{"id":2846,"date":"2001-01-31T09:43:55","date_gmt":"2001-01-31T08:43:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2846"},"modified":"2019-07-08T19:46:10","modified_gmt":"2019-07-08T17:46:10","slug":"voll-daneben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/01\/31\/voll-daneben\/","title":{"rendered":"Voll daneben"},"content":{"rendered":"<p>Gut, das neue Mailprog funktioniert jetzt. Es ist sogar ausgesprochen toll, doch nach Lobges\u00e4ngen steht mir derzeit nicht der Sinn (kommt, liebe Bat-Community, versprochen!). Eher dr\u00e4ngt es mich, die gesamte technische Welt in die Tonne zu treten, einschlie\u00dflich s\u00e4mtlicher Beh\u00f6rden, Verwaltungsapparate, Schweinemast-Fabriken, Server-Architekturen und Shopping-Malls. <!--more--><\/p>\n<p>Den ganzen Tag \u00fcber bin ich an Fehlfunktionen von irgend etwas gescheitert, bei fast jeder einzelnen Aktivit\u00e4t. Zeitfressende Fehlerbehebung, nat\u00fcrlich mit Wartepausen, die ich wieder mit anderem l\u00e4stigem Kleinkram f\u00fclle, bis es auch dort wieder heisst &#8222;Online-Banking derzeit nicht m\u00f6glich&#8220;, oder &#8222;Mail delivery failed: returning message to sender&#8220;. Dazu mischen sich auch noch Beh\u00f6rden ein und chaotisieren mein Leben, so gut sie k\u00f6nnen. Schreibt mir doch das Finanzamt, sie h\u00e4tten mal eben zuviel gezahlte Mehrwertsteuer hilfreich auf nicht punktgenau bezahlte KfZ-Steuer umgebucht. Mittlerweile hatte ich sie aber bezahlt, jetzt also schon zweimal. Ich schreibe einen Widerspruch, doch der l\u00e4\u00dft sich nicht faxen, zwar geben Beh\u00f6rden schon mal Fax-Nummern an, doch funktionieren die in der Regel nicht. Also: ausdrucken, Umschlag suchen, frankieren, ab zur Schneckenpost! Entnervt komme ich vom Briefkasten zur\u00fcck und finde einen Brief der K\u00fcnstlersozialkasse, die meinen Beitrag erh\u00f6ht hat, obwohl sie ihn h\u00e4tte senken m\u00fcssen. Neuer Brief, wieder geht das Fax nicht&#8230; ich krieg die Krise!<\/p>\n<p>Genug der Einzelheiten, ich k\u00f6nnte seitenlang so weiter schreiben, doch der Unterhaltungswert w\u00e4re gering, vom Erkenntnisgewinn ganz zu schweigen. Normalerweise rege ich mich \u00fcber all das nicht auf, blocke &#8211; so richtig brav im Hier &#038; Jetzt &#8211; den \u00c4rger gleich beim ersten Aufkommen ab und richte den Blick nach INNEN, wie es so sch\u00f6n heisst: eine Laune halt, oder der \u00e4u\u00dfere Ausdruck eines nagenden Problems, dessen ich mir nicht bewu\u00dft werden will. Zur Not das Wetter, ein Tiefdruckgebiet, der Winter, die Dunkelheit, warum nicht auch mal pr\u00e4menstruelles Syndrom? Zu sagen, dass es einfach ein kaputtes lebensfeindliches SCHWEINESYSTEM ist, kommt mir schon gar nicht mehr in den Sinn. Die Welt ein gro\u00dfer Apparat, in dem alles mit allem st\u00e4ndig neu verschaltet wird und wir immer nur die Stelle zum bequemen Mitfunktionieren suchen. Dass Langeweile z.B. nicht nur eine Chance zur spirituellen Erkenntnis der Nichtigkeit aller Dinge ist, sondern die Folge der Tatsache, dass immer schon alles getan ist; zumindest all das, was man wirklich zum Leben braucht: Essen, Trinken, Kleidung, Wohnung, Mobilit\u00e4t. Sogar das Singen, Malen, Tanzen und Geschichten erz\u00e4hlen haben wir zugunsten der Unterhaltungsindustrie aufgegeben, unsere Geb\u00e4ude sind ohne Farbe, genau wie die Ger\u00e4te und die B\u00fcro-Einrichtungen (Kleidung? Anthrazit.).<\/p>\n<p>Immer mehr Menschen verbringen ihre Tage solo vor dem PC, doch nicht, wie es Psychologen und Soziologen gerne sehen wollen, in einem Gef\u00fchl der Einsamkeit, keine Rede. Im Gegenteil, man ist schnell ersch\u00f6pft, wenn man mehr als ein paar Stunden mit Leuten zusammen ist, seien sie auch noch so liebe Freunde. Der niemals endende Kampf mit dem Ger\u00e4t, mit den unendlichen M\u00f6glichkeiten, die per Mausklick zur Verf\u00fcgung stehen, vermittelt ja bei aller Beschwerlichkeit so ein sch\u00f6nes Gef\u00fchl der Autonomie: Ich kann hin- und herschalten, sogar ausschalten, solange ich es noch wage. Mit dem Mitmenschen geht das nicht, das ist das Wunderbare, aber auch das Schreckliche an ihm.<\/p>\n<p>Ein Freund hat mir von der Liebe zum eigenen Kind erz\u00e4hlt, die so ganz anders sei, tiefer und weiter gehe als alle andere Liebe. Ich habe kein Kind, aber ich glaube zu verstehen, was meint. Es ist das, was die Philosophen etwas sperrig &#8222;Unverf\u00fcgbarkeit&#8220; genannt haben: Etwas, \u00fcber das man keine Macht hat, dem man ausgeliefert ist und dessen absoluter Forderung man &#8211; koste es was es wolle &#8211; nachkommen will, nachkommen muss, wollen und m\u00fcssen sind da eins. Und genau deshalb haben immer weniger Menschen Kinder. Weise vorausschauend vermeiden wir zunehmend diesen &#8222;Druck&#8220;. Schon H\u00fchner (und Hunde) \u00fcberfordern ja das heutige gesch\u00e4ftige und besch\u00e4ftigte Individuum: wollen sie doch zum Beispiel bei Morgengrauen raus und zur Abendd\u00e4mmerung rein in den Stall. Leider verschiebt sich \u00fcbers Jahr gesehen das Morgengrauen und die D\u00e4mmerung ganz gewaltig, mal halb f\u00fcnf in der Fr\u00fche, mal erst um halb neun. Wie sich dem anpassen? Wir leben nicht nach der Tageszeit, sondern im Takt der Maschine: Schulbeginn, Job, Termine, Stau-Zeiten&#8230;<\/p>\n<p>Verr\u00fcckt, mich \u00fcber all das und noch viel mehr aufzuregen und gleichzeitig zu sehen und zu f\u00fchlen, dass ich es selber mit veranstalte. Wer &#8211; irgendwo in Afrika zum Beispiel &#8211; sich richtig krumm legen mu\u00df, um was zu essen auf dem Tisch zu haben, hat an irgend einem K\u00f6rnerbrei weit mehr Freude und Genu\u00df als ich am Krabbensalat, den ich mir gelegentlich im Supermarkt kaufe. Ja, ich kann den nicht mal ungebrochen genie\u00dfen, sondern denke beim essen an die viele Mayo, das ganze Fett in gef\u00e4hrlicher Konzentration, die Bundesministerin sollte eigentlich warnen, genau wie auf den Zigarettenschachteln. Trotzdem w\u00fcrde ich keinen Tag auf irgendwelchen Feldern im Wasser stehen wollen und mich von fr\u00fch bis sp\u00e4t b\u00fccken, um Reis zu ernten. Und so ist es mit allem. Ich sehne mich nach einem anderen Dasein, das ich ernsthaft keine paar Stunden wirklich erleben m\u00f6chte. Ist das nicht verr\u00fcckt?<\/p>\n<p>Das Kapitel &#8222;Selbstver\u00e4nderungsversuche&#8220; spar ich mir f\u00fcr demn\u00e4chst. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gut, das neue Mailprog funktioniert jetzt. Es ist sogar ausgesprochen toll, doch nach Lobges\u00e4ngen steht mir derzeit nicht der Sinn (kommt, liebe Bat-Community, versprochen!). 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