{"id":297,"date":"2009-05-22T00:10:10","date_gmt":"2009-05-21T22:10:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=297"},"modified":"2009-05-24T12:21:37","modified_gmt":"2009-05-24T10:21:37","slug":"fang-keinen-streit-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/05\/22\/fang-keinen-streit-an\/","title":{"rendered":"Fang keinen Streit an!"},"content":{"rendered":"<h2>\u00dcber Menschenfresser, M\u00e4rchen und Menschlichkeit<\/h2>\n<p>Anl\u00e4sslich einer TV-Doku \u00fcber <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mary_Kingsley\">Mary Kingsley<\/a>, die als 32-J\u00e4hrige im Jahr 1892 das viktorianische England verlie\u00df, um das westliche Afrika zu bereisen, suchte ich anschlie\u00dfend nach den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fang_(Ethnie)\">Fang<\/a>, dem &#8222;Menschenfresservolk&#8220;, mit dem Mary als erste Wei\u00dfe in Kontakt getreten war, um ihre Fetische und Rituale zu erforschen.\u00a0 Anders als die m\u00e4nnlichen Abenteurer und Forscher reiste sie nicht mit einer wohl bewaffneten Truppe, sondern engagierte lediglich ein paar Einheimische als F\u00fchrer und handelte mit den Menschen, denen sie begegnete.<!--more--><\/p>\n<p>So auch mit den Fang, vor denen sich alle f\u00fcrchteten, Wei\u00dfe wie Schwarze. Mit feinen englischen Blusen bezahlte sie die alte Schuld eines ihrer Begleiter, den die Fang zum Fr\u00fchst\u00fcck verspeisen wollten, da er nichts hatte, was er geben konnte. Meist blieb sie gefasst, was auch immer an Ungew\u00f6hnlichem geschah, nur einmal wurde es ihr Angst und Bange angesichts des Inhalts einer ihr zum Geschenk gemachten Tasche, in der sich verschiedene K\u00f6rperteile in diversen Verwesungsstadien befanden. (Das Geschenk soll sich heute im Besitz der Royal Geographical Society befinden).<\/p>\n<p>Mary war in manchen Gegenden die erste Wei\u00dfe,\u00a0 die die Eingeborenen zu Gesicht bekamen. Sie lebte in ihren D\u00f6rfern, teilte ihr Essen, lernte ihre Sprache, sammelte unbekannte Fische, Pflanzen und Insekten f\u00fcr die Wissenschaft und machte Fotos.\u00a0 Bei alledem trug sie als Tochter ihres k\u00fcrzlich verstorbenen Vaters durchweg feine englische Trauerkleidung, immer ein Korsett und einen langen, schwarzen Wollrock. Auf den Ruhm, einen bis dahin noch nie bereisten See &#8222;entdeckt&#8220; zu haben, verzichtete sie, da sie der Meinung war, man k\u00f6nne nichts &#8222;entdecken&#8220;, was f\u00fcr die Anwohner doch immer schon da war.<\/p>\n<p>Ich bin fasziniert von dieser Frau und ihrem Mut zu einer Zeit, als Frauen nicht einmal ein Recht auf Schulbildung hatten und als Unverheiratete mit 32 auch definitiv keinen Platz in der Gesellschaft.\u00a0 Gerne w\u00fcrde ich ihre beiden B\u00fccher lesen, doch traue ich mir das &#8222;alte Englisch&#8220; nicht zu und eine deutsche \u00dcbersetzung (&#8222;<a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gr%C3%BCnen-Fl%C3%BCsse-Aufzeichnungen-Westafrika-Sachbuch\/dp\/3423303158\/ref=sr_1_2?ie=UTF8&amp;s=books&amp;qid=1242930558&amp;sr=8-2\">Die gr\u00fcnen Mauern meiner Fl\u00fcsse<\/a> &#8211; Aufzeichnungen aus Westafrika&#8220;) ist vergriffen und kostet antiquarisch s\u00fcndhafte 58 Euro!<\/p>\n<h2>Entdeckung: so fern, so vertraut<\/h2>\n<p>Was mich dann bei meiner Suche nach den &#8222;Fang&#8220; so ber\u00fchrt hat, dass ich es hier berichte, ist jedoch nicht Marys erstaunliches Leben, sondern eine Entdeckung:  Nach einem Blick auf die kunstvollen <a href=\"http:\/\/www.hafenbasar.de\/basar\/exit-list\/item_cat.cat_id-149\/von-1\/bis-20\/Fang.html\">Masken und magischen Reliquienbeh\u00e4ltnisse<\/a> f\u00fchrte mich ein weiterer Klick auf eine Seite mit <a href=\"http:\/\/www.hekaya.de\/maerchen\/aus-aller-welt\/fang.html\">M\u00e4rchen der Fang<\/a>. Da mich jetzt interessierte, was das f\u00fcr Menschen waren, auf die Mary Kingsley gesto\u00dfen war, las ich einfach mal rein in<\/p>\n<ul>\n<li> <a href=\"http:\/\/www.hekaya.de\/txt.hx\/akulenzame-der-mann-mit-dem-sack--maerchen--afrika_2\">Akulenzame, der Mann mit dem Sack<\/a>, die Geschichte eines h\u00e4\u00dflichen Kleinw\u00fcchsigen, der heiraten will,  aber von den in Frage kommenden Frauen wegen seiner unsch\u00f6nen Gestalt abgelehnt wird.<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.hekaya.de\/txt.hx\/angonzing-und-ndongmba--maerchen--afrika_4\">Angonzing und Ndongmba<\/a>, die Geschichte vom Krieg zwischen den Riesenmenschen und den Zwergmenschen (ich musste gleich an die heutigen Tutsi und Hutu denken&#8230;)<\/li>\n<li><a href=\"http:\/\/www.hekaya.de\/txt.hx\/die-drei-soehne-adas--maerchen--afrika_82\">Die drei S\u00f6hne Adas<\/a>, die Geschichte der Drillinge, die dem Brauch entsprechend eigentlich sofort get\u00f6tet werden sollten.<\/li>\n<li>Und zu guter Letzt dann noch <a href=\"http:\/\/www.hekaya.de\/txt.hx\/fang-keinen-streit-an--maerchen--afrika_131\">&#8222;Fang keinen Streit an&#8220;<\/a>, eine Story, die in aller K\u00fcrze drastisch klar macht, was es mit Nachbarschaftsstreitigkeiten auf sich hat.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Obwohl ich seit der Kindheit keine M\u00e4rchen mehr lese und die Freude, die man als Erwachsener an solcher Lekt\u00fcre hegen kann, bisher nicht teile, war ich auf einmal hin und weg:  Anders als mit 6, 10 oder 12 Jahren kommen mir diese Geschichten gar nicht mehr &#8222;m\u00e4rchenhaft&#8220; vor &#8211; ich staune! Nat\u00fcrlich gibt es die ins Wunderbare \u00fcbersteigerte Kampfkraft der Helden, es gibt Geister und wandernde oder gar gefangene Seele, aber die wesentlichen Inhalte der Geschichten, die Gef\u00fchle und Motive der Beteiligten, sind so allgemein menschlich, so verst\u00e4ndlich, so nah, wie ich es nie im Leben von einem &#8222;Menschenfresservolk&#8220; angenommen h\u00e4tte. <em>(Ganz intuitiv nicht und nur bezogen auf die damaligen &#8222;Wilden&#8220;, nicht auf die heutige Ethnie).<\/em><\/p>\n<p>Dass auch jede Menge K\u00f6pfe abgeschlagen und B\u00e4uche aufgeschlitzt werden, unterscheidet sie kaum von uns Heutigen &#8211; wir haben ja nur Gl\u00fcck, selber meist nicht so nah dran zu sein am Hauen, Stechen und Foltern unserer Tage. Passagen wie <em>&#8222;Dann nahm man sich den feindlichen H\u00e4uptling vor. Die Frauen zerrten ihn am Kopf, streuten ihm gesto\u00dfenen Pfeffer in Nase und Augen. Er wurde in die Mitte des Dorfes gef\u00fchrt, um dem Fest beizuwohnen. Als es beendet war, schnitt man ihm die Kehle durch&#8220;<\/em> wirken im \u00fcbrigen geradezu harmlos und human gegen\u00fcber den Folterungen unserer Zeit, mit denen ich jetzt aber niemandem per Link die Stimmung vermiesen will.<\/p>\n<h2>Menschlich, allzu menschlich &#8211; human?<\/h2>\n<p>Denn die &#8222;M\u00e4rchen&#8220; vermitteln mir eher ein Gef\u00fchl der Begl\u00fcckung: es gibt also doch Medien, die der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung (mein Gott, welch langweilige Phrase!)  dienen k\u00f6nnen. In diesen Geschichten von Konflikten und ihrer Bew\u00e4ltigung erkennt man die tiefste Gleichheit der Menschen trotz aller \u00e4u\u00dferen Verschiedenheit. Man erkennt es in den h\u00f6chsten und niedrigsten Strebungen und Regungen, bez\u00fcglich derer man in der Moderne beschlossen hat, nur erstere als &#8222;human&#8220; zu bezeichnen &#8211; und das weniger Sch\u00f6ne als &#8222;allzu Menschliches&#8220; schamhaft abzutun, wenn es gar nicht mehr zu bem\u00e4nteln ist.<\/p>\n<p>&#8222;Menschlich&#8220; ohne &#8222;allzu&#8220; davor meint also bereits den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%9Cbermensch\">\u00dcbermenschen<\/a>, meint den, der wir sein wollen, sein sollten, aber leider immer noch nicht sind. (Siehe: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Humanismus\">Humanismus<\/a>)<\/p>\n<p>In der Postmoderne geben wir dann sogar den Glauben auf, es werden zu k\u00f6nnen, lehnen den Anspruch ab, es werden zu sollen, und verlegen uns auf das &#8222;technische Verunm\u00f6glichen von Fehlverhalten&#8220;, um ein wenig sozialen Frieden von au\u00dfen zu erzwingen. Ein Armutszeugnis, geboren aus der Abspaltung der &#8222;dunklen&#8220; Seiten, die nicht etwa aufgehoben ist: es sind immer die Anderen, die \u00fcberwacht werden m\u00fcssen&#8230;<\/p>\n<p>Die ANDEREN: f\u00fcr sie gibt es viele Namen und gerne wird ihnen nach und nach die Menschlichkeit abgesprochen, je mehr sie als Gegner erscheinen, bzw. zu Gegnern und Feinden erkl\u00e4rt werden. Denn dann ist es leichter,  &#8222;mit allen Mitteln&#8220; gegen sie vorzugehen, wogegen &#8222;Menschen wie du und ich&#8220; doch eine gewisse T\u00f6tungshemmung ausl\u00f6sen. (\u00dcbrigens auch bei allen bis heute bekannt gewordenen &#8222;Menschenfresserv\u00f6lkern&#8220;: nirgends wurde je au\u00dferhalb krasser Notlagen Kannibalismus zum Zweck der Ern\u00e4hrung festgestellt.)<\/p>\n<p>M\u00e4rchen, so hab&#8216; ich heute gelernt, sind wie vorbeugende Medikamente gegen den Virus der feindseligen <a href=\"http:\/\/claudia-klinger.de\/hvalt\/andere.htm\">Entmenschung  Anderer<\/a>. Ich werde <a href=\"http:\/\/www.hekaya.de\/maerchen\/\">mehr davon<\/a> lesen.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p><strong>Nachtrag\/Update: <\/strong> Jetzt stimmt auch der Link zur Geschichte <a href=\"http:\/\/www.hekaya.de\/txt.hx\/fang-keinen-streit-an--maerchen--afrika_131\">&#8222;Fang keinen Streit an!&#8220;<\/a>. Offenbar liest kein Mensch in die M\u00e4rchen rein, denn niemand hat&#8217;s bemerkt, zumindest nicht mitgeteilt. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Menschenfresser, M\u00e4rchen und Menschlichkeit Anl\u00e4sslich einer TV-Doku \u00fcber Mary Kingsley, die als 32-J\u00e4hrige im Jahr 1892 das viktorianische England verlie\u00df, um das westliche Afrika zu bereisen, suchte ich anschlie\u00dfend nach den Fang, dem &#8222;Menschenfresservolk&#8220;, mit dem Mary als erste Wei\u00dfe in Kontakt getreten war, um ihre Fetische und Rituale zu erforschen.\u00a0 Anders als die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[8],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/297"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=297"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/297\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=297"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=297"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=297"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}