{"id":307,"date":"2009-06-29T12:33:52","date_gmt":"2009-06-29T10:33:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=307"},"modified":"2009-06-29T13:16:16","modified_gmt":"2009-06-29T11:16:16","slug":"sloterdijk-du-musst-dein-leben-aendern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/06\/29\/sloterdijk-du-musst-dein-leben-aendern\/","title":{"rendered":"Sloterdijk: Du musst dein Leben \u00e4ndern"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00dcber Anthropotechniken und den Menschen als \u00fcbendes Wesen<\/strong><\/p>\n<div style=\"float:right\"><iframe src=\"http:\/\/rcm-de.amazon.de\/e\/cm?t=daswildegarte-21&#038;o=3&#038;p=8&#038;l=as1&#038;asins=3518419951&#038;fc1=000000&#038;IS2=1&#038;lt1=_blank&#038;m=amazon&#038;lc1=0000FF&#038;bc1=FFFFFF&#038;bg1=FFFFFF&#038;f=ifr&#038;nou=1\" style=\"width:120px;height:240px;\" scrolling=\"no\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/div>\n<p>Ein Buch wie dieses liest sich nicht &#8222;so eben mal&#8220; durch, schon gar nicht, wenn man sich in den Zeiten des Internets ein wenig vom Lesen dicker W\u00e4lzer entw\u00f6hnt hat. Den letzten Rundumschlag von Peter Sloterdijk &#8211; aus meiner Sicht DER Philosoph unserer Tage &#8211; wollte ich dennoch nicht auslassen: keiner fasziniert mit derart originellen Gedanken und einer \u00fcberaus geistreichen Sprache. Seine Wortsch\u00f6pfungen vermitteln Aha-Erlebnisse und lassen oft herzlich schmunzeln, wobei es dem neuen Buch gut tut, dass er es mit seiner spezifischen Philosophie-Lyrik diesmal nicht \u00fcbertrieben hat. <!--more--><\/p>\n<p>Zum ersten Mal erkenne ich in einem Sloterdijk-Buch auch eine klare Botschaft &#8211; die vieldimensionale Krise hat ihn dazu bewegt, von der er k\u00fcrzlich sagte: <em>&#8222;Die Krise ist die einzige G\u00f6ttin, der wir noch erlauben, uns von oben anzusehen&#8220;<\/em>. Dieses &#8222;wir&#8220; ist der Mensch in der Postmoderne, der lange schon mit dem Tod Gottes lebt und nun erstaunt ein Ph\u00e4nomen bemerkt, das der Autor gleich am Anfang seines Buches anspricht:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ein Gespenst geht um in der westlichen Welt &#8211; das Gespenst der Religion. Landauf, landab wird uns von ihr versichert, nach l\u00e4ngerer Abwesenheit sei sie unter die Menschen der modernen Welt zur\u00fcck gekehrt, man tue gut daran, mit ihrer neuen Pr\u00e4senz ernsthaft zu rechnen. Anders als das Gespenst des Kommunismus, der im Jahr 1848, als sein Manifest erschien, kein Wiederkehrer war, sondern eine Neuheit unter den drohenden Dingen, wird der aktuelle Spuk seiner wiederg\u00e4ngerischen Natur vollauf gerecht.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie man an der Wortwahl schon erkennt, macht sich Sloterdijk im folgenden daran, die neuen Auseinandersetzungen rund ums Religi\u00f6se auf andere F\u00fc\u00dfe zu stellen: Religion gibt es nicht wirklich, im Kern sind alle Religionen \u00dcbungssysteme, n\u00e4mlich <strong>Anthropotechniken,<\/strong> mit denen sich die Menschen fit f\u00fcrs \u00dcberleben in einer oft chaotisch und feindselig wirkenden Umwelt halten &#8211; was sowohl das Verhalten gegen\u00fcber den Lebensrisiken, als auch den Umgang mit der Todesgewissheit umfasst. Er schl\u00e4gt dann einen weiten Bogen \u00fcber 3000 Jahre Philosophiegeschichte und zeigt auf, mittels welcher \u00dcbungsformen Menschen versuchten, ihrer &#8222;Vertikalspannung&#8220; Gen\u00fcge zu tun. <\/p>\n<p><strong>&#8222;Vertikalspannung&#8220;<\/strong> ist Sloterdijks Begriff f\u00fcr das stete Streben, sich selbst \u00fcbend zu verbessern, sich h\u00f6her und weiter zu entwickeln und \u00fcber den Status Quo hinaus zu wachsen. Diese Spannung blieb auch erhalten, nachdem Gott als obere Instanz abgedankt hatte &#8211; und sie reicht bis in unsere Tage mit ihren vielf\u00e4ltigen Ratgebern, Selbstmanagement-Hilfen, Kursen, Workshops, Therapien und Lebenslehren, die uns versprechen, mittels der richtigen \u00dcbungen das Gl\u00fcck zu erlangen. <\/p>\n<p>In der Betrachtung und Bewertung etlicher mehr oder weniger nach vorne weisender \u00dcbungssysteme und auch in seinem Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein engagiertes Sich-Aufraffen schreibt Sloterdijk ohne belehrenden Gestus, obwohl man eine ganze Menge \u00fcber Philosophiegeschichte lernt. Allerdings nicht in der uns\u00e4glich trockenen Art, in der viele Kathederphilosophen, die mehr Professoren als Philosophen sind, ihren Stoff abhandeln, sondern mit Leidenschaft und immer in Bezug zum menschlichen Streben, wie man es auch als &#8222;ganz normaler Mensch&#8220; in sich sp\u00fcrt. Dabei werden die unterschiedlichsten Gestalten, die eine bestimmte Haltung zur Welt propagierten, ausgiebig und teils sehr unterhaltsam besprochen: u.a. <strong>Nietzsche, Kafka, Cioran<\/strong> und sogar <strong>Ron Hubbard<\/strong>, der mit der Umwidmung seiner &#8222;Dianetik&#8220; zur Scientology-&#8222;Kirche&#8220; aus Sloterdijks Sicht einen letzten Beweis erbracht hat, dass Religion nicht existiert: indem er n\u00e4mlich eine gr\u00fcndete.<\/p>\n<p>WOF\u00dcR wird nun ge\u00fcbt, wenn es doch keinen Gott mehr gibt, der uns dazu auffordert, bessere Menschen zu werden? K\u00f6nnen wir uns da nicht einfach zur\u00fcck lehnen und Spa\u00df haben? Martin Muno von der Deutschen Welle bringt es in <a href=\"http:\/\/www.dw-world.de\/dw\/article\/0,,4243163,00.html\">seiner Rezension<\/a> sch\u00f6n auf den Punkt:<\/p>\n<blockquote><p>Warum aber soll ich mich \u00e4ndern? Wer hat \u00fcberhaupt das Recht, die Autorit\u00e4t, so mit mir zu sprechen? Es ist \u2013 so Sloterdijk \u2013 die Krise selbst; die wirtschaftliche, kulturelle, moralische und \u00f6kologische Krise. Wenn Banker durch hemmungslose Gier Milliardensummen vernichten, wenn zahllose Menschen beim Stichwort Kultur ans Privatfernsehen und beim Stichwort Genuss an einen Hamburger denken, wenn wir dabei sind, unsere Lebensgrundlagen auf diesem Planeten zu zerst\u00f6ren &#8211; dann ist schlussendlich jeder von uns gefragt. Von uns will Sloterdijk, dass wir &#8222;in t\u00e4glichen \u00dcbungen die guten Gewohnheiten des gemeinsamen \u00dcberlebens annehmen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich lese nicht mehr viele B\u00fccher, obwohl ich in der Gutenberg-Galaxis sozialisiert wurde und als junger Mensch halbe Bibliotheken \u00fcber die wesentlichen Fragen verschlungen habe: <em>Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn? Was ist gut und b\u00f6se? Was kann man erkennen und was soll man tun?<\/em> Heute verschwende ich keine Zeit mehr darauf, blo\u00df Wiedergek\u00e4utes zu lesen, das so oder \u00e4hnlich schon zigmal verbreitet wurde. Umso gl\u00fccklicher bin ich, ab und an ein Buch zu finden, das aus dem Gew\u00f6hnliche deutlich heraus ragt: \u201cDu musst dein Leben \u00e4ndern\u201d geh\u00f6rt zweifellos dazu!<\/p>\n<p><strong>Mehr dazu:<\/strong> <\/p>\n<ul>\n<li>Das <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/download\/Sonstiges\/Ausf%C3%BChrliches_IV_41995_Sloterdijk_Screen.pdf\">ausf\u00fchrliche Inhaltsverzeichnis<\/a> (.pdf);<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/15\/S-Sloterdijk\">\u00dcben, \u00fcben, \u00fcben!<\/a> Rezension von Adam Soboczynski in der ZEIT;<\/li>\n<li>Video: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=OZU0mpvQJ1U\">Beitrag in KULTURZEIT<\/a> zum Erscheinen des Buches;<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=liLcn1hNS-Q\">Philosophisches zur Krise 1<\/a> (Zwiegespr\u00e4ch mit Sloterdijk in Vis \u00e0 Vis.);<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/dp\/3518419951?tag=daswildegarte-21&#038;camp=1410&#038;creative=6378&#038;linkCode=as1&#038;creativeASIN=3518419951&#038;adid=0RTSNFPQQ7D5K7903AY3&#038;\">bestellen \/ Amazon-Rezensionen lesen<\/a><\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Anthropotechniken und den Menschen als \u00fcbendes Wesen Ein Buch wie dieses liest sich nicht &#8222;so eben mal&#8220; durch, schon gar nicht, wenn man sich in den Zeiten des Internets ein wenig vom Lesen dicker W\u00e4lzer entw\u00f6hnt hat. 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