{"id":3212,"date":"2001-04-09T15:00:41","date_gmt":"2001-04-09T13:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3212"},"modified":"2021-01-18T15:40:30","modified_gmt":"2021-01-18T14:40:30","slug":"berlin-was-sonst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/04\/09\/berlin-was-sonst\/","title":{"rendered":"Berlin &#8211; was sonst?"},"content":{"rendered":"<p>Angesichts der Zerissenheit, die mich bez\u00fcglich des Lebens auf dem Land, bzw. in der Stadt umtreibt, schrieb mir k\u00fcrzlich eine Leserin, die innere Stimme brauche eben Zeit. Gerade aus Berlin zur\u00fcck, kann ich das nur best\u00e4tigen. Anders als das letzte Mal bin ich weniger euphorisiert, aber auch weniger geschafft. Diesmal hatte ich eine &#8222;richtige&#8220; Bleibe, in die ich mich zur\u00fcckziehen konnte, hab&#8216; mich nicht mit Terminen \u00fcberlastet und keine anstrengenden feucht-fr\u00f6hlichen Feste gefeiert. Daf\u00fcr drei sch\u00f6ne Treffen mit alten Freunde, die sehr inspirierend verliefen: Pl\u00e4ne schmieden, M\u00f6glichkeiten ausspinnen, motivieren und motiviert werden, wunderbar! Jetzt hab&#8216; ich Blasen an den F\u00fc\u00dfen, weil ich so viel gewandert bin, dabei mehr Sch\u00f6nes, Schr\u00e4ges und Schreckliches gesehen als ich hier in Jahren zu Gesicht bekomme. Wie konnte ich nur denken, die Stadt sei f\u00fcr mich erledigt?<!--more--><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/oberbaum.jpg\" alt=\"Berlin Oberbaumbr\u00fccke\" width=\"800\" height=\"538\" class=\"aligncenter size-full wp-image-3213\" srcset=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/oberbaum.jpg 800w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/oberbaum-300x202.jpg 300w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/oberbaum-768x516.jpg 768w, https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/oberbaum-500x336.jpg 500w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/p>\n<p>Als ich durch das Szene-Kiez in Friedrichshain lief, f\u00fchlte ich mich so zuhause, wie seit 10 Jahren nirgends mehr, nicht einmal mehr &#8222;daheim&#8220; im Chamissokiez, wo sich doch diese Anmutung von &#8222;zuhause sein&#8220; gebildet hatte. Das Chamissokiez ist n\u00e4mlich mittlerweile schick fertig saniert, zwar immer noch eine sch\u00f6ne Wohngegend, aber \u00fcberaltert, fein herausgeputzt, irgendwie dr\u00f6ge. Wogegen in Friedrichshain noch \u00fcberall die Ger\u00fcste stehen, unter denen ich so viele Jahre meine kurzen Wege gegangen bin. An den W\u00e4nden finden sich fantasievolle Grafitti und uralte Ladeninschriften, die Kneipen haben ein sehr pers\u00f6nliches Gesicht, Multi-Kulti entfaltet noch ungebrochenen Charme (Yogi-Snack neben Thai-Imbi\u00df neben Falafel-Stand), und die Stra\u00dfen sind belebt, auch Sonntags morgens, aber wiederum nicht so sehr wie in Gegenden, die von allzuvielen Berlin-Touristen \u00fcberschwemmt werden.<\/p>\n<p>Immer wieder faszinierend sind die Blicke auf Berlins ehemalige Grenzbrachen, abgewickelte Industriegebiete und Leerr\u00e4ume, die &#8222;im gro\u00dfen Wurf&#8220; beplant werden, dann aber mangels Investoren jahre-, vielleicht jahrzehntelang wunderbar schr\u00e4ge Kulissen abgeben. Futuristische B\u00fcroneubauten (fast leer), alte Produktionshallen, dazwischen halblegale Besetzer, gro\u00dfe und kleine Kulturprojekte und manch wirklich seltsame Wohnform, wie etwa das Hundeboot. Auch Architekten d\u00fcrfen sich in Berlin ja lange schon austoben: Das Geb\u00e4ude mit der &#8222;dekonstruierten&#8220; Fassade sieht beeindruckend aus &#8211; mag aber keiner drin wohnen, was mich nicht wundert! W\u00e4r&#8216; das nur eine Website, die gegen die Regeln von Ergonomie und Usability vert\u00f6\u00dft, k\u00f6nnte man sie \u00e4ndern &#8211; aber so ein Haus steht dann halt so rum, zum Ruhm der &#8222;innovativen&#8220; Planer, doch nutzlos wie ein Kropf.<\/p>\n<p>Als ich dann gar nicht mehr laufen, sondern nur noch humpeln konnte, fuhr ich mit der U-Bahn zum Potsdamer Platz, fotografierte ein bisschen Skyline mit Kr\u00e4nen und setzte mich f\u00fcr eine Stunde ins IMAX, einen 3-D-Film ansehen: T-Rex 3d &#8211; erwartungsgem\u00e4\u00df ungeheuer platt in Handlung und Dialogen, aber ein High-Tech-Seh-Erlebnis erster G\u00fcte! Man hat den Eindruck, mit den Arch\u00e4ologen im Sand zu knien, man h\u00e4ngt mit den Kletterern in der Wand und erschrickt, wenn Steine herunter fallen &#8211; am sch\u00f6nsten sind die Fl\u00fcge durch und \u00fcber Canons und zerkl\u00fcftete Berge, alles ist zum Greifen nah und doch sitzt man gem\u00fctlich und sicher im Sessel. So, wie es eben nur Medien erm\u00f6glichen und die IMAX-Erfahrung so staunenswert auf den Punkt bringt.<\/p>\n<p>Damit bin ich dann wieder angekommen bei meinem &#8222;Problem&#8220;: Will ich in mehr oder weniger virtuellen Welten leben, von Eindr\u00fccken zugesch\u00fcttet, geistig ungeheuer angeregt und inspiriert, dabei aber das psychische und physische Dasein vernachl\u00e4ssigen? Oder will ich Tag f\u00fcr Tag Natur, Wind, Wetter, Erde um mich sp\u00fcren, daf\u00fcr aber geistig in tiefster Provinz ver\u00f6den, wom\u00f6glich doch noch lernen, mit Salat-pflanzen und H\u00fchner-f\u00fcttern zufrieden zu sein?<\/p>\n<p>Dazu sind mir gl\u00fccklicherweise ein paar neue Gedanken gekommen &#8211; doch f\u00fcr heut&#8216; ist erstmal genug geschrieben!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts der Zerissenheit, die mich bez\u00fcglich des Lebens auf dem Land, bzw. in der Stadt umtreibt, schrieb mir k\u00fcrzlich eine Leserin, die innere Stimme brauche eben Zeit. Gerade aus Berlin zur\u00fcck, kann ich das nur best\u00e4tigen. Anders als das letzte Mal bin ich weniger euphorisiert, aber auch weniger geschafft. 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