{"id":2932,"date":"2019-11-10T12:27:19","date_gmt":"2019-11-10T11:27:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2932"},"modified":"2019-11-10T13:12:53","modified_gmt":"2019-11-10T12:12:53","slug":"tante-adele-zwiespaeltige-erinnerung-an-meine-grosstante","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2019\/11\/10\/tante-adele-zwiespaeltige-erinnerung-an-meine-grosstante\/","title":{"rendered":"Tante Adele &#8211; zwiesp\u00e4ltige Erinnerung an meine Gro\u00dftante"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u201eDie Tante ist eine Rolle, die die heutige Gesellschaft gerade noch zul\u00e4sst. In der nachfolgenden Generation \u2013 als Gro\u00dftante \u2013 bleibt keine Rolle \u00fcbrig.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Der eindr\u00fcckliche Satz stammt von Claudia Kilian, die auf &#8222;beziehungsweise weiterdenken&#8220; <a href=\"http:\/\/www.bzw-weiterdenken.de\/2019\/11\/aelter-werden-familienbilder\/\">\u00fcber das Leben als kinderlose Gro\u00dftante<\/a> nachdenkt.<\/p>\n<p>Ich musste sofort an meine Tante Adele denken. Sie war die Tante meines Vaters und spielte in unserer Familie eine bedeutende Rolle. Nicht weil sie so sympathisch gewesen w\u00e4re, oh nein! Sondern weil sie viel zu geben hatte: Durch ihre Unterst\u00fctzung konnte meine Familie 1959 den gro\u00dfelterlichen Haushalt in Schwaben verlassen und nach Wiesbaden ins liberalere Hessen ziehen. Vor\u00fcbergehend kamen wir in der Wohnung der Tante unter: eine ger\u00e4umige 1-Zimmer-Wohnung mit einer kleinen fensterlosen K\u00fcche, die durch einen Vorhang vom Wohn-\/Schlafzimmer (immerhin mit Balkon!) getrennt war.<!--more--><\/p>\n<p>Ich war grade mal f\u00fcnf Jahre alt und erinnere mich nur an den gr\u00fcnen Hof dieser 50ger-Jahre-Siedlung, in dem ich mich oft aufhielt. Mehr Flucht aus der Enge und famili\u00e4ren N\u00e4he war nicht m\u00f6glich. Zum Gl\u00fcck fand sich bald eine eigene Wohnung, etwa 15 Gehminuten von Tante Adele entfernt. Ihr entkam ich damit allerdings nicht, denn in den 60gern besuchten wir sie regelm\u00e4\u00dfig an den Wochenenden. Wiederum nicht aus Anh\u00e4nglichkeit, sondern weil sie etwas damals noch Seltenes besa\u00df: einen Fernseher! Also verbrachten wir die Samstage und Sonntage wieder in ihrem Wohnzimmer und schauten fern.<\/p>\n<p>Weil die Sitzgelegenheiten nicht reichten, wurden Gartenliegest\u00fchle aufgeklappt, dann fing die Langeweile an: Das ganze Erwachsenenprogramm ansehen, von mittags bis zum Sendeschluss! Nur wenn etwas \u00fcber den Holocaust kam, wurden wir Kinder schon mal in den Flur gesperrt. Vor der Milchglasscheibe der T\u00fcr zum Wohnzimmer stellten sie sogar ein Feldbett hochkant, damit wir auch wirklich nichts mitbekamen.<\/p>\n<h2>Damals im Krieg&#8230;<\/h2>\n<p>Bei Tante Adele gab es immer dasselbe zu essen: Nachmittags einen geschmacklosen, trockenen Hefezopf (ohne Rosinen!), abends Brote mit Schmalz und Teewurst. Letztere hasste ich so sehr, dass ich gro\u00dfe Brotportionen im Mund behielt, so zur Toilette ging und sie dort ins Klo entsorgte. Nat\u00fcrlich nicht immer, es ist nur das Drastischste, woran ich mich erinnere! Proteste und Verweigerungen waren unzul\u00e4ssig. <em>&#8222;Damals im Krieg w\u00e4ren wir froh gewesen!&#8220;<\/em>, sagte Tante Adele. Meinen Einwand, dass wir jetzt doch nicht mehr &#8222;im Krieg&#8220; seien, lie\u00df sie nicht gelten.<\/p>\n<p>Dabei war Adele nicht etwa arm! Auch nicht reich, sie war pensionierte Lehrerin und hatte eine f\u00fcr damalige Zeiten ausk\u00f6mmliche Pension. Nach dem Krieg hatte sie Klassen mit 100 Sch\u00fclern zu meistern, was sie im ihr eigenen Kommandoton, der keinen Widerspruch duldete, auch schaffte. Sie war klein und zierlich, ihre Autorit\u00e4t basierte auf nichts K\u00f6rperlichem. Mit M\u00e4nnern hatte sie nichts am Hut, sondern gab die typische &#8222;alte Jungfer&#8220;, damals ein g\u00e4ngiges Role Model. Es war ihr sehr wichtig, mit &#8222;Fr\u00e4ulein Adele&#8230;&#8220; angesprochen zu werden!<\/p>\n<p>Es soll wohl einen Verlobten gegeben haben, der aus dem Krieg nicht zur\u00fcck kam. Genaues wei\u00df ich nicht, doch war sonnenklar, dass Adele einem Mann niemals wirklich nahe gekommen war. Wenn im Fernsehen Ballett mit m\u00e4nnlichen T\u00e4nzern gezeigt wurde, err\u00f6tete sie beim Anblick der eng anliegenden Tritkots, sah diese Sendungen aber gerne. Und als mal ein in Wiesbaden stationierter GI \/ Afroamerikaner in den Bus einstieg, in dem sie sa\u00df, erz\u00e4hlte sie sp\u00e4ter allen, sie habe &#8222;so einen sch\u00f6nen N&#8230;<em>(nein, ich schreib das Wort nicht!)<\/em> gesehen&#8220; und wurde auch dabei ganz rot im Gesicht.<\/p>\n<p>Als meine Familie l\u00e4ngst einen eigenen Fernseher hatte, waren gelegentliche Besuche bei Tante Adele weiterhin Pflicht. Feiertage, nat\u00fcrlich ihr Geburtstag &#8211; und manches andere Mal verdonnerte mich meine Mutter, sie doch zu besuchen. Noch als Teeny leistete ich unwillig diese Besuche ab &#8211; unwillig, weil ich mit Adele im Grunde nichts zu besprechen hatte. Es gab regelm\u00e4\u00dfig Geld, so 20 oder auch mal 50 Mark &#8211; und dann regte sie sich bei jedem einzelnen Besuch dar\u00fcber auf, dass wir doch &#8222;nur wegen Geld&#8220; k\u00e4men. Ich f\u00fchlte mich beleidigt, jedes Mal, wollte ihr Geld nicht &#8211; aber sie bestand darauf. V\u00f6llig irre, wie ich fand.<\/p>\n<h2>Adeles Geheimnis des hohen Alters<\/h2>\n<p>Tante Adele wurde 94 Jahre alt. Wenn man dem folgen wollte, was sie daf\u00fcr tat, um so alt zu werden, m\u00fcsste man alle heutigen Ratschl\u00e4ge in die Tonne treten! Ihr Alltag war eine immer gleiche Routine. Sie kochte jede Woche mindestens einmal Salzkartoffeln mit einem St\u00fcck Huhn (ebenfalls gekocht), a\u00df auch weiterhin ihre Stullen und Sonntags den langweiligen Hefezopf. Gr\u00fcnen Salat \u00fcbergoss sie mit kochendem Wasser, &#8222;um ihn genie\u00dfbar zu machen&#8220;. Sie rauchte bis an ihr Lebensende, allerdings in den letzten Jahren nur noch wenige Zigaretten pro Tag.<\/p>\n<p>In Sachen Bewegung war auch nicht viel: Adele ging um die Ecke einkaufen, besuchte eine gleichaltrige Verwandte in der N\u00e4he, machte manchmal ein Friedhofsbesuch &#8211; mehr erinnere ich nicht. Regelm\u00e4\u00dfig best\u00fcckte sie ihren Nordseitebalkon mit Fuchsien und anderen nicht winterharten Balkonpflanzen, die sie zur \u00dcberwinterung in den Keller schaffte. Dabei hat ihr dann wohl jemand geholfen. In ihren letzten Jahren kam auch t\u00e4glich eine Nachbarin, die sie im Alltag unterst\u00fctzte.<\/p>\n<p>Krank war Adele nie, mal abgesehen von gelegentlichen Asthma-Anf\u00e4llen, wenn sie sich \u00fcber etwas aufregte. Mit 94 hatte sie es dann pl\u00f6tzlich &#8222;mit dem Magen&#8220; und &#8222;kippte um&#8220;, wie mir berichtet wurde. Die Nachbarin rief den Notarzt, der die Einweisung ins Krankenhaus veranlasste. Nach der Untersuchung dort erfuhr sie, dass sie nicht wieder in ihre Wohnung w\u00fcrde zur\u00fcck kehren k\u00f6nnen, weil die pflegende Nachbarin &#8222;aus Altersgr\u00fcnden&#8220; nicht mehr helfen k\u00f6nnte. So zog sie es vor, lieber binnen weniger Stunden zu sterben.<\/p>\n<p>Woran sie starb, blieb unklar, denn niemand wollte das wirklich wissen.<\/p>\n<p>&#8222;Ich m\u00f6chte ungern die skurrile Tante abgegeben&#8220;, schreibt Claudia im Artikel, der mich zu diesem autobiografischen Beitrag inspiriert hat. Genau das war Tante Adele, allerdings war ihre Skurrilit\u00e4t nicht von jener Art, die zum Schmunzeln Anlass gibt. Eher hat sie uns mit ihrer rechthaberischen Art und ihrem Asketismus genervt. Und doch: Sie hat auch ganz wesentlich geholfen in einer Zeit, in der es meine Eltern nicht leicht hatten. Ohne sie w\u00e4re meine Familie aus dem konservativen, schw\u00e4bischen Umfeld nie weggekommen &#8211; und ich w\u00e4re heute vielleicht ein ganz anderer Mensch.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Tante ist eine Rolle, die die heutige Gesellschaft gerade noch zul\u00e4sst. In der nachfolgenden Generation \u2013 als Gro\u00dftante \u2013 bleibt keine Rolle \u00fcbrig.\u201c Der eindr\u00fcckliche Satz stammt von Claudia Kilian, die auf &#8222;beziehungsweise weiterdenken&#8220; \u00fcber das Leben als kinderlose Gro\u00dftante nachdenkt. Ich musste sofort an meine Tante Adele denken. 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