{"id":2961,"date":"2019-12-11T13:43:32","date_gmt":"2019-12-11T12:43:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2961"},"modified":"2019-12-11T17:41:01","modified_gmt":"2019-12-11T16:41:01","slug":"fehler-der-menschheit-vernunft-koennen-wir-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2019\/12\/11\/fehler-der-menschheit-vernunft-koennen-wir-nicht\/","title":{"rendered":"Fehler der Menschheit: Vernunft k\u00f6nnen wir nicht"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Vernunft ist die geistige F\u00e4higkeit des Menschen, Einsichten zu gewinnen, sich ein Urteil zu bilden, die Zusammenh\u00e4nge und die Ordnung des Wahrgenommenen zu erkennen und sich in seinem Handeln danach zu richten&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Definition der Vernunft spuckt Google aus, Quelle ist ein ungenanntes W\u00f6rterbuch. Den Schwerpunkt dieser recht stimmigen Definition sehe ich im <strong>Verm\u00f6gen, die gewonnenen Erkenntnisse im eigenen Handeln zu ber\u00fccksichtigen<\/strong> &#8211; und genau da tut sich das weite Feld menschlichen Versagens auf, das mittlerweile dabei ist, die Lebensgrundlagen, die uns die Erde bietet, zu zerst\u00f6ren.<!--more--><\/p>\n<p>Wir Menschen sind die gef\u00e4hrlichsten Wesen, die die Welt je gesehen hat: Als &#8222;M\u00e4ngelwesen&#8220; sind wir physisch schlechter ausgestattet als viele Tiere, doch haben wir einen Verstand entwickelt, der das mehr als wett macht. Mittlerweile beherrschen wir den Planeten, \u00fcberziehen ihn mit einer Technosph\u00e4re, die kaum mehr L\u00fccken l\u00e4sst. Das dadurch verursachte <a href=\"https:\/\/www.nationalgeographic.de\/umwelt\/2017\/03\/wird-die-menschheit-das-sechste-grosse-massenaussterben-ueberleben\">6. gro\u00dfe Artensterben<\/a> kann locker mit den ersten f\u00fcnf Natur-bedingten Massensterben mithalten, wenn es so weiter geht. Und leider spricht nichts dagegen, dass es so kommt.<\/p>\n<p>Nicht einmal die ernsthafte Gef\u00e4hrdung des eigenen \u00dcberlebens bringt uns zur Vernunft: Seit \u00fcber einer Woche tagt die 25.Klimakonferenz, die &#8211; wie jedes Mal &#8211; die Dringlichkeit eines Umschwenkens in Sachen CO\u00b2-Emissionen beschw\u00f6rt, w\u00e4hrend die tats\u00e4chlichen Emissionen weiter steigen, <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/natur\/steigende-emissionen-die-welt-hat-ein-erdgas-problem-a-1299549.html\">wenn auch etwas langsamer<\/a>.<\/p>\n<p>Gegen den &#8222;Green Deal&#8220;, mit dem die neue Kommissionspr\u00e4sidentin von der Leyen ambitionierte Ziele f\u00fcr eine emissionsfreie EU im Jahr 2050 festschreiben will, gibt es &#8211; wie zu erwarten war &#8211; heftigen Widerstand. Als ein Beispiel f\u00fcr viele sei der Bosch-Chef Denner zitiert:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Derartig anspruchsvolle Grenzwerte bedeuten das Ende des klassischen Verbrennungsmotors&#8230;.mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Besch\u00e4ftigung der betroffenen Unternehmen.&#8220; (<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/co2-vorgaben-der-eu-kommission-deutsche-industrie-gegen-ehrgeizige-plaene-a-1300671.html\">Quelle<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Ja heul doch!<\/strong> Wer den Verbrennungsmotor noch nicht mal bis 2050 als entbehrlich ansieht, hat wohl wirklich den Schuss nicht geh\u00f6rt &#8211; bzw. mittlerweile sind die vielf\u00e4ltigen Warnungen und Folgeabsch\u00e4tzungen eines &#8222;weiter so&#8220; ja kein &#8222;Schuss&#8220; mehr, sondern ein un\u00fcberh\u00f6rbares Dauerfeuer.<\/p>\n<h2>WER kann keine Vernunft?<\/h2>\n<p>Gegen die Eingangsthese dieses Artikels gibt es &#8211; immerhin! &#8211; berechtigte Einw\u00e4nde: Beispiele vern\u00fcnftigen Handelns kennen wir aus eigener Lebenserfahrung und aus Berichten:<\/p>\n<ul>\n<li>Menschen, die das Richtige tun, auch wenn es keinen individuellen Gewinn bringt,<\/li>\n<li>Menschen, die sich selbstlos f\u00fcr Andere einsetzen<\/li>\n<li>Menschen, die noch so etwas wie ein &#8222;Gemeinwohl&#8220; kennen, das verlangt, dass die Individuen etwas zur\u00fcck stecken und sich im Durchsetzen ihrer Interessen bez\u00e4hmen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>&#8222;Bez\u00e4hmung&#8220;<\/strong> ist ein wichtiges Stichwort, denn genau daran fehlt es &#8211; individuell und erst recht kollektiv. In unseren arbeitsteiligen, weit entwickelten Gesellschaften ist die Vertretung der Gruppeninteressen durchweg institutionalisiert. Es ist nicht der Job des BOSCH-Chefs, die Interessen der Allgemeinheit zu vertreten, sondern nur jene der Unternehmenseigner und allenfalls noch der Besch\u00e4ftigten. Das Allgemeinwohl haben wir an Politker\/innen delegiert, deren Macht gegen\u00fcber all diesen Vollzeit-Interessenvertretern jedoch relativ gering ist. Wenn s\u00e4mtliche Akteure keinerlei Anreiz zur &#8222;Selbstbez\u00e4hmung&#8220; mehr haben, sondern die Durchsetzung der eigenen Interessen schon die ganze Arbeitsplatzbeschreibung darstellt, dann wundert es nicht, dass &#8222;die Politik&#8220; letztlich wenig ausrichten kann gegen den gro\u00dfen Trend. Schlie\u00dflich will man wiedergew\u00e4hlt werden, was die M\u00f6glichkeiten &#8222;unpopul\u00e4rer Entscheidungen&#8220; ebenfalls deutlich begrenzt.<\/p>\n<p><strong>Mangelnde Selbstbez\u00e4hmung und Ignoranz gegen\u00fcber dem Gemeinwohl<\/strong> ist im \u00dcbrigen nicht nur typisch f\u00fcr &#8222;b\u00f6se Industrie-Lobbys&#8220;: Auch B\u00fcrgerinitiativen, NGOs und &#8222;Betroffenenvertretungen&#8220; vertreten Partikular-Interessen. Man denke nur an die neuen Windkraftgegner, die es glatt schaffen, eine ziemlich erfolgreiche gr\u00fcne Energiegewinnung auszubremsen und so der dringend n\u00f6tigen Energiewende Steine in den Weg zu legen.<\/p>\n<p><strong>Und die individuelle Selbstbez\u00e4hmung, wie steht es damit?<\/strong> Tja, auch da sieht es richtig d\u00fcster aus, wie wohl fast jede und jeder mit ehrlichem Blick auf sich selbst und das eigene Umfeld best\u00e4tigen kann. Nicht einmal da, wo vern\u00fcnftiges Handeln vor Leiden, Krankheit und vorzeitigem Tod sch\u00fctzen w\u00fcrde, n\u00e4mlich bei der Ern\u00e4hrung und beim Konsum von Drogen und Genussmitteln sind wir in der Lage, langfristig das Richtige zu tun und die eigenen Gel\u00fcste zu bez\u00e4hmen:<\/p>\n<ul>\n<li>2017 waren \u00fcber 50% der Erwachsenen in Deutschland \u00fcbergewichtig,<\/li>\n<li>jedes Jahr sterben 20.000 an den Folgen des Alkoholkonsums,<\/li>\n<li>23 Prozent rauchen noch immer.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&#8211; das nur mal als bekannteste Beispiele, es gibt unz\u00e4hlige mehr.<\/p>\n<h2>Wer bez\u00e4hmt das Menschentier?<\/h2>\n<p>Als die Menschen sesshaft wurden und in gr\u00f6\u00dferen Gemeinschaften zusammen lebten, bildeten sich Religionen heraus. Ihnen ist der Versuch gemeinsam, eine Gegenkraft gegen die innere &#8222;Wildheit&#8220; der Menschen zu bilden. Was uns so erfolgreich macht, n\u00e4mlich die F\u00e4higkeit, die eigenen Interessen &#8222;mit allen Mitteln&#8220; durchzusetzen, die der Verstand uns finden l\u00e4sst, muss gez\u00fcgelt und gez\u00e4hmt werden, damit gr\u00f6\u00dfere Gesellschaften entstehen und friedlich miteinander leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&#8222;Von selbst&#8220; k\u00fcmmern wir uns grade mal um unsere Familie, den Clan &#8211; und manchmal noch den \u00fcberschaubar gro\u00dfen Stamm der &#8222;Gleichen&#8220; &#8211; der gro\u00dfe Rest ist Konkurrenz, ganz leicht auch Feind, wenn zu nahe an der eigenen Interessensph\u00e4re. Als ganze Menschheit sind wir weitgehend handlungsunf\u00e4hig, wie sich immer wieder zeigt.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Gott siehts&#8220;<\/strong> war noch im 19. und in religi\u00f6sen Kreisen sogar noch im 20. Jahrhundert ein erzieherisches Argument, um ein &#8222;Gewissen&#8220; im Individuum zu etablieren. Auch wenn niemand das jeweilige Verhalten beobachtet, soll der Mensch moralisch handeln und nicht seinen Ego-Interessen\u00a0 folgen.<\/p>\n<p>Dass es eine Erziehung zur Selbstbez\u00e4hmung braucht, sollte eigentlich allgemeiner Konsens sein, denn jeder Umgang mit 3-J\u00e4hrigen zeigt immer noch und weiterhin die urspr\u00fcngliche &#8222;Wildheit&#8220;. Ganz ebenso die Grausamkeit kindlicher Mobbing-Kulturen, die es zu allen Zeiten gab und weiterhin gibt. Kinder an die Macht? Bewahre!<\/p>\n<p><strong>Nun ist Gott allerdings lange schon tot.<\/strong> Zumindest in Europa glaubt die gro\u00dfe Mehrheit nicht mehr ernsthaft, von einer jenseitigen Macht f\u00fcrs eigene Fehlverhalten bestraft zu werden. Staatliche Gesetze sind alles, was wir noch haben, doch erodiert die Motivation, sich an diese Gesetze zu halten, hier und da un\u00fcbersehbar. Die Suche nach Gesetzesl\u00fccken, um die eigene Bereicherung (m\u00f6glichst legal, wenn nicht, auch illegal) zu vergr\u00f6\u00dfern, spricht B\u00e4nde! Ob gro\u00dfformatige CumEx-Betr\u00fcgerei oder trickreiche Nutzung des &#8222;Gestaltungsspielraums&#8220; der Steuererkl\u00e4rung: das Gemeinwohl ist dabei kein Thema. Sogar den Gutwilligen in Sachen Gemeinwohl f\u00e4llt es leicht, das zu rechtfertigen, schlie\u00dflich gibt &#8222;dieser Staat&#8220; Geld f\u00fcr allerlei aus, das man selbst nicht f\u00f6rdern w\u00fcrde. Also&#8230;<\/p>\n<p>Und jetzt sollen wir daf\u00fcr sein, neue &#8222;Klimagesetze&#8220; einzuf\u00fchren und zu befolgen, die dem eigenen Lebensstil diametral entgegen stehen? <strong>Wer&#8217;s glaubt, wird selig<\/strong>, f\u00e4llt mir da spontan ein!\u00a0 Kein bl\u00f6der Spruch, denn genau genommen stimmt es sogar: Wer das glauben kann, dem geht es psychisch besser!<\/p>\n<p><strong>Woher kommt eigentlich so ein Glaube?<\/strong> Ich meine jetzt nicht den Glauben an G\u00f6tter, sondern an das Gute im Menschen, an die M\u00f6glichkeit, vern\u00fcnftig zu handeln und sich selbst zu bez\u00e4hmen?<br \/>\nDieser Glaube kommt meines Erachtens zum gro\u00dfen Teil aus der eigenen Erfahrung und ist deshalb schwankend:<\/p>\n<ul>\n<li>Wenn ich es selbst gerade schaffe, glaube ich, dass &#8222;alle&#8220; es schaffen k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Wenn ich &#8211; wieder mal &#8211; scheitere, glaube ich das nicht mehr.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Da mensch im h\u00f6heren Alter auf eine l\u00e4ngere Geschichte wiederholten Scheiterns zur\u00fcck blickt, erkl\u00e4rt sich dadurch recht einfach das konservativere, oft sogar zynische Denken der Alten. Ebenso aber auch der &#8222;frische Mut&#8220;, die Kraft und Hoffnung der Jungen, die noch wenig Grund haben, die eigene Natur als Teil des Problems anzusehen. Sie sind ja tats\u00e4chlich die jeweils &#8222;neuen Menschen&#8220;, die &#8211; in ge\u00e4nderte Bedingungen hinein geboren &#8211; auch andere Not-Wendigkeiten zur Selbstbez\u00e4hmung erkennen und umsetzen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Wenn es also etwas gibt, das als vern\u00fcnftige Konsequenz aus diesen \u00dcberlegungen folgt, dann ist es der Appell an jene, die als &#8222;alte Riegen&#8220; noch soviel Macht in unseren Gesellschaften aus\u00fcben:<\/p>\n<p><strong style=\"font-size: 2em;\">Tretet ab und lasst die J\u00fcngeren machen!<\/strong><\/p>\n<p>Sie und ihre Kinder sind es, die noch lange die Konsequenzen politischen Handelns tragen m\u00fcssen, also sollten sie auch sehr viel umfangreicher an den Entscheidungen beteiligt sein.<\/p>\n<p>&#8222;Alte Weise&#8220; k\u00f6nnen sie ja beraten. Allzu lange an Machtpositionen zu kleben, ist allerdings niemals weise.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Vernunft ist die geistige F\u00e4higkeit des Menschen, Einsichten zu gewinnen, sich ein Urteil zu bilden, die Zusammenh\u00e4nge und die Ordnung des Wahrgenommenen zu erkennen und sich in seinem Handeln danach zu richten&#8220;. Diese Definition der Vernunft spuckt Google aus, Quelle ist ein ungenanntes W\u00f6rterbuch. 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