{"id":2844,"date":"2001-01-22T09:36:06","date_gmt":"2001-01-22T08:36:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2844"},"modified":"2019-07-08T19:38:58","modified_gmt":"2019-07-08T17:38:58","slug":"vom-oeffentlichen-gespraech-politik-moral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/01\/22\/vom-oeffentlichen-gespraech-politik-moral\/","title":{"rendered":"Vom \u00f6ffentlichen Gespr\u00e4ch, Politik &#038; Moral"},"content":{"rendered":"<p>Das \u00f6ffentliche Gespr\u00e4ch, die Debatte, die offene Auseinandersetzung um gesellschaftliche Angelegenheiten gilt zu Recht als unverzichtbar in einer Demokratie. Die Macht der Medien r\u00fchrt von daher und hat sie zur fast \u00fcberm\u00e4chtigen 4.Gewalt gemacht. Als B\u00fcrger soll man sich informieren und engagieren &#8211; und nicht v\u00f6llig im Privaten versacken, auf da\u00df &#8222;die da oben&#8220; es irgendwie richten m\u00f6gen. Eigentlich alles klar, aber die Praxis verh\u00e4lt sich zur Lehre wie verdorbener Junk-Food zu einem Gourmet-Men\u00fc.<!--more--><\/p>\n<p>Die Top-Talk-Show der Republik &#8222;Sabine Christiansen&#8220; greift Sonntag f\u00fcr Sonntag stellvertretend f\u00fcr&#8217;s Volk Themen auf, die zumindest die Medienwelt aufs Heftigste bewegen. Normalerweise schau ich das nicht an, Christiansen macht mich \u00e4rgerlich, schon wenn sie den ersten Satz sagt. Sie wirkt wie eine Art Lara Croft der alten Medienwelt: keine erkennbare Pers\u00f6nlichkeit, sondern eine Eliza der Fernseh-Moderation, dazu noch schlecht programmiert, redet sie doch immer an den falschen Stellen dazwischen.<\/p>\n<p>Gestern hat es mich aber erwischt: Fahrl\u00e4ssig die Glotze nach dem Krimi laufen lassen, in die K\u00fcche gegangen und bei der R\u00fcckkehr gerate ich mitten in die Diskussion um &#8222;Joschka Fischer, Politk, Moral, Gewalt, 68er&#8230;&#8220;. Tja, das hab&#8216; ich mir dann bis zum bittren Ende &#8218;reingezogen, selber schuld! Es diskutierten Wolfgang Gerhardt (FDP), Antje Vollmer (Gr\u00fcne), Michael Buback (Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwaltes), Peter Struck (SPD), Heiner Geissler (CDU), und ein Professor Wolfsohn von der Bundeswehrhochschule. Ob Fischer zur\u00fccktreten solle oder nicht, wieviel Moral und Vorbildcharakter man von einem Politiker erwarten k\u00f6nne, ob einer, der mal eine falsche Einstellung hatte (=Fischer vor &#8217;77) und sich mit Polizisten gepr\u00fcgelt hat, noch Au\u00dfenminister werden d\u00fcrfe, usw. usf. Die Rollen waren halbwegs klar verteilt: Struck und Vollmer verteidigten Fischer, Gerhard griff ihn an, Buback und Geissler vertraten mittlere Auffassungen und den Rechtsaussen gab ganz fundamentalistisch dieser Wolfsohn, der allen Ernstes von jedem Politiker einen moralisch einwandfreien Lebenslauf von der Wiege bis zur Bahre verlangte. (Wie, fragt man sich, sollte der denn Politiker werden? Und welchen Grund k\u00f6nnte er haben, so ungebrochen durchs Leben schreitend?).<\/p>\n<p>Noch das kleinste \u00dcbel dieser Talk-Show, doch zum Erreichen der Ekelschwelle schon fast ausreichend, ist das gleichzeitige lautstarke und minutenlang andauernde Aufeinander-einreden dieser Spitzen der Gesellschaft. Eine beliebige Grundschulklasse ist dagegen ein Muster an Disziplin und H\u00f6flichkeit. Fehlt diesen Top-Leuten denn jede Kommunikationskompetenz? Nein, nat\u00fcrlich nicht, wer in einer solchen Runde h\u00f6flich schweigt und den Anderen ausreden l\u00e4\u00dft, wird einfach ignoriert und kommt nicht mehr zu Wort. Also ist Non-Stop-Talking angesagt, so laut und lang wie m\u00f6glich, dabei immer druckreif, versteht sich, man hat ja sein Gesch\u00e4ft gelernt!<\/p>\n<p>In dieser Manier verhandelten sie also zum Beispiel das Thema Gewalt und Gewaltlosigkeit. Wolfsohn verglich Fischer mit den Rechtsradikalen: Auch diese k\u00f6nnten jetzt denken, sie m\u00fc\u00dften nur eines Tages &#8222;Entschuldigung!&#8220; sagen, und k\u00f6nnten dann gem\u00fctlich Minister werden. Breiter Widerspruch, immerhin. Buback brachte ein Argument, das recht genau in Richtung meiner Zweifel am \u00f6ffentlichen Gespr\u00e4ch schlechthin geht: Er glaube Fischer, der nachweislich seit 1977 zusammen mit Daniel Cohn-Bendit gegen den Weg der Gewalt eingetreten ist, da\u00df er seinen vorherigen Irrtum heute bedauere. Allerdings M\u00dcSSE sich ein Au\u00dfenminister so \u00e4u\u00dfern, und das relativiere die Bedeutung einer solchen Aussage und jeder Entschuldigung.<\/p>\n<p>Und ich erg\u00e4nze: Auch alle, die da um den Tisch sa\u00dfen, M\u00dcSSEN &#8211; jeder f\u00fcr sich und alle gemeinsam &#8211; Gewalt in jeder Form ablehnen, genauso, wie sie aufeinander einschreien &#8222;m\u00fcssen&#8220;. Denn, das wurde auch explizit erw\u00e4hnt, Gewaltverzicht zugunsten staatlicher Gewalt ist die Grundlage unseres Zusammenlebens. Kein Politiker kann sich heute erlauben, das in Frage zu stellen. Geissler, der nichts mehr zu verlieren hat, konnte gerade noch eine unterschiedliche Bewertung der gleichwohl abgelehnten Gewalt retten: Es sei schon etwas anderes, in Rudeln Obdachlose tot zu treten als sich am Rande einer Hausbesetzerdemo mit Polizisten zu pr\u00fcgeln. Zustimmung, Applaus &#8211; noch!<\/p>\n<h2>Im Rollback<\/h2>\n<p>Was mich so aufregt, ist diese bereitwillig vorgezeigte Moral an der Oberfl\u00e4che. Vermeintlich handelt es sich um ein offenes Gespr\u00e4ch nach den Regeln intellektueller Redlichkeit. Tats\u00e4chlich aber reden alle das, was sie glauben, qua Amt sagen zu m\u00fcssen bzw. zu d\u00fcrfen, weil sie ansonsten schlicht fertig gemacht werden. Medial &#8222;geschlachtet&#8220; von Leuten, die keineswegs im Herzen oder gar im realen Leben moralischer sind, sondern die &#8222;die \u00f6ffentliche Meinung&#8220; im Sinne ihrer Interessen einsetzen, koste es, was es wolle. (Es wurde gesagt, gerade seien Journalisten mit sehr viel Geld in der Tasche unterwegs, um weiteres Material gegen Fischer zu &#8222;finden&#8220;.)<\/p>\n<p>Es war nicht immer so in diesem Land. Es gab z.B. mal tiefsch\u00fcrfende Diskussionen \u00fcber Gewalt statt reiner Verlautbarungen des W\u00fcnschenswerten:<\/p>\n<ul>\n<li>Ist Gewalt gegen Sachen genauso zu verurteilen, wie Gewalt gegen Personen?<\/li>\n<li>Soll passiver Widerstand, z.B. sich auf Stra\u00dfen oder Schienen setzen, genauso behandelt werden wie ein t\u00e4tlicher Angriff mit Steinen und Molotow-Cocktails?<\/li>\n<li>Ist ziviler Ungehorsam legitim, wenn alles Reden und Schreiben vergeblich bleibt?<\/li>\n<li>Was ist mit &#8222;struktureller Gewalt&#8220;? Die Mieter ganzer Stadtviertel &#8218;rauszuk\u00fcndigen, weil man da gro\u00dffl\u00e4chig Abri\u00df &amp; Neubau haben will, wie es f\u00fcr die Beton-SPD der 70ger und beginnenden 80ger typisch war: Ist das keine Gewalt? Was tut denn der Gerichtsvollzieher, wenn die Mieter einfach bleiben?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Heute herrscht eine Atmosph\u00e4re, in der etwa die Gr\u00fcnen, die sich um diese Diskussion verdient gemacht haben, dies nach dem Wunsch konservativer Meinungsf\u00fchrer als &#8222;S\u00fcnde&#8220; empfinden sollen. Als w\u00e4re dieser Staat immer schon so liberal und locker-leger wie heute gewesen! Als h\u00e4tte nicht jedes einzelne Recht, vom K\u00fcndigungsschutz f\u00fcr Wohnungen \u00fcber die Gleichberechtigung der Geschlechter, den Schutz von Minderheiten, die Pressefreiheit, den Arbeitsschutz und letzlich das gesamte soziale Netz GEGEN die jeweils Herrschenden erk\u00e4mpft werden m\u00fcssen &#8211; und LEIDER ging das nicht immer nur mit friedlichen Mitteln. Ver\u00e4nderung ist manchmal wichtiger als Gewaltlosigkeit, wenn man die Werte Freiheit und (Chancen-)Gleichheit nicht g\u00e4nzlich aufgeben will.<\/p>\n<h2>Zu anstrengend?<\/h2>\n<p>Vielleicht wollen wir das ja? Einen Grund f\u00fcr die aktuelle konservative Kulturrevolution (Bush hat&#8217;s geschafft und f\u00e4ngt jetzt mit dem gesellschaftlichen R\u00fcckbau an, die unsrigen \u00fcben noch&#8230;) sehe ich in der Sehnsucht nach Einfachheit und \u00dcbersichtlichkeit in der immer komplexer werdenden Welt. Schon dieser Diary-Beitrag ist sicher f\u00fcr manche eine Zumutung: Politisch, also langweilig. Wer mag sich schon in irgend einer Sache soweit kundig machen, um wirklich mitzureden? Und dann auch noch gleich k\u00e4mpfen m\u00fcssen, sich Anfeindungen aussetzen und streiten f\u00fcr irgend eine &#8222;allgemein wichtige&#8220; Frage? Wer sowas kann, bzw. k\u00f6nnte, kann sehr wahrscheinlich mit sehr viel weniger Aufwand eine individuelle L\u00f6sung finden. Und damit entf\u00e4llt meist auch die pers\u00f6nliche Betroffenheit als Grund des Engagements.<\/p>\n<p>So verkr\u00fcmeln sich die einen als gl\u00fcckliche Ignoranten in ihre Nischen und Individual-L\u00f6sungen, die anderen, die den beschleunigten Verh\u00e4ltnissen schutzlos ausgeliefert sind, leben zunehmend &#8222;aus dem Bauch&#8220; und werden von einschl\u00e4gigen Medien bis zum Anschlag mit Unterhaltung zugesch\u00fcttet: Sofortige Triebabfuhr, zumindest per Glotze. Wenn die Schraube sich dann weiter dreht, werden mehr Gef\u00e4ngnisse gebaut: Allein Kaliforniern hat mehr Knastpl\u00e4tze als ganz Deutschland, las ich neulich.<\/p>\n<p>Man sieht, ungez\u00fcgelter TV-Konsum zieht ganz sch\u00f6n herunter! Ich h\u00f6r&#8216; jetzt besser auf und verabschiede mich bis Sonntag in meine aktuelle Daseins-Nische: Ein selbst organisierter PHP-Workshop, es wird bestimmt toll! Sich zusammen mit netten Menschen technischen Fragen zu widmen, ist ja so angenehm: da gibt es f\u00fcr jedes Problem eine L\u00f6sung. Erfolgserlebnisse sind garantiert &#8211; ganz anders, als im Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das \u00f6ffentliche Gespr\u00e4ch, die Debatte, die offene Auseinandersetzung um gesellschaftliche Angelegenheiten gilt zu Recht als unverzichtbar in einer Demokratie. Die Macht der Medien r\u00fchrt von daher und hat sie zur fast \u00fcberm\u00e4chtigen 4.Gewalt gemacht. 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