{"id":2918,"date":"2001-01-08T13:18:52","date_gmt":"2001-01-08T12:18:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2918"},"modified":"2019-11-03T13:20:02","modified_gmt":"2019-11-03T12:20:02","slug":"wieder-wuenschen-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/01\/08\/wieder-wuenschen-lernen\/","title":{"rendered":"Wieder w\u00fcnschen lernen"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Jahren hab&#8216; ich es geradezu kultiviert, von W\u00fcnschen jeder Art Abstand zu nehmen. Das ist Mitte vierzig auch nicht besonders schwer, wenn man wie ich lange Zeit ein Leben &#8222;ohne Bremse&#8220; gef\u00fchrt hat. Kein berufliches Engagement l\u00e4nger als zwei Jahre, dereinst wilde Aktivit\u00e4ten in der Protest- und Alternativ-Szene Berlins, ein abwechslungsreiches Beziehungsleben, immer wieder mit voller Verschmelzung, den \u00fcblichen Rosa-Brille-Illusionen, dann Entt\u00e4uschung, Elend, Entfremdung. Dabei in diesem Leben kaum eine Droge ausgelassen, viele Male umgezogen, Reisen im Aussen und Innen, jede Menge Experimente mit der eigenen Psyche, und zeitweise auch &#8222;ruhmvolle Funktionen&#8220;, in denen man JEMAND ist und lernen kann, was der Preis daf\u00fcr ist.<\/p>\n<p>Aus alledem dann irgendwann in ruhigeres Fahrwasser gekommen: Es gab kein Motiv mehr, irgend etwas von dem zu wiederholen, was ich bereits gehabt hatte. Auf materiellen Besitz, den man unendlich aufeinander stapeln kann, war ich noch nie aus gewesen: Immer schon gemerkt, dass &#8222;das Ding&#8220;, wenn es endlich mir geh\u00f6rte, einfach gar nichts mehr ausl\u00f6ste. Ab ins Regal damit (Schublade, Keller&#8230;), bis zum n\u00e4chsten Ausmisten. Reines &#8222;Geld raffen&#8220; war mir andrerseits zu abstrakt: Warum sich anstrengen, nur damit Zahlen auf Kontoausz\u00fcgen sich ver\u00e4ndern? W\u00fcnsche f\u00fcr die Zukunft? Hatte ich nicht, wenn \u00fcberhaupt, wollte ich etwas SOFORT, nicht irgendwann sp\u00e4ter. Und mein Problem war nicht, etwas NICHT zu bekommen, sondern: es zu bekommen und dann zu erleben, was es mit mir macht.<\/p>\n<p>Gerade in der wunschlosen Zeit, seit ich nicht mehr so vom Ehrgeiz geleitet bin, bekam ich erstmal besonders viel vom Leben geschenkt: Endlich dauerhaftere Inspirationen zum Arbeiten (PC, Internet), l\u00e4ngerfristige und stabilere Freundschafts- und Arbeitskontakte, bessere Wohnungen, schlussendlich die Gelegenheit, hier in dieses wundersch\u00f6ne Gutshaus auf dem Land zu ziehen: &#8222;gehobener Standard&#8220; &#8211; und das mir!<\/p>\n<p>Und jetzt? Ich habe das Gef\u00fchl, ich muss die W\u00fcnsche wieder zu mir einladen, damit sich etwas bewegt. Es kann doch definitiv nicht sein, dass ich die n\u00e4chsten 30 Jahre hier von morgens bis abends vor dem Compi sitze, Webseiten bauend, Texte schreibend; zwischendurch mal ein Spaziergang ums Dorf oder eine kurze Fahrt in den nahe gelegenen Supermarkt, alle Woche die Sauna, damit ich mal ein paar mehr Menschen sehe&#8230;<\/p>\n<p>Dass dieses Leben keineswegs das ist, was ganz organisch und sinnvoll am Ende einer bewegten Entwicklung steht, merke ich schon an meinem (zum Gl\u00fcck erst m\u00e4\u00dfigen) \u00dcbergewicht und an der fortdauernden Auseinandersetzung mit den \u00fcblichen Giften. Da kann ich mir lange sagen, dass es &#8211; spirituell gesehen &#8211; Unsinn ist, nach Kicks zu streben: Mich lebensweltlich in die gro\u00dfe Ruhe zu man\u00f6vrieren und die Unruhe nur noch per Internet zu besichtigen ist offensichtlich keine &#8222;Endl\u00f6sung&#8220;, nicht jetzt, nicht schon Mitte vierzig, vielleicht ja NIE ?<\/p>\n<p>Ver\u00e4nderungen bringen immer auch \u00c4rger und Leiden. Und es w\u00e4re doof, wenn es wieder diesselben Leiden w\u00e4ren wie gehabt. Mich aber deshalb freiwillig wie eine Rentnerin aufzuf\u00fchren, packe ich nicht, ich sehe es langsam ein.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Jahren hab&#8216; ich es geradezu kultiviert, von W\u00fcnschen jeder Art Abstand zu nehmen. Das ist Mitte vierzig auch nicht besonders schwer, wenn man wie ich lange Zeit ein Leben &#8222;ohne Bremse&#8220; gef\u00fchrt hat. 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