{"id":2839,"date":"2001-01-05T09:27:13","date_gmt":"2001-01-05T08:27:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2839"},"modified":"2019-07-08T19:41:41","modified_gmt":"2019-07-08T17:41:41","slug":"der-heilige-gral-der-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/01\/05\/der-heilige-gral-der-arbeit\/","title":{"rendered":"Der heilige Gral der Arbeit"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Derzeit \u00fcberkommt mich oft das Verlangen, einfach abzuschalten, den Kopf in irgend einen Sand oder unter die Decke zu stecken. Dabei droht ja nichts, definitiv steht keine erkennbare Gefahr vor mir, jedenfalls nichts, was \u00fcber das \u00dcbliche hinausginge. Was aber ist &#8222;das \u00dcbliche&#8220;?<\/span><\/p>\n<p>Es f\u00e4llt mir schwer, das einzukreisen, weil es eben so normal ist. DA IST EIGENTLICH NICHTS, nur in bestimmten Stimmungen kommt es mir so vor, als g\u00e4be es Grund zum Weglaufen &#8211; und dann geht wieder die Sonne auf, die Laune bessert sich, ich f\u00fchle mich stark und initiativ und ein Blick auf &#8222;die Lage&#8220; ergibt: alles im gr\u00fcnen Bereich! Die Chancen stehen sogar super, ich brauche bloss loszulegen&#8230;<\/p>\n<h2>Luxusprobleme<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend ich das so hinschreibe, f\u00e4llt mir eine weitere Spaltung auf, die das sporadische Fluchtverlangen noch verst\u00e4rkt: Immer, wenn meine Welt mir problematisch erscheint, muss ich mich entscheiden, ob ich etwas an ihr zu ver\u00e4ndern suche, oder ob ich mich besser selbst ver\u00e4ndere. Ersteres k\u00f6nnte z.B. bedeuten, eine Liste zu machen und anstehende Arbeiten abzuhaken, letzteres kann heissen, in die Sauna gehen, eine Stunde Yoga oder einen Spaziergang machen &#8211; oder auch Diary schreiben, um klarer zu werden. Immer wieder erwische ich Momente des Zweifels, ob nun das eine oder das andere angesagt ist &#8211; kurzum: ich habe Luxusprobleme!<\/p>\n<p>Bevor ich mich diesen zuwende, nochmal ein Blick auf das, was gelegentlich nervt:<\/p>\n<ul>\n<li>Vielfalt,<\/li>\n<li>Komplexit\u00e4t,<\/li>\n<li>Unsicherheit,<\/li>\n<li>schnelle Ver\u00e4nderungen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"font-family: Arial,futura,helvetica; font-size: small;\">Manchmal habe ich Angst, dass mir alles entgleiten k\u00f6nnte, wenn es auf einmal nicht mehr gelingen sollte, auch nur sporadisch den \u00dcberblick \u00fcber alles zu gewinnen, was &#8222;im Auge behalten&#8220; werden will oder mu\u00df. Dann f\u00fcrchte ich, einfach zu ertrinken in den un\u00fcberschaubar vielen Themen und Ebenen, mit denen ich t\u00e4glich in Kontakt komme, schlicht zu versacken in der Besch\u00e4ftigung mit Randproblemen oder unwichtigem, aber Zeit fressenenden technischem Kleckerkram. Und dass mich das alles so frustriert, dass ich v\u00f6llig die Lust verliere und einfach keine Energie mehr aufbringe, \u00fcberhaupt noch einen Mausklick zu tun.<\/span><\/p>\n<p>Meine vorindustriellen Arbeitsmethoden sind nicht das Problem, aber auch nicht sehr hilfreich, wenn es darum geht, sich mittels formaler Ordnung zu beruhigen: Rational strukturierte und konsequent gef\u00fchrte Notizb\u00fccher, Adresskarteien, Terminkalender, Themen-Ordner und dergleichen waren nie mein Ding. Ausschlie\u00dflich gest\u00fctzt vom jederzeit befragbaren Internet und den unz\u00e4hligen Daten in zigtausenden Mails in den Ordnern meines Mailprogramms lebe ich (fast) im papierlosen B\u00fcro. Alle Versuche, ein ordentliches papiergest\u00fctztes &#8222;Selbstmanagement&#8220; einzuf\u00fchren, liegen lange hinter mir. Ich habe es aufgegeben, anders sein zu wollen als ich nun mal bin: Was ich nicht im Kopf habe, f\u00e4llt aus meiner Welt heraus. Fr\u00fcher hab&#8216; ich das allein als Defizit und Unf\u00e4higkeit gesehen, doch w\u00e4hrend eines sehr komplexen Projektleiterjobs, in dem ich st\u00e4ndig Fragen beantworten, Besprechungen abhalten, Konzepte verfassen, Beh\u00f6rden kontaktieren und Leute motivieren mu\u00dfte, sagte mal eine Kollegin zu mir: &#8222;Ich fasse es einfach nicht, wie du das alles schaffst. Auf deinem Schreibtisch herrscht der totale Verhau, aber in deinem Geist ist Klarheit und Ordnung.&#8220;<\/p>\n<p>Ich bin ihr heute noch dankbar f\u00fcr diese freundliche Bemerkung, denn f\u00fcr mich war das die Wende: Das Defizit wurde in meiner Selbsteinsch\u00e4tzung zum Plus, zum Pfund, mit dem ich k\u00fcnftig wuchern konnte (frei nach dem Motto: Das Brett vor&#8217;m Kopf zur Kasse machen :-).<\/p>\n<p>Allerdings: Seither hat sich die Komplexit\u00e4t der Arbeits- und Aktionsfelder vervielfacht, die Kapazit\u00e4ten in meinem Hirn und Gem\u00fct aber nicht. Immer wieder besteht die Arbeit darin, Vielfalt zu reduzieren, Nutzloses zu streichen, sogar N\u00fctzliches und Vielversprechendes loszulassen, weil es ZU VIEL ist. (Auch dieses Diary ist aus einem &#8222;zu viel&#8220; entstanden, n\u00e4mlich aus zu vielen interessanten Privatmails, deren Anspr\u00fcche ich irgendwann nicht mehr erf\u00fcllen konnte: Mehr als ein paar wenige intensive Gespr\u00e4che kann ich nicht f\u00fchren, ob nun von Angesicht zu Angesicht oder per E-Mail, ist ziemlich egal. Also spreche ich SO mit Euch&#8230;)<\/p>\n<p>Selbst\u00e4ndiges (und zunehmend auch unselbst\u00e4ndiges) Arbeiten bedeutet heute kundiges Jonglieren mit Optionen, st\u00e4ndiges Abgleichen von M\u00f6glichkeiten und dauerndes Neu-Profilieren und Umkonfigurieren der &#8222;Marke&#8220;, zu der man als Dienstleisterin werden mu\u00df, um erfolgreich zu sein, bzw. um in der Menge \u00fcberhaupt wahrgenommen zu werden. Die positive M\u00f6glichkeit liegt darin, das ganze als ein Spielfeld zu sehen, auf dem es durch st\u00e4ndigen Wandel und immer neue Versuche, Projekte, Experimente und Herangehensweisen gelingen kann, zu dem zu werden, was man immer schon ist, aber eben nicht &#8222;immer schon&#8220; sehen, geschweige denn leben konnte. Der heilige Gral der Arbeit heisst: F\u00fcr DAS nachgefragt und bezahlt werden, was ich &#8222;von selber&#8220; bin, nicht f\u00fcr das, was ich angestrengt vorspiele, weil es nun mal verlangt wird.<\/p>\n<p>Viele Menschen haben gar nicht die Hoffnung, letzteres sei m\u00f6glich, und konzentrieren sich nur darauf, &#8222;irgendwas&#8220; anzubieten, was der Markt verlangt. Es war nicht meine Wahl oder gar Leistung, dass ich nie so werden konnte. Ich MUSSTE in allem, was ich tue, nach dem suchen, was mich innerlich befriedigt und gl\u00fccklich macht, und weitestgehend alles verweigern, was dem entgegen steht. Mich aufzuteilen zwischen dem Reich der Notwendigkeit und dem Reich der Freiheit ist mir nie gelungen, ja, ich glaube nicht mehr an die Wahrheit dieser Unterteilung. Ohne Druck von au\u00dfen bricht man nicht auf zu neuen Ufern, unternimmt keine Anstrengungen, das herauszufinden, zu perfektionieren und zu n\u00fctzlichen Dienstleistungen auszuarbeiten, was einem pers\u00f6nlich liegt und entspricht. Kurz gesagt: Stoffwechsel mu\u00df sein.<\/p>\n<p>Mal sehen, wie ich heute die Kurve nehme.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit \u00fcberkommt mich oft das Verlangen, einfach abzuschalten, den Kopf in irgend einen Sand oder unter die Decke zu stecken. Dabei droht ja nichts, definitiv steht keine erkennbare Gefahr vor mir, jedenfalls nichts, was \u00fcber das \u00dcbliche hinausginge. Was aber ist &#8222;das \u00dcbliche&#8220;? Es f\u00e4llt mir schwer, das einzukreisen, weil es eben so normal ist. 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