{"id":2843,"date":"2001-01-19T19:35:56","date_gmt":"2001-01-19T18:35:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2843"},"modified":"2019-11-03T13:25:53","modified_gmt":"2019-11-03T12:25:53","slug":"nebel-traum-dr-fine-webdiarys","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/01\/19\/nebel-traum-dr-fine-webdiarys\/","title":{"rendered":"Nebel, Traum, Dr.Fine, Webdiarys"},"content":{"rendered":"<p>Unglaublich eint\u00f6nig verstreichen die Tage, der neblig-tr\u00fcbe Himmel, das k\u00fchle Licht des Monitors, tagein tagaus dasselbe. Vormittags ein Besuch bei den H\u00fchnern, Frischfutter verteilen, Schei\u00dfe von der Leiter kratzen, sie ein bi\u00dfchen anstaunen: wie sind sie doch lebendig! Und wie sie mich ansehen &#8211; wie das wohl f\u00fcr sie ist?<\/p>\n<p>Heute hat mich ein Traum in ein anderes Dasein katapultiert. Ich wei\u00df nichts, wirklich gar nichts mehr von diesem Traum, au\u00dfer dass er auf einer ganz anderen Ebene der Lebensenergie spielte: hoch spannend, erotisch, bis hin zu fast religi\u00f6ser Ekstase. Eine Gef\u00fchlserinnerung, sonst nichts.<\/p>\n<p>Ich lese gerade &#8222;Dr.Fine&#8220; von Samuel Shem. Es ist die Geschichte eines Psychoanalytikers, der seit seiner Lehranalyse nicht mehr in der Welt, sondern in deren psychoanalytischer Deutung lebt. Es ist zum Schreien komisch, spannend, tragisch, herzergreifend und bildend, also alles, was man heute von einem Unterhaltungsroman w\u00fcnschen kann. Und es geht &#8211; das tun nur ganz wenige &#8211; \u00fcber diese Ebene hinaus, es vermittelt ein &#8222;mehr&#8220;, ohne dieses mehr zu benennen.<\/p>\n<p>Ich frage mich immer, was es ist, das bei dem einen Autor sofort in die Geschichte hinein zieht, ohne Z\u00f6gern und Stolpern, ohne &#8222;L\u00e4ngen&#8220;, aber doch mit genug Stoff, um die Personen lebendig zu machen, so lebendig, dass sie zu Freunden oder Feinden werden und das eigene Leben tendenziell aus dem Bewu\u00dftsein verschwindet. Ein geistiges Wunder, das &#8211; je \u00e4lter ich werde &#8211; immer seltener geschieht. Und nur dann, wenn der Autor eine f\u00fcr mein Empfinden vollst\u00e4ndig fl\u00fcssige Sprache spricht, funktioniert es.<\/p>\n<p>Update 2019 \/ Und hier der verdiente Werbelink:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/amzn.to\/2YGKcW9\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"aligncenter size-full wp-image-2849\" src=\"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-content\/uploads\/2001\/01\/51dZp-vaLIL._SL160_.jpg\" alt=\"Dr.Fine bei Amazon\" width=\"102\" height=\"160\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Diarys und \u00d6ffentlichkeit<\/h2>\n<p>In der CT dieser Woche ist ein Artikel \u00fcber Webdiarys erschienen, der mal ein bi\u00dfchen MEHR bringt als das blosse Staunen \u00fcber den Exhibitionismus der Schreibenden. Die Diary-Szene boomt mittlerweile, Hunderttausende schreiben ihre t\u00e4glichen Eindr\u00fccke auf, manche geben tats\u00e4chlich Einblicke in intimste Gedanken und Gef\u00fchle, berichten \u00fcber ihr Liebes- und Sexleben, ihre \u00c4ngste und Verr\u00fccktheiten. Es hat schon ein bi\u00dfchen was von &#8222;Big Brother f\u00fcr Alphabeten&#8220;, keine Frage!<\/p>\n<p>Obwohl ich selber die Ebene des totalen sozialen Outings vermeide, lese ich manches dieser Diarys ganz gern und frage mich gelegentlich, ob das nicht doch ein \u00dcbergangsph\u00e4nomen ist: Wenn die Netzkompetenz der breiten Massen weiter w\u00e4chst, werden viele das Suchen &amp; Finden lernen und spasseshalber die Namen ihrer Freunde, Kollegen, Bekannten und Verwandten recherchieren. (Man glaubt ja gar nicht, was Google.com alles findet!) Und dann wird es immer \u00f6fter passieren, dass jemand mit einem selbstentbl\u00f6\u00dfenden Tagebuch morgens von seinem Arbeitskollegen w\u00fctend empfangen wird, weil er oder sie sich tags zuvor im Web allzu deutlich \u00fcber den neuesten Streit ausgelassen hat. Damit nicht zu rechnen, ist nicht Mut, sondern Unwissenheit und Naivit\u00e4t, freundlich ausgedr\u00fcckt. Selbst wer seine Seiten NICHT in den Suchmaschinen anmeldet, wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter von Robots verdatet, von anderen gelinkt oder die URL wird auch schon mal ganz unwissentlich von Lesern weiter verbreitet. (In meiner Referenzliste mit den automatisch erfa\u00dften Adressen, WOHER die Leser kommen, fand ich schon manche Website, von deren &#8222;\u00d6ffentlichkeit&#8220; der Verfasser sicher nichts ahnte.)<\/p>\n<p>In j\u00fcngeren Jahren h\u00e4tte ich vielleicht die Ansicht vertreten, dass totale Offenheit \u00fcberall und zu jeder Zeit &#8211; also auch in der \u00d6ffentlichkeit &#8211; das anzustrebende Ideal sei. Davon bin ich allerdings weggekommen, denn: Was ich ausspreche, gar aufschreibe und in die weite Netzwelt schicke, gewinnt auch ganz ohne Absicht einen gewissen Ewigkeitswert. Schubladen in fremden K\u00f6pfen werden errichtet, die so ohne weiteres nicht mehr wegzukriegen sind &#8211; auch wenn das Ereignis, das mich gerade bewegt, meine Leiden und Freuden und meine Gedanken dar\u00fcber morgen schon wieder ganz anderns aussehen m\u00f6gen. Auf diese Weise baue ich mit an der eigenen Unfreiheit, mache mich erreichbar und definierbar &#8211; doch das bin ich nicht!<\/p>\n<p>Diary-Schreiben ist f\u00fcr mich eher eine Form, Distanz zu mir selbst zu gewinnen. Wenn ich an ganz konkreten Dingen leide, die mit meinen N\u00e4chsten zusammen h\u00e4ngen, f\u00fchle ich nat\u00fcrlich den Impuls, zu schreiben. Doch gerade die Anforderung, Intimit\u00e4t und Privatheit niemals zu verraten, unterst\u00fctzt mich dabei, das Konkrete auf eine allgemeinere Ebene zu heben. Es bringt mich weg vom Kreisen im eigenen psychischen Sumpf und damit ist der Hauptzweck schon erreicht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unglaublich eint\u00f6nig verstreichen die Tage, der neblig-tr\u00fcbe Himmel, das k\u00fchle Licht des Monitors, tagein tagaus dasselbe. Vormittags ein Besuch bei den H\u00fchnern, Frischfutter verteilen, Schei\u00dfe von der Leiter kratzen, sie ein bi\u00dfchen anstaunen: wie sind sie doch lebendig! Und wie sie mich ansehen &#8211; wie das wohl f\u00fcr sie ist? 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