{"id":290,"date":"2009-05-11T11:47:34","date_gmt":"2009-05-11T09:47:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=290"},"modified":"2009-05-12T09:01:01","modified_gmt":"2009-05-12T07:01:01","slug":"werden-wir-zu-insekten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2009\/05\/11\/werden-wir-zu-insekten\/","title":{"rendered":"Werden wir zu Insekten?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich morgens erstmal ein wenig herum surfe, auf <a href=\"http:\/\/rivva.de\/\">Rivva<\/a> die Themen der Blogosph\u00e4re betrachte, einige Blogs und Mainstreammedien aufsuche, die auf meiner <a href=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/startinsnetz.html\">Startseite<\/a> verlinkt sind, empfinde ich das Web oft als irgendwie &#8222;zu flach&#8220;. Eine v\u00f6llig irrationale Anmutung, denn wie k\u00f6nnte es denn je &#8222;tiefer&#8220; sein, wenn ich doch immer nur eine einzelne Seite auf einmal ansehen kann?<\/p>\n<p>Diese einzelne Seite, die mein Interesse durch eine Artikel\u00fcberschrift geweckt hat, scheint mir mehr zu verbergen als zu zeigen: das ganze Web ist ja immer &#8222;dahinter&#8220;. Angesichts der unendlich vielen Blickwinkel auf die Welt, die ich mir &#8222;potenziell&#8220; zu Gem\u00fcte f\u00fchren k\u00f6nnte, ist sie ein Nichts, ein irrelevantes St\u00e4ubchen im Sandsturm, den ich immer nur ahne, aber niemals in ganzer Ausdehnung anschauen kann.<!--more--><\/p>\n<p>Auch ich bin so ein St\u00e4ubchen angesichts des Ganzen &#8211; aber f\u00fcr mich selbst bin ich das Zentrum. Eine verzerrte Sicht der Dinge, aus der ich nur sehr begrenzt in Gedanken mal aussteigen kann.<\/p>\n<p>Norbert Bolz prophezeit unterdessen <a title=\"Wie wir zu Insekten werden\" href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/0,1518,614991,00.html\">im SPIEGEL<\/a>, dass wir mittels direkter Gehirnvernetzung demn\u00e4chst zu Insekten werden:\u00a0 <em>&#8222;Biokybernetische Kommunikationssysteme werden das Zentralnervensystem des Menschen und seinen Computer direkt verschalten, die Datenfl\u00fcsse des Gehirns direkt steuern &#8211; Stichwort Biochip. Ein ins Gehirn implantierter Computer wird es dann auch erm\u00f6glichen, von Gehirn zu Gehirn zu kommunizieren &#8211; das war bisher den Engeln des Mittelalters vorbehalten.&#8220;&#8230; Der Computer wird von der Black Box zum Kleidungsst\u00fcck und schlie\u00dflich zum Implantat. Nanotechnologie sorgt daf\u00fcr, dass der Computer weniger als Werkzeug denn vielmehr als eine Art Kleidung oder gar Haut erfahren wird. Nano-Biosensoren im K\u00f6rper kontrollieren Gesundheit und Stresslevel.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Total gehirnvernetzt w\u00fcrde mir wohl nichts mehr &#8222;zu flach&#8220; vorkommen, denn es g\u00e4be keine Trennung, kein sinnlich wahnehmbares &#8222;Interface&#8220; mehr zwischen mir und den Informationswelten, die alle und alles umfassen.<\/p>\n<p>Ist Bolz ein Spinner?\u00a0 Angesichts der nur noch geringen F\u00e4higkeit vieler, sich zu konzentrieren, glaube ich nicht an die &#8222;Gehirnsteuerung&#8220; &#8211; au\u00dfer in der Art, wie sie derzeit bei Hightech-Prothesen schon im Einsatz ist: Ersatzmuskeln steuern, das scheint zu gehen. H\u00e4tte ich aber &#8222;Google im Kopf&#8220;, w\u00fcrde es kaum gelingen, noch irgend etwas genauer anzuschauen, denn jeder Begriff, \u00fcber den ich nach-denke, w\u00fcrde bereits neue Infos ins Bewusstsein heben. Das Chaos im Kopf w\u00fcrde ein Handeln unm\u00f6glich machen.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das aber genau das, was fehlt? Der Mensch, endlich still gestellt in seinem oft genug zerst\u00f6rerischen Aktivit\u00e4ts- und Expansionsdrang?<\/p>\n<p><em>&#8222;Der K\u00f6rper und seine Gegenwart werden f\u00fcr das Funktionieren unserer Gesellschaft immer unwichtiger. Was z\u00e4hlt ist Erreichbarkeit, nicht Anwesenheit; was z\u00e4hlt ist Funktion, nicht Substanz.&#8220; <\/em><\/p>\n<p>Das ist zum Teil heute bereits so &#8211; und doch ist es eine L\u00fcge. Denn die Motiviation, \u00fcberhaupt irgend etwas zu tun, entsteht im K\u00f6rper, in der Welt der Gef\u00fchle und Empfindungen, die auf alles reagieren, was so &#8222;herein kommt&#8220; &#8211; aber eben in hohem Ma\u00dfe vom Grundbefinden im &#8222;Hier und Jetzt&#8220; abh\u00e4ngen. Mal raus auf den Balkon treten, in die Sonne blinzeln, ein paar Mal tief einatmen &#8211; und schon ist man v\u00f6llig anders drauf!<\/p>\n<p>Im Rahmen eines Honorarjobs schreib ich unter anderem immer wieder Texte zum Thema Di\u00e4t &#8211; rein k\u00f6rperlich verstanden. Es ist aber eine ganz andere Di\u00e4t, die die zunehmend vernetzte Menschheit braucht: n\u00e4mlich die Info- &amp; Input-Di\u00e4t. Mal kein Blick ins Netz, kein TV, keine Musik, kein Handy, keine Zeitungen, nicht einmal ein gutes Buch &#8211; sondern einfach da sein, in der Welt sein, jedoch nicht nach au\u00dfen schauen. Wer das gelegentlich \u00fcbt, wird sich zun\u00e4chst vorkommen wie &#8222;ausgesetzt&#8220; &#8211; und doch bald bemerken, wie sehr es dem inneren Frieden n\u00fctzt.<\/p>\n<p>Wir sind \u00fcbende Wesen und m\u00fcssen uns gewisse Anthropotechniken aneignen, die einst nur im Rahmen religi\u00f6ser Askesen tradiert wurden, sagt Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch <em>&#8222;Du musst dein Leben \u00e4ndern&#8220;. <\/em> Das Wissen um die Ausschaltkn\u00f6pfe all der Ger\u00e4tschaften und die F\u00e4higkeit, Info-Angebote auch mal links liegen zu lassen &#8211; erst wenn das ganz verschwunden ist, sind wir das, was Norbert Bolz als Ziel der Entwicklung ansieht: ein Schwarm von Insekten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich morgens erstmal ein wenig herum surfe, auf Rivva die Themen der Blogosph\u00e4re betrachte, einige Blogs und Mainstreammedien aufsuche, die auf meiner Startseite verlinkt sind, empfinde ich das Web oft als irgendwie &#8222;zu flach&#8220;. 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