{"id":2928,"date":"2001-02-24T09:50:55","date_gmt":"2001-02-24T08:50:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2928"},"modified":"2019-11-03T13:51:55","modified_gmt":"2019-11-03T12:51:55","slug":"du-bist-nicht-ok","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/02\/24\/du-bist-nicht-ok\/","title":{"rendered":"Du bist nicht ok!"},"content":{"rendered":"<p>Zwanzig Zentimeter Neuschnee liegen auf der Schlo\u00dfwiese, der Himmel ist blau, die Sonne lacht &#8211; und meine deprimierte Stimmung hat sich gl\u00fccklicherweise verabschiedet! Endlich schmerzen auch die F\u00fc\u00dfe nicht mehr, die ich auf der Berlinreise f\u00fcr zwei Tage in meine Lieblingsstiefel gezw\u00e4ngt hatte: eigentlich bequeme Treter, doch mit kleinem Absatz. Und tagelang leicht &#8222;erh\u00f6ht&#8220; herumlaufen, wenn man es nicht gewohnt ist, macht das Gehen nach und nach unm\u00f6glich. Wie schaffen das eigentlich die Frauen, die sich das lebensl\u00e4nglich antun? Statt &#8222;fit for fun&#8220; sick for beauty?<!--more--><\/p>\n<p>Unz\u00e4hlige Menschen sind andauernd damit besch\u00e4ftigt, sich f\u00fcr andere sch\u00f6n, schlank, kompetent, stark, kreativ, flexibel und wasweissichnochalles zu machen. Und nur, weil ich das hier hinschreiben kann, steh&#8216; ich noch lange nicht dr\u00fcber. Irgendwie schmerzt es, wenn mir jemand mailt: Du hast mich entt\u00e4uscht, weil du das Rauchen wieder angefangen hast. Oder wenn ein Freund sagt: Heute schreibst du SO, und \u00fcbermorgen ganz das Gegenteil, da mu\u00df man ja irre werden, wo bleibt das historische Bewu\u00dftsein? Ist Schreiben denn genau dasselbe, wie wenn die Katze sich kratzt, weil sie halt jetzt diesen Impuls versp\u00fcrt?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df es nicht. Was Schreiben ist &#8211; f\u00fcr mich und f\u00fcr Andere &#8211; finde ich heraus, indem ich es tue. Ein Ende, ein Schlu\u00df, eine letzte Erkenntnis ist nicht in Sicht, denn auch die Einsichten wandeln sich: heute schreibe ich, um meine innere Distanz wieder zu finden, ein andermal, weil ich mich \u00fcber etwas aufrege und gerne h\u00e4tte, dass meine Leser diese Gef\u00fchle teilen &#8211; und anderwann bewegt mich vielleicht eine Frage, auf die ich Antwort suche, vor allem aber gerne w\u00fc\u00dfte, ob ich mich das eigentlich alleine frage&#8230; Manchmal will ich auch einfach nur unterhalten, das gibt ein gewisses Sinngef\u00fchl, wenn ich schon sonst nichts &#8222;Ordentliches&#8220; zustande bringe an diesem Tag.<\/p>\n<p>Es ist sowieso unm\u00f6glich, es allen recht zu machen, oder auch nur denen, die man besonders sch\u00e4tzt! Wenn ich meinetwegen gerade besonders stark &amp; kompentent wirke, kritisiert gleich jemand, dass ich mich SELBST, das Wesentliche, das DAO vergesse. Umgekehrt kann ich tagelang herumh\u00e4ngen und philosophieren, handle mir dann aber den Vorwurf ein, dem &#8222;richtigen Leben&#8220; auszuweichen. Das Schreiben ist da eine Art Gel\u00e4nder, an dem ich mich festhalte, ohne gleich definieren zu m\u00fcssen, WORAN ich mich da festhalte.<\/p>\n<p>Sich anstrengen, um &#8222;akzeptabel&#8220; zu sein, hat nur dann einen Sinn, wenn man etwas Bestimmtes durchsetzen will. Renate K\u00fchnast zum Beispiel mu\u00dfte klar machen, da\u00df es in ihrem Fall kein Fehler ist, aus der Stadt zu kommen und noch keinen Stall von innen gesehen zu haben. Hat sie gut gepackt, finde ich! Aber BEVOR sie Ministerin geworden ist, w\u00e4re es doch idiotisch gewesen, sich um Akzeptanz bei Bauernverb\u00e4nden zu bem\u00fchen, oder nicht?<\/p>\n<p>Der subtile Stress, sich st\u00e4ndig allem und jedem gegen\u00fcber potenziell olympiareif zeigen zu sollen, ist nicht nur eine schreckliche Gei\u00dfel unserer Zeit, sondern auch kontraproduktiv. Wenn man gerade nichts tun MUSS, bzw. mit irgend etwas fertig ist, h\u00e4tte man ja Zeit, sich auf sich zu besinnen: Mal gucken, was ICH eigentlich will, was ICH von mir aus sch\u00f6n, angenehm, sinnvoll und lebenswert finde. Statt dessen ist man gehalten, in jeder L\u00fccke, die sich im t\u00e4glichen Gesch\u00e4ft zeigt, seine &#8222;Kompetenzen&#8220; zu erweitern, lebenslang zu lernen, und vor allem einmal erreichte Macht- und Einflu\u00dfsph\u00e4ren zu halten und zu erweitern. Sind die Afrikaner nicht beneidenswert, die auf sowas scheissen und statt dessen gern zu jeder Gelegenheit singen, tanzen und trommeln?<\/p>\n<p>Putzen macht gl\u00fccklich, hat jetzt die Wissenschaft festgestellt, so schreibt die Schweriner Zeitung. Wer seine Bude aufr\u00e4umt, ordnet gleichzeitig sein eigenes inneres Chaos. Das wei\u00df ich schon lang, mach&#8216; es aber zu selten, immer wieder lasse ich die D\u00fcnen voller Papiere und Briefe anwachsen, die Magazinstapel und B\u00fccherreihen elend auswuchern. Was soll&#8217;s: Ohne Chaos h\u00e4tte man ja nichts zum Aufr\u00e4umen, wie sollte man da gl\u00fccklich werden?<\/p>\n<p>Im Denken f\u00e4llt halt immer etwas ein&#8230; :-)<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwanzig Zentimeter Neuschnee liegen auf der Schlo\u00dfwiese, der Himmel ist blau, die Sonne lacht &#8211; und meine deprimierte Stimmung hat sich gl\u00fccklicherweise verabschiedet! Endlich schmerzen auch die F\u00fc\u00dfe nicht mehr, die ich auf der Berlinreise f\u00fcr zwei Tage in meine Lieblingsstiefel gezw\u00e4ngt hatte: eigentlich bequeme Treter, doch mit kleinem Absatz. 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