{"id":2926,"date":"2001-02-16T13:44:59","date_gmt":"2001-02-16T12:44:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2926"},"modified":"2019-11-03T13:46:05","modified_gmt":"2019-11-03T12:46:05","slug":"selber-denken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/02\/16\/selber-denken\/","title":{"rendered":"Selber denken"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">So sehr ich mich gelegentlich \u00fcber das real existierende Fernsehen aufrege, so wenig kann ich doch ganz davon lassen. Zwar steht hier noch immer keine eigene Glotze, doch abends zieht es mich ins Zimmer meines Lebensgef\u00e4hrten: Nordmagazin (sehen, was im Land los ist: Nichts), Tagesschau &#8211; und dann die Suche im Programm mit der viel zu kleinen Schrift: Gibt es in den 30 Sendern irgendwas Sehbares?<\/p>\n<p>Das geht so, seit ich auf dem Dorf lebe, und seit es nicht mehr funktioniert, auch noch jeden Abend vor dem PC zu verbringen, nicht aus \u00dcberdru\u00df, sondern weil ich dann nicht mehr l\u00e4nger sitzen kann. Im Dunklen aufzubrechen und nach &#8222;Kultur in Schwerin&#8220; zu suchen, ist keine echte Alternative, als Ex-Berlinerin ist man verdammt verw\u00f6hnt. Verw\u00f6hnt von M\u00f6glichkeiten, wohlgemerkt, denn es zeichnet den Berliner ja gerade aus, dass er &#8222;wegen der vielen Angebote&#8220; nach Berlin zieht, dort aber die meisten Veranstaltungen den Touristen \u00fcberl\u00e4\u00dft: Was man jeden Tag haben kann, ist kein echter Grund mehr, das Kiez zu verlassen.<\/p>\n<p>Seit einigen Tagen hab&#8216; ich jetzt mal versucht, das abendliche Programm zu ver\u00e4ndern: In 3Sat gibt es t\u00e4glich &#8222;Kulturzeit&#8220;, eine erstaunlich anregende Sendung, die nicht nur das \u00fcbliche Infotainment bietet, sondern auch vor komplexen Gedanken nicht zur\u00fcckschreckt. Und gestern &#8211; auch in 3Sat &#8211; der &#8222;Bilderstreit&#8220;, ein Gespr\u00e4ch \u00fcber vier K\u00fcnstler unter der Leitung von <a href=\"http:\/\/www.brock.uni-wuppertal.de\/\" target=\"_top\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/goto.gif\" alt=\"\" width=\"10\" height=\"10\" border=\"0\" \/>Bazon Brock<\/a>.<\/p>\n<p>Beim Betrachten dieser Kultursendungen &#8211; wenn zum Beispiel das Werk eines K\u00fcnstlers von allen erdenklichen Seiten interpretiert, eingeordnet und bewertet wird &#8211; f\u00e4llt mir deutlich auf: Denken ist Patchwork. Nicht nur das dort zelebrierte &#8222;anspruchsvolle&#8220; Denken, sondern auch mein allt\u00e4gliches Denken, diese mehr oder weniger chaotischen und immer vielstimmigen Debatten im Kopf, von denen man sich auch noch einbildet, dass sie f\u00fcr die eigenen Handlungen ausschlaggebend seien.<\/p>\n<p>Gedanken &#8222;fallen ein&#8220; &#8211; ja woher denn? Ich lese nicht mehr so viel wie fr\u00fcher, weil ich das meiste schon kenne, alles ist irgendwo im Hintergrund &#8222;gespeichert&#8220; und meldet sich ungebeten, kommentiert jede Wahrnehmung und jede Raeaktion auf diese Wahrnehmung. Nat\u00fcrlich nicht nur Buchwissen: eigene Erfahrungen stehen wie feste Burgen in der geistigen Landschaft, ihre Autorit\u00e4t wird immer gr\u00f6\u00dfer, je \u00e4lter ich werde. Das hat gro\u00dfe Vorteile, denn auf nichts kann man sich so gut verlassen, wie auf selbst Erlebtes und daraus folgende &#8222;selbst gemachte&#8220; Bewertungen und Schl\u00fcsse. Wenn man aber die Bereitschaft verliert, auch eigene Erfahrungen in Frage zu stellen, anderes f\u00fcr m\u00f6glich zu halten, ist der Weg zur geistigen Versteinerung nicht weit.<\/p>\n<p>Eine kleine Hilfe, ein Hinweis, wo es lang gehen k\u00f6nnte, ist die Langeweile. Wenn ein Eindruck oder ein Erleben meine innere Maschine anwirft und die \u00fcblichen Kommentare zum millionsten Mal ablaufen, seh&#8216; ich manchmal fassunglos zu, fassungslos, weil ich nichts dagegen tun kann, obwohl es mich bis zum &#8222;geht nicht mehr&#8220; an\u00f6det &#8211; und es geht DOCH einfach immer weiter.<\/p>\n<p>An dieser Stelle will mir vielleicht jemand hilfreich ins Forum schreiben: Meditation! Spirituelle Praxis! Kurse, Retreats, Sitzen, Lauschen, Atem beobachten! Ja, das ist ein Weg &#8211; doch auch dazu sind ganze Bibliotheken in meinen &#8222;Speichern&#8220;. Erfahrungen, Gelesenes, an anderen Menschen Beobachtetes. Und die eigene Erfahrung und Beobachtung sagt: Klar, ich kann mich durch willentliches \u00dcben dieser oder jener Praxis eine Zeit lang in einen anderen Zustand katapultieren &#8211; wom\u00f6glich unterst\u00fctzt durch die Faszination des &#8222;ganz anderen&#8220;, durch die damit oft einhergehende Gruppendynamik Gleichgesinnter, mit Hilfe der &#8222;\u00dcbertragungsliebe&#8220; zu einem Lehrer (der mein Vater sein k\u00f6nnte, mit J\u00fcngeren funktioniert es nicht), und nat\u00fcrlich durch die einschl\u00e4gige Identifizierung: ICH meditiere! ICH fahre das gro\u00dfe Fahrzeug oder gehe den 4.Weg&#8230; Und nach einiger Zeit l\u00e4\u00dft es dann wieder nach, der Wille ist aufgebraucht, die &#8222;St\u00fctzen&#8220; verlieren ihren Charakter, indem sie zum Alltag werden, die &#8222;W\u00fcste&#8220; ist erreicht.<\/p>\n<p>Warum also nicht gleich in der W\u00fcste bleiben? Sehen, was &#8222;von selber&#8220; kommt &#8211; oder auch nicht? Ich bin allerdings froh und dankbar, vor zehn Jahren Hans-Peter getroffen zu haben, der mich solange &#8222;am Yoga dran&#8220; gehalten hat, dass es mir nun mitten in der W\u00fcste (dem &#8222;ganz normalen Leben&#8220;) nicht mehr verloren geht: Die \u00dcbungen sind mir &#8222;eingewachsen&#8220;, auch wenn ich mal eine Woche aussetze, und sie halten den psychophysischen K\u00f6rper in einem Zustand, der es zumindest jederzeit ERM\u00d6GLICHT, zur Ruhe zu finden. Dass ich allermeist die Unruhe vorziehe, die n\u00e4chste Aktivit\u00e4t \u00fcberlege, der Kommentarmaschine im Kopf folge, das ist ein Ablauf, den ich gar nicht mehr willentlich stoppen will. Er soll sich totlaufen, wenn das denn angesagt ist, jedes Eingreifen &#8211; so zumindest ist meine Anmutung &#8211; verz\u00f6gert nur diesen Prozess.<\/p>\n<p>Dagegen kann viel eingewendet werden, ich wei\u00df. Ach, ich wei\u00df soviel, dass es mir richtig schlecht davon wird, und das finde ich gut. &#8222;Alles Leben ist Yoga&#8220;, steht in einer alten Schrift, und langsam ahne ich, was damit gemeint ist. Wenn mir die Welt im Lauf der Jahre immer wahnsinniger erscheint, das menschliche Dasein immer absurder und widerspr\u00fcchlicher vorkommt, dann verblasst damit einhergehend auch die Loyalit\u00e4t, die Gebundenheit an jedweden &#8222;Mainstream&#8220; und jede interessante Minderheit. Denkgewohnheiten, Meinungen, Ideologien, Systeme und Gebote zeigen sich als das, was sie sind: Innere H\u00e4user und Bauten, die wie alle Geb\u00e4ude auf Sand gebaut sind und letztlich zu Ruinen zerbr\u00f6seln.<\/p>\n<p>Was ist dann dort? Was bleibt? Vielleicht nichts. Vielleicht Freiheit. Aber was ist Freiheit? Mit strahlenden Augen versunken im All-Einen auf einem Berg sitzen? Oder &#8211; ein ketzerischer Gedanke &#8211; das Erwachen der M\u00f6glichkeit, ein sehr menschliches &#8222;Feature&#8220; endlich richtig in Betrieb zu nehmen: Selber denken&#8230; <\/span><!--more--><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So sehr ich mich gelegentlich \u00fcber das real existierende Fernsehen aufrege, so wenig kann ich doch ganz davon lassen. 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