{"id":2924,"date":"2001-02-13T08:40:15","date_gmt":"2001-02-13T07:40:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2924"},"modified":"2019-11-03T13:42:16","modified_gmt":"2019-11-03T12:42:16","slug":"jenseits","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/02\/13\/jenseits\/","title":{"rendered":"Jenseits"},"content":{"rendered":"<p>Ein Fernsehfilm im ZDF: &#8222;Jenseits&#8220;, von Max F\u00e4rberb\u00f6ck. Die Geschichte eines Staatsanwalts, der ein Kind \u00fcberf\u00e4hrt, Fahrerflucht begeht, sich dann voller Schuldgef\u00fchle der Mutter des Kindes, einer russischen Immigrantin, n\u00e4hert, sich in sie verliebt, w\u00e4hrend er versucht, ihr wieder Lebensmut einzufl\u00f6\u00dfen, ohne doch zu sagen, dass ER&#8230;. ein Drama, doch dar\u00fcberhinaus ein so herausragender Film, dass er mich richtig ersch\u00fcttert hat.<!--more--><\/p>\n<p>Nicht nur wegen der Geschichte, den starken Personen, der sensiblen und gleichzeitig spannenden Darstellung &#8211; sondern weil so ein Film deutlich macht, was m\u00f6glich ist. Was f\u00fcr H\u00f6hen des Filmschaffens erreichbar sind &#8211; OHNE die Grenze zum nervenden &#8222;Kunstfilm&#8220; zu \u00fcberschreiten! Angesichts eines solchen seltenen Highlights wird erst richtig schmerzlich sp\u00fcrbar, was f\u00fcr geistig-emotionale Schwachkost diese Glotze ansonsten absondert, ob nun \u00f6ffentlichrechtlich oder privat.<\/p>\n<p>Zum Beispiel der Anfang. Da wurde der Alltag des T\u00e4ters und des Opfers gegeneinander geschnitten, ganz normale Familienszenen, zunehmende Hektik, Aufbruch aller Beteiligten zur Arbeit, in die Schulen, in verschiedene Richtungen mit verschiedenen Fahrzeugen in die morgendlich-chaotische Stadtwelt. Get\u00f6se, Stau, donnernde Lastwagen, am Horizont rauchende Schlote im Sonnenaufgang &#8211; und der Sound wird immer klirrender, gewaltt\u00e4tiger, die ganze Welt erscheint als eine katastrophale gewaltt\u00e4tige Maschinerie, durch die sich die Menschen in Eile durchqu\u00e4len, jeder ein anderes Ziel vor Augen: dann der Aufprall, Fahrrad gegen Mercedes, der Junge ist auf der Stelle tot.<\/p>\n<p>Die Emotionen, die man als Zuschauer sp\u00fcrt, verharren in einer Art Beklemmung, einer gespannten Starre, die &#8211; trotz voller Identifikation mit den Hauptpersonen &#8211; verhindert, vollst\u00e4ndig in sentimentale H\u00f6hen oder Tiefen abzugleiten, wie sie normalerweise von Dramen &amp; Trag\u00f6dien im TV und Kino mit allen Mitteln hervorgekitzelt werden. So ein Film kann sich dann sogar eine Art &#8222;Happy End&#8220; leisten: Es bringt nicht die Erleichterung nach der Verzweiflung, das warme Bad nach dem inneren Frieren. Es mutet fast sachlich an, wer wollte denn NICHT weiterleben?<\/p>\n<p>Nach so einer Sternstunde f\u00e4llt es schwer, \u00fcberhaupt nur einen Blick ins \u00fcbliche Programm zu werfen. Und wenn Feuilletonisten der ZEIT den Erfolg von Sendungen wie &#8222;Wer wird Million\u00e4r?&#8220; als Beleg des &#8222;Wissenshungers in der Informationsgesellschaft&#8220; beschreiben, f\u00e4llt mir dazu einfach nichts mehr ein.<\/p>\n<p>Je \u00e4lter ich werde, desto wahnsinniger kommt mir die Welt vor. Vil\u00e9m Flusser, der ja den Pessimismus anderen \u00fcberlassen hat, sah zwei M\u00f6glichkeiten f\u00fcr die Zukunft: Entweder der Mensch ergreift die Chance, sich selbst zu entwerfen (&#8222;Vom Subjekt zum Projekt&#8220;), oder alles versinkt in einem kollektiven Kindergarten. Mir scheint, die zweite Variante ist real geworden, &#8222;sich entwerfen&#8220; ist einfach zu m\u00fchsam, zu ernst, eine Zumutung f\u00fcr die Comedy-konsumierenden Spielkinder der Spa\u00dfgesellschaft. Warum nur komme ich nicht dahin, dass mir das egal wird? Das ist vermutlich das Primaten-Erbe, die Affen f\u00fchlen sich auch nur in Horden Gleichgesinnter wohl. Wir haben es zwar soweit gebracht, durch Technik vom konkreten Mitmenschen unabh\u00e4ngig zu sein (und damit auch austauschbar), doch Zufriedenheit kommt trotzdem nicht auf. Und der Blick in den Spiegel der Medien zeigt ja dann doch, was &#8222;die Horde&#8220; mittlerweile treibt, da braucht es schon allen Optimismus und gelegentlich einen Max-F\u00e4rberb\u00f6ck-Film, damit einem nicht von fr\u00fch bis sp\u00e4t die Haare kerzengerade zu Berge stehen &#8211; ganz ohne Styling.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Fernsehfilm im ZDF: &#8222;Jenseits&#8220;, von Max F\u00e4rberb\u00f6ck. 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