{"id":3056,"date":"2020-04-15T10:13:52","date_gmt":"2020-04-15T08:13:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=3056"},"modified":"2020-04-15T10:28:15","modified_gmt":"2020-04-15T08:28:15","slug":"der-raum-der-moeglichkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2020\/04\/15\/der-raum-der-moeglichkeiten\/","title":{"rendered":"Der Raum der M\u00f6glichkeiten"},"content":{"rendered":"<p>Am 10.M\u00e4rz hatte ich im Blogbeitrag &#8222;<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2020\/03\/10\/bald-leben-alle-wie-ich\/\">Bald leben alle wie ich<\/a>&#8220; dar\u00fcber gebloggt, dass sich f\u00fcr mich eigentlich nichts \u00e4ndert. Die vielen Veranstaltungen in Berlin hab ich fast nie aufgesucht, sondern ein recht ruhiges Leben im Homeb\u00fcro gef\u00fchrt. Als Abwechslung bewirtschafte ich mit dem Liebsten zusammen einen Garten &#8211; ein Hobby, das stark bindet, denn wenn man will, dass alles Gepflanzte auch gedeiht, kann man nicht einfach mal eine Woche wegbleiben. Also noch ein Grund mehr, keine gro\u00dfen Ausfl\u00fcge, gar Reisen zu machen.<!--more--><\/p>\n<p>Den gewohnten Kurzurlaub in Sizilien (oder auch mal Spanien, Portugal) als Flucht vor dem langen Ende des Berliner Winters hatte ich dieses Jahr <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2019\/12\/30\/warum-ich-2020-nicht-nach-sizilien-fliege-omagate\/\">gecancelt<\/a>. Aus &#8222;Flugscham&#8220;, denn ich wollte nicht einerseits f\u00fcr mehr Klimaschutz eintreten und dann wieder unger\u00fchrt in den Flieger steigen. Dass das in diesem Jahr eine schicksalshaft gute Entscheidung war, stellte sich mit &#8222;Corona&#8220; heraus: Wir w\u00e4ren vielleicht gar nicht mehr weg gekommen!<\/p>\n<h2>Nichts geht mehr<\/h2>\n<p>Jetzt sind f\u00fcnf Wochen ins Land gegangen, die alles ver\u00e4ndert haben, hierzulande und weltweit. Es gibt keine Veranstaltungen mehr, die ich aufsuchen k\u00f6nnte, touristische Reisen sind verboten, sogar innerhalb Deutschlands. Ganz direkt ber\u00fchrt mich nur die Schlie\u00dfung meines Fitness-Centers: das hatte ich allerdings kaum mehr besucht, au\u00dfer zur Sauna. Ein Verlust, der angesichts dessen, was andere verlieren, geradezu l\u00e4cherlich marginal ist. Trotzdem tut es mir leid, dass es nun wohl &#8222;ewig&#8220; dauern wird, bis ich wieder <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2014\/10\/31\/selfcare-in-der-sauna\/\">eine Sauna aufsuchen<\/a> kann. Der Verlust hat eine symbolische Schwere bekommen, denn es gibt auch keine Alternativen, mal &#8222;was anderes&#8220; zu erleben.<\/p>\n<p>1999 bin ich mal aus Berlin weggezogen: Nach Mecklenburg in ein kleines Dorf nahe Schwerin. Freunde hatten dort nach der Wende ein marodes, leer stehendes Gutshaus mit dem sch\u00f6nen Namen &#8222;Schloss Gottesgabe&#8220; saniert und meinem damaligen Lebensgef\u00e4hrten und mir angeboten, doch dort eine Wohnung zu mieten. Ganz toll, mit kleinem &#8222;Schlosspark&#8220;, rundherum &#8222;unendliche Weiten&#8220;, ganz das Gegenteil von Berlin, wo ich nur auf die n\u00e4chste Gr\u00fcnderzeitfassade gucken konnte.<\/p>\n<p>Nach nur zwei Jahren nahm ich allerdings schon <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/erde\/index.htm\">Abschied<\/a> und kehrte zur\u00fcck. Warum? Obwohl ich auch dort im wesentlichen zuhause vor dem Monitor sa\u00df, sp\u00fcrte ich die Schrumpfung des &#8222;Raums der M\u00f6glichkeite&#8220; immer drastischer. Zwei Berlinbesuche brauchte es, um mich zur R\u00fcckkehr zu bewegen. Beim ersten, ein Jahr nach dem Umzug, sp\u00fcrte ich noch die Luftverschmutzung und den L\u00e4rm und war froh, &#8222;raus&#8220; zu sein. Beim zweiten Besuch f\u00fchlte ich mich schon durch einen Spaziergang in Kreuzberg so inspiriert wie in Gottesgabe nicht in einem halben Jahr! Die vielen Eindr\u00fccke, die Buntheit, die unterschiedlichen Menschen, die L\u00e4den und Caf\u00e9s, das riesige kulturelle Angebot in Berlin &#8211; ich sp\u00fcrte drastisch, dass ich das alles sehr vermisste, v\u00f6llig ungeachtet dessen, dass es meist nur &#8222;M\u00f6glichkeiten&#8220; waren, die ich in Berlin kaum wahrgenommen hatte.<\/p>\n<h2>Tu es jetzt, schieb nichts auf!<\/h2>\n<p>Jetzt im &#8222;Lockdown&#8220; ist der Raum der M\u00f6glichkeiten faktisch auf den Supermarkt-Besuch zusammen geschrumpft. Klar, man kann spazieren gehen, aber wenn das Wetter es erlaubt, ist es in den nahe liegenden Gr\u00fcnbereichen vergleichsweise voll. Ein lieber Freund, der normalerweise auf dem Tempelhofer Feld spazieren geht, hat sich in die Friedh\u00f6fe zur\u00fcck gezogen, doch neuerdings schr\u00e4nken auch sie ihre \u00d6ffnungszeiten ein, weil sie zunehmend \u00fcberlaufen werden. Alle halten Abstand, was eine recht gleichm\u00e4\u00dfige aber gro\u00dffl\u00e4chige &#8222;\u00dcberf\u00fcllung&#8220; erzeugt<\/p>\n<p>Unternehmungen, die ich vor Corona \u00fcberlegt, aber dann aus Tr\u00e4gheit und wegen des \u00fcblichen Versackens im Alltag doch nicht umgesetzt hatte, erscheinen mir jetzt als &#8222;Verlust&#8220; &#8211; einfach weil sie derzeit unm\u00f6glich sind. Mir scheint, ich entwickle gerade einen Nachholbedarf &#8211; schon seltsam!<\/p>\n<p>So wird mir die Corona-Zeit eine Lehre sein: \u00d6fter mal was Ungewohntes machen, nicht bis zum St.Nimmerleinstag verschieben. Die Lebenszeit ist nicht unendlich &#8211; ein gef\u00fchlter Irrtum, dem nicht nur ich immer wieder aufsitze.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 10.M\u00e4rz hatte ich im Blogbeitrag &#8222;Bald leben alle wie ich&#8220; dar\u00fcber gebloggt, dass sich f\u00fcr mich eigentlich nichts \u00e4ndert. Die vielen Veranstaltungen in Berlin hab ich fast nie aufgesucht, sondern ein recht ruhiges Leben im Homeb\u00fcro gef\u00fchrt. 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