{"id":3209,"date":"2001-04-01T15:21:48","date_gmt":"2001-04-01T13:21:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3209"},"modified":"2021-01-18T15:23:50","modified_gmt":"2021-01-18T14:23:50","slug":"plauderei-ueber-virtuelle-raeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/04\/01\/plauderei-ueber-virtuelle-raeume\/","title":{"rendered":"Plauderei \u00fcber virtuelle R\u00e4ume"},"content":{"rendered":"<p>Die B\u00fcroklammer aus Winword kratzt sich am Kopf, schaut mir in die Augen und zieht die Brauen hoch &#8211; zwinkert, l\u00e4chelt verschmitzt, guckt in Richtung Werkzeugleiste, dann wieder zum Scrollbalken, zwinkert wieder &#8211; jetzt starre ich das Teil bestimmt schon zwei Minuten an! Ich klicke drauf und schicke den wundersamen Help-Agenten zur\u00fcck ins Nichts. Lass&#8216; mir doch nicht von einer B\u00fcroklammer die Ruhe st\u00f6ren &#8211; ob es Menschen gibt, die nicht mal &#8222;in einem Schreibprogramm&#8220; mit sich alleine sein m\u00f6gen?<!--more--><\/p>\n<p>Normalerweise schreibe ich direkt in den Code des Webeditors, faul wie ich bin. Doch &#8222;dort&#8220; bin ich schon halb drau\u00dfen in den unendlichen Weiten. Die HTML-Tags bilden eine Umgebung, die nie vergessen l\u00e4sst, dass ich f\u00fcrs Web schreibe. Winword ist intimer, ich schaue auf ein wei\u00dfes Blatt, auf dem meine Worte erscheinen und sonst nichts. Sollte ich sp\u00e4ter mit diesen S\u00e4tzen &#8222;raus&#8220; wollen, ist ein &#8222;Umzug&#8220; per Copy &#038; Paste f\u00e4llig, noch mal eine Gelegenheit, sich zu fragen: Muss das sein?<\/p>\n<p>Wenn von &#8222;Virtuellen R\u00e4umen&#8220; die Rede ist, assoziiert man immer noch diese simulierten 3D-Spielwelten, die mittels Cyberbrille und Datenhandschuh erlebt und gesteuert werden. Auch so ein Hype, der Jahr um Jahr durch die Medien recycled wurde, ohne dass diese &#8222;R\u00e4ume&#8220; je mehr als marginale Bedeutung gewonnen h\u00e4tten. Genau wie der K\u00fcnstler Stellarc (Vereinigung Mensch\/Maschine\/Netz) immer wieder als grundst\u00fcrzend neu verbraten oder der Wissenschaftler Hans Moravec (Roboter l\u00f6sen den Menschen ab) warnend zitiert wird, der doch seit dreissig Jahren dasselbe sagt. Nun, wo sind sie denn, die posthumanen, sich selbst programmierenden Roboter, die uns angeblich ein bequemes Restleben in Reservaten bereiten werden? Oh, ich verga\u00df: die B\u00fcroklammer da oben rechts&#8230;<\/p>\n<p>Die heute tats\u00e4chlich genutzten virtuellen R\u00e4ume unterscheiden sich vom Hype wie die ehemals real existierende DDR von der Idee des Sozialismus: Das Mailprogramm zum Beispiel &#8211; ist es nicht wie eine ungem\u00fctliche Bahnhofshalle? Nachrichten kommen \u00fcber verschiedene Gleise (Mailaccounts) herein und werden von Filtern (Weichen) in ihre Positionen rangiert. Wer in verschiedenen Mailinglisten Mitglied ist, kann sich noch dazu an die Vorhalle eines Kongresszentrums erinnert f\u00fchlen: \u00dcberall verschiedene Tagungen, die allerdings niemals enden.<\/p>\n<p>Dann die Orte, wo man sich trifft, im Web zum Beispiel: Wie auf einer richtigen Tagung heisst es oft zuerst: Sie sind noch nicht registriert! Da ich mich ohne Not nicht verdaten lasse, meide ich solch&#8216; ungastliche Orte. Wenn es ein reizvoller Treff zu sein scheint, an dem ich wom\u00f6glich finde, was ich suche, schreib&#8216; ich auch schon mal &#8217;ne Mail an den Veranstalter &#8211; und tats\u00e4chlich ist es vorgekommen, da\u00df der Registrierzwang daraufhin abgeschaltet wurde! Erfolglos mosert man nat\u00fcrlich an Stellen, wo es den Betreibern haupts\u00e4chlich auf umfangreiches Data-Mining ankommt, wobei der Tausch &#8222;Dienstleistung gegen Daten&#8220; durchaus korrekt sein kann, wenn &#8211; ja wenn mir mitgeteilt wird, dass es hier um ein Gesch\u00e4ft geht. Aber wo finden sich schon ehrliche Angaben dar\u00fcber, was mit den Daten passiert?<\/p>\n<p>Am liebsten besuche ich noch immer die freien Foren, z.B. aus dem Parsimony.net. In der alten Medienwelt konnte man nirgends einen so guten Einblick bekommen, was es alles f\u00fcr Interessengruppen gibt! Interessant auch, dass viele dieser Foren wesentlich lebendiger sind als kommerzielle, mit super-komplexer-Community-Software ausgestatte Orte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend alle Foren \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen gleichen, weil man nie wei\u00df, wer gerade vorbeikommt, bieten Mailinglisten die anheimelnde Anmutung eines Closed Club: Sobald ich etwas von mir gebe, bekommen es alle Listenteilnehmer mit, im Guten wie im Schlechten. Man &#8222;erlebt&#8220; also das gleiche, wenigstens potenziell, und das schafft eine gr\u00f6\u00dfere Gemeinsamkeit als das Kommen und Gehen beliebiger Besucher in Foren und auch im Usenet. Es gibt Listen, die bleiben \u00fcber Jahre stabil und fluktuieren wenig: Philweb zum Beispiel verf\u00fcgt \u00fcber einen &#8222;harten Kern&#8220; von 70% der Listenteilnehmer, obwohl es allen Philosophie-Interessierten offen steht. Als ich nach einigen Jahren wieder mal mitlas, waren es sogar diesselben Themen wie zu Zeiten meines Ausstiegs!<\/p>\n<p>Chat-Welten, die von den Altmedien meist-gehypte Form der Netzkommunikation, verstr\u00f6men den Charme einer lauten Disko: wie flirrende Video-Projektionen an realen W\u00e4nden rauschen kurze Rufe, Gr\u00fc\u00dfe, Minimalstatements (&#8222;Ich geh&#8216; jetzt&#8220;) von oben nach unten, man mu\u00df viele Male &#8222;rufen&#8220;, bis jemand reagiert. Chat fasziniert vor allem J\u00fcngere, f\u00fcr die der Kontakt als solcher schon toll ist, noch dazu in ECHTZEIT, wie spannend! \u00c4ltere wissen von sich, dass sie in Echtzeit nicht unbedingt das bestm\u00f6gliche Bild von sich abgeben und ziehen Remote Access-Kommunikationen vor.<\/p>\n<p>Trifft man sich bei alledem &#8222;wirklich&#8220;? Wir tauschen Texte, Bilder, Daten: in den virtuellen R\u00e4umen generieren wir unsere Masken selbst, bewu\u00dft und mit mehr Sorgfalt als im realen Leben. Die laufende mediale Selbstdarstellung f\u00fchrt zur Frage: Bin ich das denn? Kann ich &#8222;mich&#8220; \u00fcberhaupt abbilden? Oder t\u00f6te ich mich nicht viel mehr Tag um Tag, indem ich mich in Symbolen ablege?<\/p>\n<p>Viele Newbees beginnen damit &#8211; von den Medien so angeleitet &#8211; ein oder mehrere Pseudos aufzubauen. Hab&#8216; ich am Anfang auch gemacht aber schnell gemerkt: Warum sich diese Arbeit mit einer virtuellen Figur machen? Der Darstellungsaufwand soll &#8211; wenn schon &#8211; mir selbst zugute kommen, nicht einem erfundenen Charakter, den ich wom\u00f6glich morgen ersetzen mu\u00df, weil er nicht mehr pa\u00dft. Dass sich so auch eine Vergangenheit in die Netze schreibt, die jeder nachlesen kann, der in Google &#8222;Claudia Klinger&#8220; eingibt, st\u00f6rt mich nicht. Da sammeln sich im Lauf der Zeit derart unterschiedliche Dinge an, da\u00df die pure Vielfalt einen gewissen Schutz bietet, allzu leicht in eine einzige Schublade gesteckt zu werden. Interessant wird es sowieso erst im ganz pers\u00f6nlichen Kontakt &#8211; auch im virtuellen Leben.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die B\u00fcroklammer aus Winword kratzt sich am Kopf, schaut mir in die Augen und zieht die Brauen hoch &#8211; zwinkert, l\u00e4chelt verschmitzt, guckt in Richtung Werkzeugleiste, dann wieder zum Scrollbalken, zwinkert wieder &#8211; jetzt starre ich das Teil bestimmt schon zwei Minuten an! Ich klicke drauf und schicke den wundersamen Help-Agenten zur\u00fcck ins Nichts. Lass&#8216; [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[474],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3209"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3209"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3209\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3209"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3209"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3209"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}