{"id":3210,"date":"2001-04-04T15:23:56","date_gmt":"2001-04-04T13:23:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3210"},"modified":"2021-01-18T15:29:31","modified_gmt":"2021-01-18T14:29:31","slug":"angst-vor-veraenderung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/04\/04\/angst-vor-veraenderung\/","title":{"rendered":"Angst vor Ver\u00e4nderung"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es nach der Statistik ginge, w\u00fcrde ich noch 33 Jahre leben. Mal angenommen, eine Fee erschiene und fragte mich: &#8222;Willst du, dass f\u00fcr den Rest der Zeit alles ganz genauso bleibt, wie es jetzt ist?&#8220; Sie br\u00e4chte mich in Verlegenheit, ich k\u00f6nnte nicht spontan antworten, w\u00e4re hin- und hergerissen zwischen dem Naheligenden &#8222;sicher nicht!&#8220; und meiner Bequemlichkeit, Tr\u00e4gheit und der Angst vor Ver\u00e4nderungen.<!--more--><\/p>\n<p>Fr\u00fcher h\u00e4tte ich locker &#8222;pro Ver\u00e4nderung&#8220; gestimmt, denn es gab immer etwas, weswegen ich mich schlecht f\u00fchlte: aufreibende Arbeit, eine unpassende Wohnung, Konflikte mit Nahestehenden. Kein Problem, zu w\u00fcnschen, alles m\u00f6ge anders werden, ich hatte ja nichts zu verlieren und sah das Leben als eine Stufenleiter, auf der man &#8211; mal schnell, mal langsam &#8211; vorw\u00e4rts und aufw\u00e4rts steigt und sich dabei fortlaufend verbessert. Berlin mit seinen unendlichen M\u00f6glichkeiten, das Leben (theoretisch!) t\u00e4glich neu zu inszenieren, entlastete mich davon, mir \u00fcber Ver\u00e4nderungen Gedanken zu machen. Ich brauchte ja (theoretisch!) nur auf irgend einen Zug aufzuspringen, um etwas ganz Neues zu erleben, ohne doch meine vertraute Kiez-Umgebung wirklich verlassen zu m\u00fcssen, wo ich auf dem Weg zur Markthalle soviel Vertrautes zu Gesicht bekam, dass ich mich geborgen und &#8222;zu Hause&#8220; f\u00fchlte, ohne ein Wort mit jemandem zu sprechen.<\/p>\n<p>DAS hat sich ge\u00e4ndert. Fast zwei Jahre lebe ich nun schon in diesem kleinen Dorf, 15 Kilometer vor Schwerin. Die Jahreszeiten wechseln und das Wetter \u00e4ndert sich, sonst nichts. Die Intensit\u00e4t und Direktheit, mit der hier Sonne, Wind, Regen, Sturm, Schnee auf K\u00f6rper und Psyche wirken, genie\u00dfe ich sehr und kann mir die typische Schl\u00e4frigkeit und Taubheit einer Stadtexistenz kaum mehr vorstellen. Ohne dass ich daf\u00fcr mehr tun m\u00fc\u00dfte als die Fenster zu \u00f6ffnen oder eben mal &#8218;raus auf die Schlo\u00dfwiese zu treten, werde ich von der Umwelt ins &#8222;Jetzt&#8220; geholt, weg von den &#8222;Traumwelten&#8220; aus Gedanken und Pl\u00e4nen, Gr\u00fcbeleien und W\u00fcnschen, die so ein &#8222;Leben im Kopf&#8220; ausmachen. Und WEIL diese M\u00f6glichkeit st\u00e4ndig nah ist, verliert diese Gedankenwelt ihre Bindekraft und Faszination &#8211; was einerseits wunderbar ist und gut tut, andrerseits macht es mir Angst.<\/p>\n<p>Denn: Ich lebe nicht vom Land, \u00f6konomisch betrachtet, sondern von der Stadt, die per Netz \u00fcberall ist &#8211; zumindest virtuell. Hier &#8222;in der Pampa&#8220; kann ich mir nicht mal eben einen neuen Beruf suchen oder mich auch nur in Gespr\u00e4chen und gem\u00fctlichen Treffen mit anderen &#8222;Info-Workern&#8220; inspirieren lassen, neue Kontakte kn\u00fcpfen und zu neuen Ufern und Aktivit\u00e4ten aufbrechen &#8211; und es sieht so aus, als M\u00dcSSTE ich das jetzt mal wieder tun. Doch selbst ohne den sprichw\u00f6rtlichen Schrebergarten mit Zierrasen sitze ich hier auf der Scholle fest und mein Aktivit\u00e4tsradius beschr\u00e4nkt sich auf Fahrten in die umliegenden Superm\u00e4rkte &#8211; gem\u00fctlich, aber ohne &#8222;Perspektive&#8220;.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich gefordert und zerrissen, weiss aber nicht, wie damit umgehen. Fr\u00fcher glaubte ich, man k\u00f6nne ein Problem einfach analysieren, m\u00f6gliche L\u00f6sungen untereinander schreiben und dann die vielsversprechendste Idee umsetzen. Das hab&#8216; ich lange praktiziert und mich selbst dabei fast vergessen: mein Wohlbefinden in K\u00f6rper, Psyche und Geist war nie wirklich Thema, bis ich mich Mitte dreissig auf diese Art in eine gro\u00dfe Krise geschafft hatte. Als ich wieder heraus kam, hatte sich die Welt (mit mir) ver\u00e4ndert: Wie von selbst ergab sich, was ich jeweils tun, lernen, arbeiten mu\u00dfte, bis hin zum Umzug in dieses sch\u00f6ne Schlo\u00df.<\/p>\n<p>Und nun, nach fast zwei Jahren erlebe ich diesen Fr\u00fchling, f\u00fchle: Es muss, sollte, wird sich etwas ver\u00e4ndern&#8230;. aber was? Und was muss ich dabei tun? &#8222;Von selbst&#8220; scheint im Moment nichts zu gehen und die alte Methode &#8222;Planen &#038; Machen&#8220; ist auch nicht wirklich eine Option. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es nach der Statistik ginge, w\u00fcrde ich noch 33 Jahre leben. 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