Treptower Park angekommen, dahinter der Pl\u00e4nter Wald &#8211; warum hab&#8216; ich eigentlich gemeint, man k\u00f6nne in Berlin nicht wandern, keine ausschweifenden Spazierg\u00e4nge machen, kein Gr\u00fcn sehen? Kann mich nicht erinnern, hier in Gottesgabe je so lange gelaufen zu sein, da\u00df ich Blasen an den F\u00fc\u00dfen hatte!<\/p>\n<p>Im letzten Beitrag schrieb ich ins Diary:<\/p>\n<blockquote><p>Will ich in mehr oder weniger virtuellen Welten leben, von Eindr\u00fccken zugesch\u00fcttet, geistig ungeheuer angeregt und inspiriert, dabei aber das psychische und physische Dasein vernachl\u00e4ssigen? Oder will ich Tag f\u00fcr Tag Natur, Wind, Wetter, Erde um mich sp\u00fcren, daf\u00fcr aber geistig in tiefster Provinz ver\u00f6den, wom\u00f6glich doch noch lernen, mit Salat-pflanzen und H\u00fchner-f\u00fcttern zufrieden zu sein?<\/p><\/blockquote>\n<p>Eine harte Alternative &#8211; aber ist das &#8222;die Realit\u00e4t&#8220;? Genau wie die andere Alternative, die mittlerweile zu meiner weltanschaulichen Grundausstattung geh\u00f6rt: Entweder ich gehe ein &#8222;Problem&#8220; an, indem ich es analysiere, L\u00f6sungen finde, mich f\u00fcr eine entscheide und diese m\u00fchsam umsetze &#8211; ODER ich lasse den Dingen ihren Lauf, betrachte mich selbst mit all meinen Impulsen als ein Teil der Welt und sehe zu, wie ich gelegentlich &#8222;einfach mitgehe&#8220;, mit dem aktuellen Geschehen, das sich &#8222;von selbst&#8220; entwickelt. Und wenn beides gerade nicht zu funktionieren scheint, bin ich ratlos.<\/p>\n<p>Hinter all diesen &#8222;Alternativen&#8220; stehen Voreinstellungen, zu denen ich normalerweise gar nicht durchdringe, das sehe ich jetzt. Eine Ratte im Versuchslabyrinth erreicht eine Weggabelung und muss sich entscheiden, so ungef\u00e4hr komme ich mir angesichts der Stadt\/Land-Frage vor. Aber im Gegensatz zur Ratte, die jemand in dieses Labyrinth setzt, zwingt mich niemand, solche Labyrinthe zu betreten. Der Irrtum, in dem ich in all meiner allt\u00e4glichen Tr\u00e4gheit kreise, ist der Gedanke einer L\u00d6SUNG! Als w\u00e4re nicht im Leben die einzige L\u00f6sung der Tod &#8211; und selbst das wei\u00df keiner so genau.<\/p>\n<p>In den beiden letzten Jahren, die ich in Berlin lebte, nahm ich in keiner Weise am st\u00e4dtischen Leben teil, alle heiligen Zeiten besuchte ich mal eine Veranstaltung, die mir dann beziehungslos und Konsum-haft vorkam, nichts, was mich wirklich anging. Dreimal im Jahr fuhr ich ziemlich genervt von der Stadt mal raus aus Berlin, besichtigte jenseits der Grenze kurz eine neue Jahreszeit, und das war es dann wieder &#8211; unbefriedigend. Jetzt lebe ich schon zwei Jahre hier auf dem Land, doch eine wirkliche Beziehung dazu hab&#8216; ich nicht, au\u00dferhalb der eher beschaulichen Freude am reinen Anblick, am physischen Erleben von Sonne, Wind und Wetter. Immerhin konnte ich feststellen, dass es nicht mein Traum ist, zu g\u00e4rtnern oder gar Landwirtschaft zu treiben, so sch\u00f6n und erhohlsam ein paar Stunden im Garten auch sind. Und dreimal im Jahr fahre ich &#8211; ziemlich ange\u00f6det vom Land &#8211; in die Stadt&#8230;<\/p>\n<p>Mein Feind ist die eigene Tr\u00e4gheit und der damit verbundene Irrtum, da\u00df es eine &#8222;Endl\u00f6sung&#8220; f\u00fcr meine Bed\u00fcrfnisse g\u00e4be, ein optimaler Ort, der alle W\u00fcnsche befriedigt: Lebensweise? Gefunden und abgehakt, wenden wir uns also Wichtigerem zu&#8230; V\u00f6lliger Quatsch. Ich mu\u00df von meinem optimal ergonomischen Sessel aufstehen und mich mehr bewegen! Ganz physisch, aber auch im \u00fcbertragenen Sinne. Die Frage der Lebensweise ist Stunde f\u00fcr Stunde, Tag f\u00fcr Tag ein Thema und niemals &#8222;f\u00fcr immer&#8220; zu beantworten. Obwohl ich immer schon ein eher aktiver Mensch war, recht umtriebig in meinen Projekt-Aktivit\u00e4ten, ist meine Grundhaltung die des Beobachters, und das ist auch ganz in Ordnung so. Falsch daran ist, ein immer bequem sitzender Beobachter sein zu wollen, viel besser w\u00e4re es, zu wandern. Sowohl Natur als auch Stadt erlebe ich wandernd, mich bewegend am intensivsten &#8211; und weit angenehmer, als wenn ich irgendwo Zelte aufschlage und einen Kleingarten anlege, gar meinen Claim verteidige, mich in die Scholle einbohre, wo immer sie gerade liegt.<\/p>\n<p>Das &#8222;Problem&#8220; ist nicht der Ort, sondern da\u00df ich am Ort klebe und mich kaum mehr r\u00fchre, wenn ich mal gut sitze. Komisch, dass mir diese Gedanken gerade in diesen Tagen kommen, v\u00f6llig lahmgelegt von den Blasen an den F\u00fc\u00dfen!<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Berlin ist nicht mehr diesselbe Stadt, die ich 1999 verlassen habe. Eine vierte Dimension hat sich \u00fcber sie gelegt, in der ich mich wie ein Fisch im Wasser bewegen kann: DAS NETZ ist lokal geworden, endlich! Man mu\u00df nicht mehr den TIP oder die Zitty kaufen, wenn man mal was unternehmen will, sondern kann t\u00e4glich seine F\u00fchler \u00fcber den Cyberspace ausstrecken &#8211; zu Menschen, Gruppen, Aktivit\u00e4ten aller Art. Auf einmal h\u00e4ngt alles mit allem per Link zusammen. Und das Sch\u00f6ne am Lokalen ist, dass auch Real Life unaufwendig zur Verf\u00fcgung steht: Ein Fenster unter mehreren, aber unverzichtbar! <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Fr\u00fchling macht gewaltig von sich her. Seit Tagen scheint zum ersten Mal richtig die Sonne, Str\u00e4ucher bl\u00fchen gelb, V\u00f6gel zwitschern und die H\u00e4hne kr\u00e4hen. Der ganze Charme des Landes entfaltet sich und fragt: Hier willst du weg? 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