{"id":294,"date":"2009-05-16T13:55:40","date_gmt":"2009-05-16T11:55:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=294"},"modified":"2009-06-16T09:05:01","modified_gmt":"2009-06-16T07:05:01","slug":"vom-sterben-in-den-zeiten-des-internets","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/05\/16\/vom-sterben-in-den-zeiten-des-internets\/","title":{"rendered":"Vom Sterben in den Zeiten des Internets"},"content":{"rendered":"<p>Gestern bin ich auf das Tagebuch <a href=\"http:\/\/blog.brigitte.de\/suedfrankreich\/\">&#8222;French Connection&#8220;<\/a> gesto\u00dfen: Eigentlich ein &#8222;ganz normales Brigitte-Blog&#8220;, geschrieben von <strong>Christiane Dreher<\/strong>, die von ihrem Leben in S\u00fcdfrankreich berichtet:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Sie hatte ihren Job als Herstellerin in einem K\u00f6lner Verlag Knall auf Fall gek\u00fcndigt, weil sie den Stress nicht mehr aushalten mochte. Und sie wollte auch ein bisschen Abstand zwischen sich und eine gescheiterte Beziehung bringen. Sie wollte ihren &#8222;Kopf l\u00fcften&#8220;, etwas ganz anderes machen&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>hei\u00dft es im Vorspann zum Blog.<br \/>\nIn ihrem neuen Leben verliebte sich Christiane in den charmanten Franzosen Patrick, heiratete und f\u00fchrte gemeinsam mit ihm eine kleine <a href=\"http:\/\/www.aubergeachateauneuf.com\/\">Auberge.<\/a> Das Gl\u00fcck schien vollkommen, die Blogbeitr\u00e4ge waren fr\u00f6hlich und unterhaltsam &#8211; bis sich anl\u00e4sslich eines Besuchs beim Hautarzt heraus stellte: Ihr Mann hat Krebs, und zwar schon im fortgeschrittenen, nicht mehr operablen Stadium. <!--more--><\/p>\n<p>Christiane wird von allem, was jetzt folgt, quasi \u00fcberrollt &#8211; und neben aller Trauer, neben den Schwierigkeiten mit einem Partner, der <a href=\"http:\/\/blog.brigitte.de\/suedfrankreich\/2009\/02\/ver%C3%A4nderungen.html\">&#8222;nicht wissen will&#8220;<\/a>, neben den zunehmenden Anforderungen, nun alleine alles zu managen, ist da ja noch ihr Blog! Am 19.Februar schrieb sie in einem Posting mit dem Titel <a href=\"http:\/\/blog.brigitte.de\/suedfrankreich\/2009\/02\/als-wenn-das-leben-den-atem-anh%C3%A4lt.html\">&#8222;Als wenn das Leben den Atem anh\u00e4lt&#8220;<\/a>:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es gibt auch meinen Blog, den ich nun mit weniger heiteren Texten f\u00fcllen werde, oder ich h\u00f6re auf. Wollt ihr ein trauriges Krebstagebuch lesen? Das ist vielleicht eher etwas f\u00fcr Internetseiten, die sich mit Krebs besch\u00e4ftigen und passt nicht richtig zwischen Mode, Di\u00e4ten, Psychotests und Kinotipps. Ich wei\u00df es nicht. Sagt ihr es mir.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Anteilnahme der Leserinnen per Kommentar blieb nicht aus, Christiane erfuhr viel Mitgef\u00fchl, Ermunterungen &#8211; und nat\u00fcrlich wollte niemand, dass sie aufh\u00f6rt, zu berichten! Mit so massiven Reaktionen hatte sie nicht gerechnet und schrieb in die Kommentare:<\/p>\n<blockquote><p>Ich bin ueberwaeltigt von so viel Anteilnahme, von so viel lieben und persoenlichen Worten und von so vielen e-mails, die mich auch privat erreichen. Niemals haette ich gedacht, dass unser persoenliches Leid so viele von Euch beruehrt. Ich bin manchmal ganz verwirrt, weil ihr mir so persoenlich schreibt, dass ich denke, wir kennen uns aus dem wirklichen Leben.<br \/>\nIch wiederhole mich vermutlich, aber es tut mir so gut, jeder einzelne Kommentar, und ehrlich, Kraft kann ich gar nicht genug gewuenscht bekommen. Danke dafuer!<\/p><\/blockquote>\n<p>Seitdem kann man nun lesend mitverfolgen, wie sich Patricks Zustand verschlechtert, welche Probleme das aufwirft und wie Christiane mit ihnen zurecht kommt. Zu allem Ungl\u00fcck gesellen sich auch finanzielle Schwierigkeiten, was sie erst so richtig bemerkte, als &#8222;der Papierkram&#8220; nun an ihr h\u00e4ngen blieb. Was wiederum Leserinnen dazu motivierte, konkrete Hilfsaktionen zu starten: Auf dem Blog <a href=\"http:\/\/hilfe-fuer-christiane.renateblaes.de\/das-schicksal-kennt-kein-erbarmen\/\">&#8222;Hilfe f\u00fcr Christiane &#8211; das Schicksal kennt kein Erbarmen&#8220;<\/a> werden Spenden gesammelt. Eine Liste zeigt, was f\u00fcr Beitr\u00e4ge bereits gekommen sind (ich werde mich auch noch beteiligen).<\/p>\n<p>Wie Christiane \u00fcber ihre Situation berichtet, beeindruckt mich zutiefst.  Auch deshalb, weil sie Gedanken und Gef\u00fchle mit einer Internet-Gemeinde teilt, die sie mit ihrem Mann NICHT teilen kann &#8211; denn der h\u00e4lt noch immer am v\u00f6llig unwahrscheinlichen Ziel des &#8222;gesund werdens&#8220; fest. Er will sogar Projekte besprechen, die weit \u00fcber seine kurze Lebenserwartung von wenigen Monaten hinaus reichen, und entfernt sich damit innerlich immer weiter von Christiane, die mit ihrem Blick auf die Realit\u00e4t alleine bleibt. Bzw. eben NICHT alleine, insofern sie sich mit ihren Leserinnen austauschen kann. In <a href=\"http:\/\/blog.brigitte.de\/suedfrankreich\/2009\/04\/jeder-tag-ein-jahr.html\">&#8222;Jeder Tag ein Jahr&#8220;<\/a> schreibt sie:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es gibt nur noch zwei Zust\u00e4nde bei Patrick, schreckliche Tage und vor allem N\u00e4chte mit unendlichen Schmerzen, hohem Fieber und einer ansteigenden Morphiumdosis, um es \u00fcberhaupt auszuhalten. Zust\u00e4nde, wo er sich keinen Millimeter mehr bewegen kann vor lauter Schmerz und auch gar nichts mehr will, nur wimmert und st\u00f6hnt und hofft, dass die Medikamente bald bittebitte bald die Schmerzen nehmen. Danach Schlaf, Halluzinationen, Verwirrung. &#8230;..<br \/>\nOder, wenn die Dosis Morphium wirkt, die wir innerhalb k\u00fcrzester Zeit (nach R\u00fccksprache mit dem Krankenhaus) erh\u00f6ht haben, und Patrick eine halbwegs normale Mobilit\u00e4t hat und sein Geist vage den Morphiumnebel durchdringt, dann habe ich einen Mann, der seine Hilflosigkeit sp\u00fcrt und der sein Unverm\u00f6gen, Dinge nicht mehr tun zu k\u00f6nnen, nicht aushalten kann und rasend w\u00fctend und aggressiv wird.<br \/>\nBeide Zust\u00e4nde sind schlecht auszuhalten. &#8222;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie Christiane all das \u00fcberhaupt aush\u00e4lt, ist bewundernswert! Wie sie schreibt, hilft ihr der Zuspruch und die Unterst\u00fctzung ihrer Leserinnen &#8211; alles Menschen, die sie ja noch nie von Angesicht zu Angesicht gesehen hat.<\/p>\n<p>Erleben wir hier die Geburt einer neuen &#8222;Kultur des Sterbens&#8220;, frage ich mich? Die Berichte werfen viele Fragen auf, die ich &#8211; bezogen auf das eigene Leben und Sterben &#8211; noch nicht ansatzweise beantworten kann. Ich f\u00fchle mich fast sprachlos. Ein seltenes Empfinden!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern bin ich auf das Tagebuch &#8222;French Connection&#8220; gesto\u00dfen: Eigentlich ein &#8222;ganz normales Brigitte-Blog&#8220;, geschrieben von Christiane Dreher, die von ihrem Leben in S\u00fcdfrankreich berichtet: &#8222;Sie hatte ihren Job als Herstellerin in einem K\u00f6lner Verlag Knall auf Fall gek\u00fcndigt, weil sie den Stress nicht mehr aushalten mochte. 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