{"id":2943,"date":"2001-03-13T11:42:38","date_gmt":"2001-03-13T10:42:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2943"},"modified":"2019-11-15T11:45:07","modified_gmt":"2019-11-15T10:45:07","slug":"sich-trennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/03\/13\/sich-trennen\/","title":{"rendered":"Sich trennen&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>In meinem Zimmer stehen drei Regale, jedes 80 cm breit, jedes mit f\u00fcnf Einlegeb\u00f6den, also insgesamt 18 F\u00e4cher. Davon sind sieben voll mit B\u00fcchern, drei enthalten Aktenordner, in zwei stehen Schuber mit Internet-Magazinen, und \u00fcber die restlichen sechs ist Kleinkram verteilt, K\u00e4sten mit CDs, allerlei technisches Kleinger\u00e4t (Kamera, Rotlichtlampe, die Kartons vom Handy und der Digicam etc.) und Schachteln mit uraltem Nippeskram, Fotos, sch\u00f6ne aber nutzlose Geschenke, die ich nicht wegzuwerfen wage.<!--more--><\/p>\n<p>Dieser Zustand ist schon das Ergebnis vieler Entsorgungsaktionen. Fr\u00fcher, zu Beginn meiner mitterweile zw\u00f6lf Umz\u00fcge, war ich stolz auf die st\u00e4ndig wachsenden B\u00fccherw\u00e4nde, zeigten sie doch, was ich alles schon wu\u00dfte! Gern besuchte ich Samstags die Flohm\u00e4rkte, immer auf der Jagd nach sch\u00f6nen Gegenst\u00e4nden, die ich noch irgendwo aufstellen k\u00f6nnte. Entsprechend aufwendig gerieten die ersten Wohnungswechsel, gro\u00dfe Umzugsfeten und zwei Wochen Arbeit, um alles wieder neu einzur\u00e4umen und h\u00fcbsch zu arrangieren. Im t\u00e4glichen Leben neigte das Ganze dazu, in ein staubiges Chaos \u00fcberzugehen, klar, ich sprach vom &#8222;kreativen Chaos&#8220;, r\u00e4umte aber doch piekfein auf, wenn sich WICHTIGER Besuch ank\u00fcndigte.<\/p>\n<p>In Berlin \u00e4nderte sich dann alles. Kurz aufeinander folgende Umz\u00fcge durch verschiedene besetzte H\u00e4user befreiten mich von einer Unmenge Ballast. Schlie\u00dflich mu\u00dfte man mit der &#8222;R\u00e4umung&#8220; rechnen, es stand also nicht daf\u00fcr, an dem ganzen Zeug zu h\u00e4ngen, es hatte auch niemand mehr Lust, die Samstage als ehrenamtlicher M\u00f6belpacker &#8211; drei Treppen runter, vier Treppen rauf &#8211; zu verbringen, es gab ja so viel spannenderes zu tun! Als ich dann wieder friedlicher wohnte, merkte ich, dass sich mein Verh\u00e4ltnis zu den Dingen ge\u00e4ndert hatte: Sie erschienen mir nicht mehr als Beute und sch\u00e4tzenswerter Besitz, sondern als Last mit Abstaube-Pflichten.<\/p>\n<p>In der letzten Berliner Wohnung k\u00e4mpfte ich schon bewu\u00dft gegen die Anh\u00e4ufung der Gegenst\u00e4nde, merkte aber schnell, dass es gar nicht so einfach ist, sich von ihnen zu befreien. Man kann nur schwer verhindern, dass immer mal wieder neue dazu kommen, selbst wenn man sich dem weihnachtlichen Schenken verweigert und keinerlei Neigung zum Shopping als Freizeitvergn\u00fcgen entwickelt. Die Schachtel mit den alten Disketten, die unbenutzte Spiegelreflex vom verstorbenen Vater, aber vor allem jede Menge Akten, ausgedruckte Texte, eigene Werke und Arbeitsergebnisse, alte Fotos und Briefe KLEBEN geradezu an mir. Schon \u00f6fter betrachtete ich diese WERKE-Schuber in agressiver Entsorgungslaune, brachte es aber nicht fertig, mich zu trennen. Sind nicht gerade sie Belege, dass ich gelebt habe? Dass ich arbeiten kann und h\u00fcbsche Ergebnisse zustande bringe? Vielleicht mu\u00df ich ja mal wieder etwas vorzeigen, um meine F\u00e4higkeiten unter Beweis zu stellen?<\/p>\n<p>Alles Unsinn, reine Ablenkungsman\u00f6ver! Als &#8222;Referenzen&#8220; sind allenfalls die Werke der letzten Jahre verwendbar, und die stehen im Web oder liegen auf meiner Festplatte. LayOut-K\u00fcnste von vor zehn Jahren interessieren nun wirklich niemanden, geschweige denn zwei Schuber mit Briefen an meinen Yoga-Lehrer oder drei B\u00e4nde gesammelte Texte aus Creative-Writing-Gruppen. Als ich gestern so durch die Ausdrucke und Briefe bl\u00e4tterte, stellte ich mir vor, das alles nochmal lesen zu sollen &#8211; allein der Gedanke l\u00f6ste Grauen aus! Ich will NIE NIE NIE in eine Situation geraten, in der es mir wichtig und spannend erscheint, in der eigenen Vergangenheit zu w\u00fchlen. Ich erinnere mich mit Schrecken an alte Tanten und Omas, die bei jedem Besuch Fotos von anno dunnemal aus Schuhkartons zogen und erz\u00e4hlten, &#8222;wie es damals war..&#8220; H\u00f6flich das G\u00e4hnen unterdr\u00fcckend versuchte man, die Sache mit Anstand hinter sich zu bringen, zumindest bis zum unvermeidlichen &#8222;Du, tut mir leid, ich mu\u00df jetzt aber wirklich&#8230;&#8220;.<\/p>\n<p>Und f\u00fcr mich? Werde ich nicht das Bed\u00fcrnis haben, zu sehen, was war? Wenn nicht mit 60, dann vielleicht mit 70? So zur reinen Selbsterkenntnis und autobiografischen Selbstversenkung? Das ist eine Frage, die ich mir bei jeder Entsorgungsaktion stelle, wenn ich an die pers\u00f6nlichen Dinge Hand anlegen will. Die Antwort ist jedoch kein &#8222;Wissen&#8220;, sondern eine Entscheidung. Ich habe gelernt, dass wir unsere Vergangenheit in jedem Moment neu erfinden. Was ich mit 30 erlebte, erscheint mir mit 35 in einem anderem Licht als mit 45. In den &#8222;Unterlagen&#8220; zu w\u00fchlen, bringt da keine weitere &#8222;Wahrheit&#8220;, belastet allenfalls den Geist, der gezwungen wird, die Neuinterpretation auf eine Unmenge l\u00e4ngst vergangener und unwichtiger Einzelheiten auszudehnen, nach denen kein Hahn mehr kr\u00e4ht au\u00dfer mir. WENN ich denn verkalkt genug geworden bin, um am aktuellen JETZT und an der realen Welt das Interesse zu verlieren. Das will ich nicht, also weg mit dem Schei\u00df! Und: Wer sagt denn, dass ich \u00fcberhaupt so alt werde?<\/p>\n<p>Ein ganz sch\u00f6n langer Text angesichts der Tatsache, dass es mir gestern gerade mal gelungen ist, weitere 80 Regalzentimeter vom Inhalt zu befreien! Steht jetzt hier rum und f\u00fcllt einen gro\u00dfen Computerkarton, ich darf nicht nochmal reinsehen, sonst sortier ich wieder aus. Statt dessen werd&#8216; ich jetzt zum Grillplatz gehen und ein Feuer machen &#8211; eine tolle Fr\u00fchlingsaktivit\u00e4t, es scheint sogar die Sonne.<br \/>\n<!--more--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meinem Zimmer stehen drei Regale, jedes 80 cm breit, jedes mit f\u00fcnf Einlegeb\u00f6den, also insgesamt 18 F\u00e4cher. 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