{"id":2838,"date":"2001-01-02T08:22:40","date_gmt":"2001-01-02T07:22:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2838"},"modified":"2019-07-08T19:42:09","modified_gmt":"2019-07-08T17:42:09","slug":"der-digitale-irrtum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2001\/01\/02\/der-digitale-irrtum\/","title":{"rendered":"Der digitale Irrtum"},"content":{"rendered":"<p>Wer mal Gitarre oder ein anderes Instrument gelernt hat, weiss, dass es schier endloser Wiederholungen bedarf, bis ein St\u00fcck &#8222;sitzt&#8220;, bis es einfach so flutscht und man w\u00e4hrend des Spielens nicht mehr daran denken mu\u00df, wie die Finger bewegt werden m\u00fcssen. Auch alle handwerklichen T\u00e4tigkeiten brauchen diese Lernzeit: Die ersten Tapetenbahnen werden meistens schief oder fallen gleich wieder von der Wand, die erste eigene Lackierung bekommt Risse, das erste Augen-Make-Up verschmiert gnadenlos, anspruchsvollere K\u00fcnste ben\u00f6tigen gar Jahre der \u00dcbung. Ebenso verh\u00e4lt es sich mit dem Tanzen (jenseits des sogenannten &#8222;Freistils&#8220;) und den unterschiedlichen psychophysischen \u00dcbungssystemen wie z.B. Yoga oder Tai Chi: zu Anfang kommt man sich vor wie ein Sack Holz.<!--more--><\/p>\n<p>All diesem Lernen ist gemeinsam: Man VERSTEHT die Aufgabe weit fr\u00fcher, als dass man die Sache beherrscht, ja, das Verstehen ist der geringste Teil der \u00dcbung. Man erkennt in solchem \u00dcben den Unterschied: Verstehen (im Sinne von &#8222;Durchblick&#8220;) findet allein auf der mentalen Ebene statt, der K\u00f6rper &#8211; einschlie\u00dflich der Gef\u00fchlsebene &#8211; lernt anders. Besonders spektakul\u00e4r ist der Unterschied zwischen rein mentalem und mehrdimensionalem Lernen in Bezug auf die Zeit: Praktisch &#8222;ohne Zeit&#8220;, in einem augenblicklichen Aha-Erlebnis gewinnen wir den Durchblick, doch eine neue k\u00f6rperliche F\u00e4higkeit wird niemals ohne entsprechende \u00dcbungszeiten erworben. Allein &#8222;vom Kopf her&#8220; betrachtet, erscheint der K\u00f6rper zumindest als &#8222;schwer erziehbar&#8220; &#8211; und das ist noch recht freundlich ausgedr\u00fcckt!<\/p>\n<h2>Klicken Sie jetzt!<\/h2>\n<p>Alles K\u00f6nnen, das den K\u00f6rper einschlie\u00dft, ist in der heutigen Welt offensichtlich bedeutungslos: In stetem &#8222;Weltverbessern&#8220; haben wir eine Technik entwickelt, die uns von k\u00f6rperlichen Anstrengungen befreit. Statt Menschenkraft oder Pferdest\u00e4rken aufzuwenden, verheizen wir die Ressourcen der Erde. Wei\u00dft du oder wei\u00dft du nicht? In der Wissensgesellschaft wird alles Wissenswerte abgespeichert, auf das Faktenwissen kommt es an und auf die Kenntnis der Methoden, es zu erwerben und anzuwenden (= &#8222;klug suchen&#8220;). Schon Kinder werden von klein auf zum Sitzen &amp; Denken gezwungen, auf dass sie sp\u00e4ter in der Lage sind, die Megamaschine zu verwalten und weiter zu entwickeln: Sitzend vor einem Ger\u00e4t, die MACHT allein in den Fingerspitzen, klicken Sie jetzt! &#8211;<\/p>\n<p>Schrecklich, sich dann eines Tages in der Lage des sagenhaften K\u00f6nig Midas vorzufinden: Ihm war der Wunsch erf\u00fcllt worden, alles m\u00f6ge zu Gold werden, was er ber\u00fchrt. Bald ist er aber j\u00e4mmerlich verhungert, denn auch das Essen wurde zu Gold, sobald seine Lippen damit in Kontakt kamen. Aufstieg und Erfolg, Ruhm und Reichtum sind wie goldene Nahrungsmittel: praktisch gleichbedeutend mit psychisch-emotionalem Verhungern. Es kostet sehr viel vom Leben, ein erfolgreicher Homo \u00d6konomicus zu sein, stets auf den eigenen Vorteil und den Nutzen f\u00fcr das pers\u00f6nliche Weiterkommen bedacht. (Oder warum sind die Wohlsituierten und Reichen dieser Welt sonst so erschreckend fantasielos in der Verwendung ihrer angeh\u00e4uften G\u00fcter? Sie K\u00d6NNEN nicht mehr anders!)<\/p>\n<h2>Das andere Lernen: Zwischen 0 und 1<\/h2>\n<p>Der Grund, warum ich diese anderwo weit besser formulierten Themen anspreche, ist meine laufende Auseinandersetzung mit S\u00fcchten verschiedenster Art. Ich glaube es ja selber kaum: Vom Rauchen war ich noch nie so frei wie heute! Nach mehreren Aufh\u00f6r-Versuchen in den letzten Jahren scheint jetzt ENDLICH der Punkt erreicht, an dem die Sucht sich &#8211; zumindest von dieser Front &#8211; zur\u00fcckzieht. Ihr glaubt gar nicht was das f\u00fcr ein Feeling ist! Kein Gieren mehr auf die Zigarette nach dem Essen, keine stinkenden Aschenbecher, Haare und Klamotten, kein schneidendes Gef\u00fchl in den Bronchien, kein leises R\u00f6cheln im Atemger\u00e4usch &#8211; und keine Unsummen mehr allein daf\u00fcr, sich selber zu besch\u00e4digen und stetig n\u00e4her an einige wirklich ekelhafte Todeskrankheiten zu bringen!<\/p>\n<p>Wie viele wissen, die schonmal aufgeh\u00f6rt haben: Aufh\u00f6ren ist relativ einfach, das Problem ist, nicht wieder anzufangen. Und an dieser Stelle ist mir nun klar geworden, dass es sich um einen mehrdimensionalen Lern- und \u00dcbungsvorgang handelt, bei dem mentale Einsicht allein so gut wie nichts bringt. Man weiss ja, wie sch\u00e4dlich das Rauchen ist, doch mit blosser Willenskraft schafft kaum jemand dauerhaft den Absprung. Willenskraft bedeutet hier: Der Sucht widerstehen, obwohl man in manchen Momenten immer wieder mal der Meinung ist, die Zigarette sei (subjektiv) etwas Gutes&#8230;.<\/p>\n<p>Nun ist es gerade die Sucht, die einen dazu bringt, zu denken, die Kippe sei etwas, auf das man keinesfalls ganz verzichten m\u00f6chte. Diesem GEDANKEN kann ich immer mehr entkommen, und zwar einerseits durch Umdenken, andrerseits dadurch, dass ich den Punkt des Wieder-Anfangens sehr genau betrachte. Und da stelle ich fest: Nach einer Zeit v\u00f6lliger Abstinenz schmeckt die Zigarette nicht, nat\u00fcrlich nicht. Mich also relativ sicher f\u00fchlend, rauche ich dann evtl. am n\u00e4chsten Tag noch eine &#8211; und in dem Moment, in dem sie wieder schmeckt, ist die Falle erneut zugeschnappt: Ich giere nach MEHR, das Leiden an diesem Verlangen ist schnell wieder weit intensiver als alle &#8222;Lust&#8220;, die eine Zigarette bringen kann. Ja, es wird un\u00fcbersehbar, dass das eine ohne das andere NICHT EXISTIERT: Rauchen bedeutet eine Kette aus ganzen Wagenladungen an Zigaretten &#8211; die EINE geniessen ist ein Mythos, eine Illusion. Es nur zu WISSEN, hat mir nicht geholfen, ich muss es wiederholt erleben.<\/p>\n<p>Im Unterschied zu fr\u00fcher hab&#8216; ich dann trotz des kurzfristig wieder erwachten Verlangens genug und muss nicht zur\u00fcck in mein Raucherleben. Das bewusste Ber\u00fchren der Grenze (nicht so ganz angenehm f\u00fcr die Selbstachtung!) hat endlich zur Folge, dass der ganze Komplex seine Lockungen verliert und ich bin guter Dinge, nie wieder Raucherin zu sein. Statistiken erz\u00e4hlen diesselbe Geschichte: Je \u00d6FTER jemand ernsthaft aufh\u00f6rt, desto wahrscheinlicher ist der Erfolg.<\/p>\n<p>Mir scheint, die allgemeine Konditionierung auf &#8222;nur-denken&#8220; erschwert es, von den S\u00fcchten wegzukommen. Es fehlt ein bew\u00e4hrtes Instrumentarium, um mit der Tatsache umzugehen, dass mensch nicht allein auf mentale Kommandos hin funktioniert. Fassungslos verf\u00e4llt man der &#8222;Nikotinbestie&#8220; und verurteilt sich selbst, wird mutlos und h\u00f6rt mit allen Versuchen auf. Wegschauen und weiterrauchen (trinken&#8230; fressen&#8230;etc.) ist dann das einzige verbleibende Programm.<\/p>\n<p>Und es geht DOCH anders, welch&#8216; ein Gl\u00fcck!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer mal Gitarre oder ein anderes Instrument gelernt hat, weiss, dass es schier endloser Wiederholungen bedarf, bis ein St\u00fcck &#8222;sitzt&#8220;, bis es einfach so flutscht und man w\u00e4hrend des Spielens nicht mehr daran denken mu\u00df, wie die Finger bewegt werden m\u00fcssen. 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