{"id":2927,"date":"2001-02-23T13:46:26","date_gmt":"2001-02-23T12:46:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2927"},"modified":"2019-11-03T13:50:18","modified_gmt":"2019-11-03T12:50:18","slug":"heute-ist-gestern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/02\/23\/heute-ist-gestern\/","title":{"rendered":"Heute ist gestern"},"content":{"rendered":"<p>Irgendwo in einer verborgenen Ecke meines Weltbilds habe ich immer noch geglaubt, da\u00df sich alles ver\u00e4ndert. Nicht spektakul\u00e4r oder gar revolution\u00e4r, sondern eher langsam, Schritt f\u00fcr Schritt, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Dass alle paar Jahre die Mode wieder mit mehrzentimeterhohen Folter-Schuhen daherkommt und die Hosen schon wieder diesen l\u00e4cherlichen &#8222;Schlag&#8220; nach aussen haben m\u00fcssen, hat mich nicht wirklich irritiert. Schlie\u00dflich sind die m\u00f6glichen Formen der Klamotten endlich und was will die Industrie sonst schon machen, um die Leute alle Jahre wieder zum Kaufen zu motivieren?<!--more--><\/p>\n<h2>Berlinbesuch<\/h2>\n<p>Gerade war ich in Berlin, meiner alten Heimat, die ich vor fast zwei Jahren m\u00fcde vom L\u00e4rm und gierig nach GR\u00dcN verlassen habe: man spricht ja viel vom NEUEN BERLIN, und wirklich, es schie\u00dfen st\u00e4ndig neue Geb\u00e4ude in den Himmel, der Blick auf die zerkl\u00fcftete Stadtlandschaft wird immer interessanter. Die Stadt hat endlich ihren Stil gefunden: ewige Gro\u00dfbaustelle, Symbol von Ver\u00e4nderung schlechthin. Mein Besuch f\u00fchrte mich aber nach Friedrichshain, ein kommendes In-Viertel, in das man gerne zieht, seit Prenzlauer Berg von Touristen \u00fcberlaufen und die Kneipen entsprechend unheimelig geworden sind. Dort sieht es nun exakt so aus wie in Kreuzberg vor der Sanierung, damals, Anfang der 80ger, als ich bewegt und begeistert in besetzten H\u00e4usern lebte und das Alte, das Kaputte und Verottete voller Inbrunst gegen &#8222;das Schweinesystem&#8220; verteidigte.<\/p>\n<p>Schon ein komisches Erlebnis, dies alles wieder zu sehen! Angefangen bei der unsanierten Altbauwohnung mit Ofenheizung, die einrichtungsm\u00e4\u00dfig zwischen Baustelle und M\u00fcllhalde schwankt, \u00fcber die staubdunklen Gr\u00fcnderzeitfassaden mit Grafitti und abgefallenem Stuck, hin zu den ebenso dunklen Kneipen mit Holztischen und Kerzen drauf, die mit der Gem\u00fctlichkeit der 70ger im Jahr 2001 eine Kundschaft anziehen, die ebenso &#8222;retro&#8220; wirkt. Hippies, Freaks, K\u00fcnstler, Literaten, skurrile Gestalten &#8211; und man trinkt immer noch Bier, meine G\u00fcte, mein letztes Glas ist zwar lange her, aber es f\u00e4llt mir nicht schwer, da wieder einzusteigen.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckfahrt im Zug lese ich dann den &#8222;Salbader&#8220;, ein literarisches Magazin im handlichen Westentaschenformat, herausgegeben und geschrieben von humorigen Leuten Mitte dreissig, Prenzlauer Berg-Szene. Und wieder ein Dejavue: Fast alle Texte in \u00e4hnlichem Sound, diese Grundstimmung des In-der-Metropole-Gestrandeten, der darauf besteht, dieses &#8222;daneben-Leben&#8220; sei nicht nur frei gew\u00e4hlt, sondern das einzig Wahre, was ein aufrechter Mensch im Schweinesystem tun kann. <a href=\"http:\/\/salbader.prenzl.net\/nummer28\/009.htm\">Immer geh&#8217;s den Anderen besser!<\/a> und <a href=\"http:\/\/salbader.prenzl.net\/nummer28\/015.htm\">Die tragische Spassguerilla<\/a> seien als Beispiel genannt &#8211; lobenswerterweise steht das ganze Magazin im Netz, im Volltext!<\/p>\n<h2>Alt werden<\/h2>\n<p>Ich komme mir vor wie auf einer Zeitreise in die Vergangenheit: Siehe, das warst du! Und DAS ist immer noch da, vielleicht \u00fcberhaupt IMMER? Es hat etwas Beklemmendes, denn irgendwie gehe ich immer von mir aus, rechne meine Ver\u00e4nderungen hoch auf die Welt und bin optimistisch, wenn es mir gut geht, und verzweifelt, wenn ich mich schlecht f\u00fchle. Im Unterschied zu fr\u00fcher wei\u00df ich aber, wie gro\u00df mein pers\u00f6nlicher Einflu\u00df auf diese Befindlichkeit ist. Weit MEHR als die Gesellschaft oder gar der &#8222;wild gewordene Kapitalismus&#8220; ist mein Wohlgef\u00fchl von einfachen Dingen abh\u00e4ngig: richtig essen statt Junk Food, halbwegs Durchblick in der Wohnung, frische Luft und t\u00e4gliche Spazierg\u00e4nge im Freien, RICHTIG im Freien, nicht in einem H\u00e4usermeer, in dem die laut-bunten Eindr\u00fccke dich von allen Seiten anspringen, die Gedanken besetzen und das Herz ergreifen, so da\u00df nichts anderes \u00fcbrig bleibt, als sich m\u00f6glichst &#8222;dicht&#8220; zu machen, ganz automatisch.<\/p>\n<p>Und das war der wichtigste &#8222;Schock&#8220; dieser Reise. Ich hatte mich ja so nach Berlin gesehnt in letzter Zeit. Der lange Winter in der Mecklenburger Provinz ist geistig so ziemlich das \u00d6deste, was man sich denken kann. Erst recht als &#8222;entwurzelte&#8220; Gro\u00dfst\u00e4dterin, noch dazu aus Berlin WEST. Nun mu\u00dfte ich aber feststellen: Ich kann nicht mehr! So sehr ich mich nach der Anregung, der Vielfalt, dem GEIST der Metropole sehne, so unf\u00e4hig ist mein K\u00f6rper andrerseits geworden, das alles auzuhalten. Ich komme mir vor wie halbtot, wenn ich das Leben in diesen H\u00e4userzeilen auch nur zwei Tage schmecke. Zwangsweise tot ist in diesem Ambiente meine Tiernatur, sie, die mich letztlich aus der Stadt herausgetrieben hat, nachdem ich bis ins 45.Jahr alles ausprobiert hatte, um mehr oder weniger &#8222;aus dem Geist&#8220; gl\u00fccklich zu sein.<\/p>\n<p>Das bewu\u00dfte Denken, Meinen und Wollen &#8211; so seh&#8216; ich es heute &#8211; ist aber nur die winzige Spitze des Eisbergs. Wenn ich von daher den ganzen gro\u00dfen Rest ignoriere, f\u00fchle ich mich nicht nur in vieler Hinsicht schlecht, sondern ich verfalle auch geistig unz\u00e4hligen T\u00e4uschungen, indem ich dieses &#8222;Schlecht&#8220; auf alles m\u00f6gliche beziehe, nur nicht auf die simple Tatsache, dass ich alles andere als &#8222;artgerecht&#8220; lebe. Und heute &#8211; auch das eine seltsame Erkenntnis! &#8211; habe ich gar nicht mehr die Wahl, einen Weg der Selbstvergewaltigung zu gehen. W\u00fcrde ich zum Beispiel jetzt nach Berlin ziehen wollen, w\u00fcrde mir schon nach wenigen Tagen die Kraft, die Energie abhanden kommen, um \u00fcberhaupt nur den Umzug zu organisieren. Gut, das wenigstens zu erkennen. Wenn es wirklich mal sein mu\u00df, bleibt mir ja noch der Stadtrand &#8211; oder besser noch ein kleines Dorf im Speckg\u00fcrtel&#8230;<\/p>\n<p>So ist es also, alt zu werden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Irgendwo in einer verborgenen Ecke meines Weltbilds habe ich immer noch geglaubt, da\u00df sich alles ver\u00e4ndert. Nicht spektakul\u00e4r oder gar revolution\u00e4r, sondern eher langsam, Schritt f\u00fcr Schritt, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Dass alle paar Jahre die Mode wieder mit mehrzentimeterhohen Folter-Schuhen daherkommt und die Hosen schon wieder diesen l\u00e4cherlichen &#8222;Schlag&#8220; nach aussen haben m\u00fcssen, hat mich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148],"tags":[40,282],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2927"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2927"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2927\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2927"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2927"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2927"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}