{"id":2946,"date":"2001-03-23T11:30:55","date_gmt":"2001-03-23T10:30:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2946"},"modified":"2019-11-15T11:57:48","modified_gmt":"2019-11-15T10:57:48","slug":"abgesang-aufs-internet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/03\/23\/abgesang-aufs-internet\/","title":{"rendered":"Abgesang aufs Internet?"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber 40 Prozent der Bev\u00f6lkerung lehnen das Internet kategorisch ab und werden es &#8222;gewi\u00df nicht nutzen&#8220;. Die Umfrage, die in der letzten Woche durch alle tonangebenden Gazetten gereicht wurde, k\u00f6nnte auch anders gelesen werden: Fast 60 Prozent sind &#8211; zumindest gelegentlich &#8211; online. Nie zuvor hat eine neue Kommunikationstechnik in solcher Geschwindigkeit die Gesellschaft durchdrungen und dabei so viel ver\u00e4ndert wie das Netz, das INTER-Net, das sich &#8222;zwischen&#8220; uns geschoben hat und Verbindungen erm\u00f6glicht, die vorher undenkbar gewesen w\u00e4ren.<!--more--><\/p>\n<p>Ich erinnere mich an die Zeit mit meinem ersten Computer, der zwar schon das Betriebssystem Windows mitbrachte, aber keinesfalls ein &#8222;Fenster zur Welt&#8220; \u00f6ffnete. Schreib-, Layout- und Bildbearbeitungsprogramme verhundertfachten meine Produktivit\u00e4t und ich bemerkte staunend, da\u00df ich jetzt ganz allein Dinge bewerkstelligen konnte, die kurz zuvor noch sehr viel mehr Menschen erfordert h\u00e4tten. Im R\u00fcckblick wirkt es eher komisch, dass vielerorts ernsthaft dar\u00fcber diskutiert wurde, was man denn mit dem Ger\u00e4t tun solle, wer denn einen PC wirklich BRAUCHE. Autoren schrieben melancholische Artikel \u00fcber die Sch\u00f6nheiten der Schreibmaschine, deren letztes St\u00fcndlein geschlagen hatte. B\u00fccher und Filme, die den Computer als k\u00fcnstliche Intelligenz mystifiziert hatten, erzeugten bei vielen eine diffuse Angst, bei anderen gro\u00dfe Faszination: die einen trauten sich kaum, die Tastatur zu ber\u00fchren, die anderen vertieften sich in endlose Hardware-Basteleien und Software-Installationen. Computerfreaks (Verr\u00fcckte!) und Computer-Analphabeten (Idioten!) bildeten die Pole, zwischen denen die gro\u00dfe Mehrheit ihren Weg suchte und letztlich auch fand. Sogar mein Vater legte sich noch mit 70 einen PC zu und schaffte es binnen kurzem, damit Ausgaben zu berechnen und seine &#8222;Beschwerden an den Bundeskanzler&#8220; zu verfassen. Dass er gelegentlich abst\u00fcrzte, befriedigte ihn mehr, als dass es ihn irritiert h\u00e4tte: Auch der Computer kocht eben nur mit Wasser&#8230;<\/p>\n<p>Begeisterung und Angst, \u00dcbersch\u00e4tzung und Entt\u00e4uschung, Hype und Ern\u00fcchterung begleiteten die PC-Revolution ebenso, wie kurz darauf die Einf\u00fchrung des Netzes. Noch immer gehen wir nicht in Datenanz\u00fcgen herum, das B\u00fcro ist nicht papierlos geworden und die meisten T\u00fcren sind nach wie vor per Hand mit einem Schl\u00fcssel zu \u00f6ffnen &#8211; aber stimmt das noch jemanden traurig?<\/p>\n<p>Zur Zeit liest sich manche Ausgabe f\u00fchrender Gazetten als ein gro\u00dfer Abgesang aufs Internet: Der neue Markt unter 1500, Entlassungen in der New Economy, unz\u00e4hlige Pleiten zweifelhafter Gesch\u00e4ftsideen, das Netz als Milliardengrab &#8211; die Kommentare zum Ende des Hypes klingen mal h\u00f6hnisch, mal verzweifelt, fast wie das Klagen in einer Beziehungskrise, wenn die unsterblich Verliebten die rosa Brille absetzen m\u00fcssen, weil der Alltag sie wieder einholt.<\/p>\n<h2>Ent-T\u00e4uschungen<\/h2>\n<p>Es ist die Zeit der Ent-T\u00e4uschungen, und das ist gut so. Wenn der Wahn stirbt, das Netz werde den Menschen grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndern und all unsere Probleme technisch l\u00f6sen, entwickelt sich vielleicht endlich ein pragmatischer Blick auf das M\u00f6gliche. Als das Telefon erfunden wurde, hat man auch erst geglaubt, es sei eine tolle Sache, um Konzerte zu \u00fcbertragen. H\u00e4tte es damals schon den neuen Markt gegeben, w\u00e4re sicher solchen und \u00e4hnlichen Tr\u00e4umen eine harte Landung gefolgt &#8211; ist das Telefon deshalb ein Mi\u00dferfolg?<\/p>\n<p>Die Schnelligkeit, mit der das Netz gewachsen ist, hat vielen kaum Zeit zu seiner Nutzung gelassen. Unz\u00e4hlige Akteure sind seit Jahren damit besch\u00e4ftigt, eine bestimmte VORSTELLUNG vom Netz in ihren jeweiligen Strukturen umsetzen zu wollen. Kommerzielles Kalk\u00fcl verdunkelte die Sicht und belegte die Zeit, die es braucht, um eigene Erfahrungen mit der neuen Technik zu machen. Wieviele &#8222;Entscheider&#8220; haben wohl Millionen bewegt, ohne je selbst mehr als ein paar kurze Sight-Seeing-Touren im Web unternommen zu haben? Und was haben sie bei diesen Besichtigungen gesehen? Bunte Oberfl\u00e4chen, neuerdings film-artig aufgeflasht, wie schick! M\u00fcssen wir auch haben&#8230; Roger M. Kubarych schreibt in der ZEIT zum Einbruch der High-Tech-Aktien:<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">&#8222;Nur wenige Anleger haben sich ernsthaft \u00fcberlegt, was geschehen w\u00fcrde, wenn jedes Unternehmen erst mal seine Website hat. W\u00fcrde jede Firma sofort eine neue Internet-Seite gestalten, auch wenn die alte noch gute Dienste leistet? Das h\u00e4tte passieren m\u00fcssen, um die Branche weiter so spektakul\u00e4r wachsen zu lassen.&#8220;<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Auch wenn sich jemand sein erstes Fahrrad kauft, wird einige Zeit verstreichen, bevor er ernsthaft daran denkt, sich ein Neues zuzulegen. Erst wenn ich auf meinem Mountain-Bike ein paar Runden gedreht habe, merke ich, dass es mich in eine geb\u00fcckte Haltung zwingt, die mir in meinem Alter auf Dauer nicht behagt &#8211; erst dann schau ich mir andere R\u00e4der an und stelle fest: Ein Tourenrad w\u00e4re eigentlich viel besser. Verk\u00e4ufer, die ihrerseits niemals selber fahren, sondern mir immer nur das neueste modische Blech anpreisen, sind da keine gro\u00dfe Hilfe.<\/p>\n<p>Die Website als blosses Hochglanzprospekt ist so ein typisches &#8222;Erstrad&#8220;, das sich viele Unternehmen und Institutionen zugelegt haben. Eine weitere Vorstellung war die Idee, daraus m\u00f6glichst einen funktionierenden Laden zu machen oder zumindest einen Werbetr\u00e4ger, der seine Kosten hereinbringt. Modelle aus der Vor-Netz-Welt, die sich nur in Teilbereichen \u00fcbertragen lassen. Losungen wie &#8222;Community&#8220; oder &#8222;Content is king&#8220;, die ja durchaus etwas Wahres \u00fcber die Chancen des Netzes ausdr\u00fccken, verf\u00fchrten erneut dazu, ohne viel \u00dcberlegen neue &#8222;Community-Software&#8220; oder jede Menge Content (verstanden als die immer gleichen Infos, News, B\u00f6rsenkurse, Gewinnspiele) einzukaufen. So, wie man mit einem Spoiler das Auto verziert, solange genug Geld da ist.<\/p>\n<p>Bei alledem herrscht noch dazu der alte Irrtum vor, im &#8222;Digital&#8220; w\u00fcrden Menschen nicht mehr gebraucht, man k\u00f6nne die Kommunikation mit dem Besucher von teuren Programmen (Agenten, Bots etc.) abwickeln lassen. Ich will aber nicht NUR mit einem Programm sprechen, wenn ich mich als Kunde, als Kritiker oder Ideengeber, als potentieller Mitarbeiter oder Mitdenker an Firmen und Institutionen wende. Ausgehend von der jeweiligen Website kann ich durchaus &#8222;die Seele eines Unternehmens&#8220; erkennen: Wieviel Offenheit kann es sich erlauben? Was &#8222;denkt&#8220; dieses Unternehmen \u00fcber seine Kunden? Ist Kritik erw\u00fcnscht als eine Hilfe zur steten Weiterentwicklung? Sieht dieses Unternehmen nur sich selbst oder nimmt es auch seine Umwelt wahr &#8211; die gesellschaftliche ebenso wie die nat\u00fcrliche? Diese und andere Antworten teilen sich mir nicht unbedingt explizit mit, sondern durch die Art und Weise, wie intelligent die Mittel des Internets konkret eingesetzt werden. Es f\u00e4ngt schon damit an, da\u00df ich es als einen unfreundlichen Angriff empfinde, wenn mir die Back-Taste geraubt wird: Offensichtlich hat dieses Unternehmen es n\u00f6tig, mich &#8222;mit Gewalt&#8220; auf seinen Seiten zu halten, noch dazu glaubt es, ich w\u00e4re bl\u00f6d, als k\u00f6nne ich nicht auch auf andere Weise entkommen! Sicher, das mu\u00df jeder erstmal lernen, aber sobald der Lernschritt getan ist, verwandelt sich der technische Trick in einen Affront! Ob das den jeweiligen Entscheidern bewu\u00dft ist?<\/p>\n<p>Es ist schon bald 11.00 und ich merke, das Thema ufert aus &#8211; besser, ich bringe die Ausuferungen im Webwriting-Magazin, schlie\u00dflich lesen HIER viele mit, die das Netz vor allem nutzen und nicht soviel dar\u00fcber gr\u00fcbeln, wie es denn endlich n\u00fctzlich gemacht werden kann&#8230;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber 40 Prozent der Bev\u00f6lkerung lehnen das Internet kategorisch ab und werden es &#8222;gewi\u00df nicht nutzen&#8220;. Die Umfrage, die in der letzten Woche durch alle tonangebenden Gazetten gereicht wurde, k\u00f6nnte auch anders gelesen werden: Fast 60 Prozent sind &#8211; zumindest gelegentlich &#8211; online. 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