{"id":2922,"date":"2001-02-08T14:03:51","date_gmt":"2001-02-08T13:03:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2922"},"modified":"2022-12-29T19:25:45","modified_gmt":"2022-12-29T18:25:45","slug":"schweinefrass-die-fortsetzung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/02\/08\/schweinefrass-die-fortsetzung\/","title":{"rendered":"Schweinefra\u00df &#8211; die Fortsetzung"},"content":{"rendered":"<p>Da hat Kurt Jacob im Forum einen grandiosen Rundumschlag gegen die &#8222;deutsche Leitkultur des Essens&#8220; gepostet, in dem er gegen den landestypischen Brachialfood anschreibt:<\/p>\n<blockquote><p> &#8222;Eintopfsonntage und die praktisch unverdauliche Hausmannskost sind fester Bestandteil deutscher Leitkultur und feiern auch heute noch fr\u00f6hliche Urst\u00e4nde in deutschen Landen: Erbsen- und Kartoffelsuppen, Graupen, Eintopf, Kl\u00f6\u00dfe, Broiler, Bratkartoffeln, Tagesteller, S\u00e4ttigungsbeilage, Currywurst; die deutsche Plumpsk\u00fcche ist nicht tot zu kriegen, allem Hedonismus unserer Zeit zum Trotz. Speckkartoffeln, Buttercremetorte, Sahnequarktorte, Sauerbraten, Ragout fin, ger\u00e4uchertes Schweinekotelett, Braunkohl, Gr\u00fcnkohl mit Pinkel, Lapskaus, Wienerschnitzel mit Tunke und Pommes Frites, D\u00f6ner, Bigos, Bratapfel, Steckr\u00fcben, \u00bd H\u00e4hnchen, Deutschl\u00e4nder W\u00fcrstchen, Fertigtorten und -pizzas, Spaghetti Bolognese, Saumagen, Scholle mit Speck, R\u00fchrei, Bratkartoffeln, Pommes Frites, Pommes Frites, Pommes Frites und nochmals Pommes Frites. Alles so schmackhaft und leicht verdaulich wie Fertigbeton und die Erkl\u00e4rung von Wolfram Siebeck, das k\u00e4me alles noch vom 30j\u00e4hrigen Krieg, finde ich etwas weit her gehohlt.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich will da nicht etwa eine Verteidigungsrede schwingen, sondern nur darauf hinweisen, dass auch die \u00d6sterreicher eigenartige Dinge essen: Lungengulasch und &#8222;Br\u00e4gen&#8220; (Hirn), gro\u00dfe labberige Kl\u00f6\u00dfe mit viel Bratenso\u00dfe sind auch nicht grad der kulinarische Hit, haben aber durchaus ihre Fans. Wie auch immer: Kurt kommt zum verwunderlichen Schlu\u00df, wie gehabt weiter zu essen: trotz erheblicher Kritik an der E\u00dfkultur und den widerlichen Praktiken der EU-Landwirtschaft, blo\u00df nicht dem Terror der Vegetarier nachgeben! (Terror? Ich bitte dich: Man soll die Worte nicht v\u00f6llig ihres Inhalts berauben, sonst kann man sich letztlich gar nicht mehr verstehen!) Da heisst es in seltsam verquerer Logik:    <\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Denn ich hab das auch gegessen, als noch niemand wusste was drinnen sein k\u00f6nnte und eins ist sicher, jeder Lebensmittelskandal tr\u00e4gt zur Qualit\u00e4t bei.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie tr\u00e4gt denn ein Skandal zur Qualit\u00e4t bei? Doch nur, weil sich viele &#8222;Verbraucher&#8220; (ein an M\u00fcllentsorgung erinnernder Begriff) dem jeweilig skandalisierten Lebensmittel verweigern! Weil derzeit nur noch 50.000 statt 100.000 Rinder pro Woche geschlachtet werden, die Rinder in den St\u00e4llen aber noch lange Woche f\u00fcr Woche zur Schlachtreife heranwachsen und ein riesiges Problem darstellen. Auf einmal wollen sich die Bauern &#8222;neu im Markt aufstellen&#8220;, volle &#8222;Transparenz&#8220; vom Stall bis zur Ladentheke einf\u00fchren &#8211; ohne Streik beim Rindfleisch w\u00e4re keine Rede davon: Alle R\u00e4der stehen still, wenn der Verbraucher nicht mehr will! Wer unbedingt Rindfleisch essen will: warum nicht mal ins argentinische Steakhaus? Die m\u00fc\u00dften jetzt eigentlich boomen.<\/p>\n<p>Gestern meldeten die Nachrichten, dass den Arbeitern in den Schlachth\u00f6fen jetzt &#8222;Schutzma\u00dfnahmen&#8220; empfohlen worden seien. Klasse! Das wird wieder ein paar Leute davon abhalten, allzu fr\u00fch zum Steak zur\u00fcckzukehren. Nebenbei: Warum eigentlich dieses heftige &#8222;H\u00e4ngen am Rindfleisch&#8220;, das so viele Kritiker, die spitzenm\u00e4\u00dfig vom Leder ziehen k\u00f6nnen, ganz offen oder zwischen den Zeilen zugeben? Liegt es an der Werbung: &#8222;Fleisch ist ein St\u00fcck Lebenskraft&#8220; ? Oder geh\u00f6rt es immer noch zum MANN, t\u00e4glich den obligatorischen Lappen Fleisch zu verschlingen? Wer mal Fleisch ungew\u00fcrzt probiert hat, wird ja festgestellt haben, dass es &#8222;an sich&#8220; nichts besonderes bietet, allenfalls eine gewisse Schwere bei der Verdauung.<\/p>\n<p>Aber bevor ich mich da reinsteigere: Ich e\u00df auch gerne Fleisch, aber derzeit la\u00df ich es weitestm\u00f6glich bleiben. Und nicht nur das Fleisch: auch alle Feldfr\u00fcchte, die &#8222;nicht zum rohen Verzehr geeignet sind&#8220; und deshalb von den Bauern mit Kl\u00e4rschlamm ged\u00fcngt werden d\u00fcrfen, ebenso wie s\u00e4mtlichen Fertigfra\u00df und alle industriellen Zubereitungen, denen man nicht ansieht, was alles drin ist. Der Kl\u00e4rschlamm hat mich pers\u00f6nlich sogar weit mehr beeindruckt als das BSE, denn von BSE weiss man nicht viel, aber dass man allen ernstes die verseuchten R\u00fcckst\u00e4nde der st\u00e4dtischen Kl\u00e4ranlagen, einschlie\u00dflich aller aus Krankenh\u00e4user stammenden Bakterien und Viren EU-gef\u00f6rdert auf den Feldern verteilt, das macht mich wirklich w\u00fctend! Dass diese Nahrungsmittelmafia meint, sie k\u00f6nne getrost alle Abf\u00e4lle und Problemstoffe \u00fcber meinen Magen entsorgen, und zudem sogenannte &#8222;Psychophysiker&#8220; die Dinge so schmecken lassen, dass st\u00e4ndig das Verlangen nach &#8222;mehr&#8220; aufkommt, kotzt mich richtig an.<\/p>\n<p>Seit vier Tagen bin ich im einschl\u00e4gigen Kaufstreik (<a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/02\/02\/ueber-stromausfall-und-buhmaenner\/\">siehe letzter Eintrag<\/a>). Im Schweriner Bioladen 100 Mark gelassen f\u00fcr einen Einkauf, der woanders 50,- und beim Discounter 30,- gekostet h\u00e4tte. Da kommt richtig Ehrfurcht vor der Nahrung auf, aber auch die Erkenntnis: DAS kann nicht die gro\u00dfe L\u00f6sung sein. Klar, dass die Erzeuger der Biowaren die horrenden Eintrittspreise f\u00fcr die Superm\u00e4rkte nicht tragen k\u00f6nnen. Sie f\u00fchren deshalb eine Nischenexistenz f\u00fcr Besserverdienende oder Leute wie mich, die gelegentlich bereit sind, einen h\u00f6heren Anteil des Einkommens f\u00fcrs Essen auszugeben &#8211; bis die Wut wieder verraucht ist und der Sparimpuls wieder dominiert. Denn bei 7,99 Mark f\u00fcr eine Dose W\u00fcrstchen lass ich Fleisch lieber ganz bleiben, woran man sieht: So einfach ist es nicht. Die konventionelle Landwirtschaft mu\u00df insgesamt \u00f6kologischer werden, alles andere ist Tr\u00e4umerei.<\/p>\n<p>Vorerst hab&#8216; ich gute Lust, erstmal so weiter zu machen. Aber nicht nur allein in meiner K\u00fcche, sondern ich denke an eine extra Website, ein &#8222;Logbuch \u00fcber den Versuch, anders zu essen und sich gegen den Schweinefra\u00df zu wehren&#8220;. Warum erscheinen nirgends Listen mit Forderungen: Ich esse wieder Rindfleich, wenn&#8230;. ? Und ich sehe auch neue L\u00fcgen aufkommen: Herkunftsgarantie, Transparenz &#8211; was bedeutet das denn? Wenn ich wei\u00df, dass etwas vom Hof Soundso stammt, wei\u00df ich noch lange nicht, wie der Bauer produziert, ob er Kl\u00e4rschlamm verteilt oder die Schweine mit Antibiotika f\u00fcttert. Da hilft nur FRAGEN, und warum eigentlich nicht ganz \u00f6ffentlich, per E-Mail?<\/p>\n<p>Na, erstmal mu\u00df das Webwriting-Magazin fertig werden, heute ist Endspurt und deshalb h\u00f6r ich jetzt auf. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da hat Kurt Jacob im Forum einen grandiosen Rundumschlag gegen die &#8222;deutsche Leitkultur des Essens&#8220; gepostet, in dem er gegen den landestypischen Brachialfood anschreibt: &#8222;Eintopfsonntage und die praktisch unverdauliche Hausmannskost sind fester Bestandteil deutscher Leitkultur und feiern auch heute noch fr\u00f6hliche Urst\u00e4nde in deutschen Landen: Erbsen- und Kartoffelsuppen, Graupen, Eintopf, Kl\u00f6\u00dfe, Broiler, Bratkartoffeln, Tagesteller, S\u00e4ttigungsbeilage, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[148,243,634],"tags":[],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2922"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2922"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2922\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2922"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2922"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2922"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}