{"id":2842,"date":"2001-01-15T19:00:36","date_gmt":"2001-01-15T18:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2842"},"modified":"2019-07-08T19:40:05","modified_gmt":"2019-07-08T17:40:05","slug":"von-arbeit-verschluckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/01\/15\/von-arbeit-verschluckt\/","title":{"rendered":"Von Arbeit verschluckt"},"content":{"rendered":"<p>Das Esoterik-Thema vom letzten Mal lass ich noch ein bi\u00dfchen abk\u00fchlen bis zur Wiederaufnahme. Es ist schon erstaunlich, wie sehr das die Gem\u00fcter erregt, positiv wie negativ! Die zustimmenden Leser schreiben ins Forum (herzlichen Dank!), die Ablehner mailen privat, bis hin zu Hassmails anonymer Idioten! Egal, klick und weg&#8230;<!--more--><\/p>\n<p>Seit Tagen h\u00e4ngt Nebel \u00fcber der weiten mecklenburgischen Landschaft, die nun wie in Watte gepackt wirkt. Es ist kalt, doch wenn ich an die armen Leute in Sibirien denke, ist es hier vergleichsweise &#8222;sommerlich&#8220; bei knapp unter Null grad. Ich mache denoch kaum einen Schritt nach drau\u00dfen, nur mit M\u00fche mittags einen kleinen Spaziergang, um nicht v\u00f6llig vor dem PC einzurosten.<\/p>\n<p>Heute nur vier Stunden geschlafen, das Design f\u00fcrs Webwriting-Magazin hat mich die letzten Tage besch\u00e4ftigt und heute Nacht bin ich zu einem vorl\u00e4ufigen Ergebnis gekommen. Jetzt ist erstmal Abstand angesagt, bevor die letzten \u00c4nderungen &#8222;locker&#8220; kommen k\u00f6nnen &#8211; ich liebe die Arbeit, wenn ich von ihr v\u00f6llig verschluckt werde. Hab&#8216; dann keine Lust mehr zu irgend etwas anderem, denke selbst beim Essen an &#8222;die Ecke vom unteren Rand&#8220;, will niemanden sehen und nichts von der Welt h\u00f6ren, und wenn ich manchmal inne halte, wundere ich mich dar\u00fcber, wie sehr mir diese Versunkenheit behagt! Dann lebe ich ganz in Formen, Pixeln und HTML-Tags und bin v\u00f6llig verschont von allen Mi\u00dfhelligkeiten der Menschenwelt, die mit zunehmendem Alter immer auff\u00e4lliger werden.<\/p>\n<p>Mailinglisten zum Beispiel, v\u00f6llig unverzichtbar f\u00fcrs Netzleben einer E-Workerin, unsch\u00e4tzbarer Pool m\u00f6glicher n\u00fctzlicher oder schlicht angenehmer Kontakte, Hilfe in der Not, Tipps und Tricks, die richtige Antwort auf jede Frage in k\u00fcrzester Zeit &#8211; wer k\u00f6nnte noch OHNE sein? Alle reden von der &#8222;Wissensgesellschaft&#8220;, vom &#8222;lebenslangen Lernen&#8220;, vom Information-Overflow und was dergleichen Hype-Begriffe sind. Aber kaum einer sagt, wie ganz beil\u00e4ufig erfolgreiche Formen entstanden sind, die Dinge in den Griff zu bekommen (und das M\u00dcSSEN wir, zumindest soweit es die Brotarbeit angeht). Ohne das freiwillige und unbezahlte Zusammenwirken in Mailinglisten, ohne den kostenlosen Austausch von Informationen \u00fcber jedes erdenkliche Problem, w\u00e4re in immer mehr Bereichen heute das Arbeiten gar nicht mehr m\u00f6glich. Sie setzen uns in den Stand, zu Aufgaben JA zu sagen, von denen wir noch nicht ganz genau wissen, was sie alles f\u00fcr Anforderungen mit sich bringen: mit meiner in langen Jahren erworbenen &#8222;Grundausbildung&#8220;, mit dem Web als Informationsmedium und mit Hilfe der Mailinglisten ist jede Menge leistbar. Nat\u00fcrlich nicht immer allein, auch Co-Worker finden sich, wenn man sie braucht, wie wunderbar!<\/p>\n<p>Doch das Listenleben hat auch eine dunkle Seite: Man k\u00f6nnte locker zum Menschenhasser werden! Denn eine un\u00fcbersichtliche Menge von Teilnehmern reagiert in verschiedenster Hinsicht immer gleich: jeder negative Input, jede kleine Schroffheit, jede Belehrung, Kritik und deutliche Verneinung, die jemand in eine Liste postet, erzeugt regelm\u00e4\u00dfig einen Schwall von Reaktionen, die durch ihre schiere Masse das Negative verschlimmern, die Stimmung weiter in den Keller treiben, ja, sogar Leute zum Verlassen der Liste bewegen. Diejenigen, die bei solchen Gelegenheiten weise schweigen, bekommt man ja nicht mit! Nettiquette ist f\u00fcr Listen praktisch \u00fcberlebensnotwendig und ebenso ein ADMIN\/Gastgeber, der (durchaus sensibel und nicht wie ein Automat!) auf die Einhaltung dr\u00e4ngt. Anders als im RealLife gibt es n\u00e4mlich nicht den Blick in die Gesichter der Anderen, der allein schon eine disziplinierende Wirkung aus\u00fcbt.<\/p>\n<p>Was in den Listen geschieht, ist nat\u00fcrlich dasselbe, was \u00fcberall abl\u00e4uft, nur eben in einer speziellen Form, die ohne K\u00f6rper und f2f-Kontakt auskommen mu\u00df, denn gerade darin liegt ja ihre St\u00e4rke. In den Jahren seit 1996 hab&#8216; ich soviel mitbekommen, dass mich nun nichts mehr ersch\u00fcttert, was es in Listen zu erleben gibt: Sie kommen, sie bestehen, sie vergehen und neue finden sich zusammen, ganz wie im Real Life, immer wieder mit der Hoffnung, nun werde alles anders und viel besser. That&#8217;s life, manche nennen es tats\u00e4chlich Fortschritt, ich erlebe mitterlweile die ewige Wiederkehr des Gleichen &#8211; na und, es ist ok so, wir haben ja keine Alternative. Und die Welt besteht ja nicht nur aus Menschen&#8230; &#8211; &#8211; &#8211;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Esoterik-Thema vom letzten Mal lass ich noch ein bi\u00dfchen abk\u00fchlen bis zur Wiederaufnahme. Es ist schon erstaunlich, wie sehr das die Gem\u00fcter erregt, positiv wie negativ! Die zustimmenden Leser schreiben ins Forum (herzlichen Dank!), die Ablehner mailen privat, bis hin zu Hassmails anonymer Idioten! 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