{"id":2809,"date":"2019-05-05T14:24:59","date_gmt":"2019-05-05T12:24:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2809"},"modified":"2019-05-05T14:37:20","modified_gmt":"2019-05-05T12:37:20","slug":"kapitalimus-ist-geil-aber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2019\/05\/05\/kapitalimus-ist-geil-aber\/","title":{"rendered":"Kapitalimus ist geil, aber&#8230;."},"content":{"rendered":"<p>Immer wenn ich eine Packung Salatmix \u00f6ffne, bewundere ich die Leistungen des Systems, das mir diesen &#8222;Schlaraffenland-Moment&#8220; erm\u00f6glicht:<\/p>\n<ul>\n<li>Verschiedene Blattsalate in unterschiedlichen Farben und Formen, oft auch mit Mangold, Baby-Spinat und den jungen Bl\u00e4ttchen roter Beete.<\/li>\n<li>Das sieht nicht nur h\u00fcbsch aus und versorgt mich mit vielerlei Vitalstoffen, sondern ist auch noch &#8222;gewaschen und verzehrfertig&#8220;, so dass die Zubereitung eine Sache von Minuten ist.<\/li>\n<li>Die anf\u00e4nglich noch \u00fcbel riechende Schutzatmosph\u00e4re in diesen Packungen ist mittlerweile geruchlos &#8211; ein Zeichen, dass &#8222;das System&#8220; ungemein schnell auf Kritik reagieren kann, die die Freude am Produkt mindern k\u00f6nnte.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Als Single-Haushault k\u00f6nnte ich mir die Salat-Vielfalt der Packungen niemals selbst herstellen. Ich m\u00fcsste Salate in Mengen kaufen, die den Bedarf weit \u00fcberschreiten, was finanziell und abfalltechnisch unsinnig w\u00e4re. Das System beschert mir also einen Luxus, der nicht mal teuer ist &#8211; was will man mehr?<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<h2>Ist Marktwirtschaft gleich Kapitalismus?<\/h2>\n<p>Wer nun meint, das kreative Salatmix sei doch ein Produkt der Marktwirtschaft, die <a href=\"https:\/\/www.linksnet.de\/artikel\/28594\">nicht zwingend auch Kapitalismus<\/a> bedeuten m\u00fcsse, begibt sich auf den Weg politischer Spekulation (nix dagegen!), die vom Stadium der Durchsetzung und des Ausprobierens zumindest noch weit entfernt ist. Bisher hatten und haben wir Marktwirtschaft immer nur im Kapitalismus:<\/p>\n<ul>\n<li>zun\u00e4chst als soziale Marktwirtschaft im &#8222;Rheinischen Kapitalismus&#8220;<\/li>\n<li>und heute als &#8222;radikalisierten&#8220; Markt im Finanzkapitalismus, der auf dem &#8222;neoliberal&#8220; genannten Denken basiert, das seit mehr als 30 Jahren die einstigen Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft erfolgreich zerfrisst.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das Gewinnstreben geh\u00f6rt zur Marktwirtschaft, das Profitstreben (=Streben nach Kapitalrendite) zum Kapitalismus. Da Kapital zur Erzeugung von G\u00fctern zwingend gebraucht wird, wundert es nicht, dass beide Begriffe oft als Synonyme gebraucht werden, auch wenn das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marktwirtschaft#Marktwirtschaft_und_Kapitalismus\">streng genommen nicht stimmt<\/a>.<\/p>\n<h2>Wir brauchen mehr als guten Salatmix!<\/h2>\n<p>In die Theoriegeb\u00e4ude will ich jetzt aber gar nicht einsteigen, sondern die Praxis betrachten, die eben nicht nur Vielfalt in Sachen Salate beschert, sondern auch jede Menge Sch\u00e4den im Dienste des Gewinn- und Profitstrebens anrichtet:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Investiert wird da, wo die Gewinnchancen am Gr\u00f6\u00dften scheinen, nicht dort, wo es sinnvoll w\u00e4re<\/strong>: Da &#8222;entdeckt&#8220; z.B. der Milliard\u00e4rssohn <span class=\"body\" role=\"main\">Benjamin Kahn<\/span> die Rummelsburger Buch in Berlin als tollen Standort f\u00fcr sein Unternehmen &#8222;Coral World International (CWI). Trotz des vielf\u00e4ltigen Widerstands vieler Anwohner gab die BVV Lichtenberg mit den Stimmen von SPD und DIE LINKE dem Vorhaben, einen Wasserpark mit Korallenriffen zu errichten, per B-Plan gr\u00fcnes Licht. Soviel Investorengeld wiegt halt schwerer als die Infrastrukturbed\u00fcrfnisse der B\u00fcrger. Dass es in Berlin mittlerweile auch viel Unmut \u00fcber immer mehr Tourismus gibt &#8211; geschenkt! Dass es aufgrund anhaltender Trockenheit k\u00fcnftig an Wasser mangeln k\u00f6nnte &#8211; ach, wer denkt denn an sowas! In Brandenburg oder Mecklenburg w\u00e4re so eine Attraktion immerhin ein Segen &#8211; aber dahin geht der Investor nicht, weil sich das Kapital dort deutlich langsamer vermehren w\u00fcrde.<\/li>\n<li><strong>Im Kleinen findet \u00c4hnliches statt:<\/strong> da hat ein indisches Restaurant gro\u00dfen Erfolg, prompt machen im selben Stadtteil 30 weitere auf. Alsbald haben die Leute genug von den vielen &#8222;Indern&#8220; und 25 machen pleite. Ihre Restaurants \u00fcbernehmen andere (vegan, rohk\u00f6stlich, Thais..), Einrichtung und Ausstattung kommt raus, alles wird neu gemacht. Und wieder und wieder und wieder, in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden. Was f\u00fcr eine Verschwendung, w\u00e4hrend andere Bezirke leer ausgehen!<\/li>\n<li><strong>Ressourcenverschleuderung<\/strong> ist auf vielen Ebenen Kennzeichen kapitalistischer Produktion: Immer k\u00fcrzere Produktzylen mit geringerer Haltbarkeit, Abschaffung der Reparierbarkeit und die strukturell &#8222;normale&#8220; Missachtung jeglicher Nachhaltigkeit (gegen die auch das beliebte &#8222;Greenwashing&#8220; nicht hilft). Gegen ein Produkt, das am Markt Erfolg hat, stehen viele andere, die floppen, f\u00fcr die also alle eingesetzten Ressourcen umsonst waren.<\/li>\n<li><strong>Verm\u00fcllung und Verschmutzung der Umwelt hier und weltweit<\/strong> &#8211; Massentierhalter verseuchen mit \u00fcberfl\u00fcssiger G\u00fclle das Grundwasser und gef\u00e4hrden mit ihrem Antibiotika-Einsatz die Gesundheit von uns allen. Der viele M\u00fcll, der in den &#8222;entwickelten&#8220; Gesellschaften anf\u00e4llt, wird in arme L\u00e4nger exportiert und versifft dort die Landschaft. Die Meere sind voller Plastik, weil die Produzenten die Verantwortung f\u00fcr das Verpackungs- und Verbrauchsmaterial leicht auf andere abw\u00e4lzen k\u00f6nnen. In die Preisgestaltung geht das Beseitigen der Sch\u00e4den durch M\u00fcll jedenfalls nicht ein, das wird exportiert bzw. sozialisiert.<\/li>\n<li><strong>Extreme Mietpreissteigerungen gef\u00e4hrden den sozialen Frieden:<\/strong> Nicht mehr nur Geringverdiener, sondern auch durchschnittliche &#8222;Normalverdiener&#8220; k\u00f6nnen die extrem steigenden Mieten in vielen St\u00e4dten nicht mehr bezahlen. Hier sieht man gut, wie gerade das Funktionieren des Marktes (hohe Nachfrage = steigende Preise) sozial unerw\u00fcnschte Folgen zeitigt. Wenn nurmehr Reiche in den St\u00e4dten leben k\u00f6nnen, geht die Gesellschaft den Bach runter und die begr\u00fcndete Wut und Unzufriedenheit wird sich politisch auswirken &#8211; nicht immer auf allgemein w\u00fcnschenswerte Weise.<\/li>\n<li><strong>Leistung lohnt sich nicht<\/strong>,\u00a0 obwohl die Vertreter des &#8222;freien Marktes&#8220; das st\u00e4ndig behaupten. Die am meisten schuften (Lieferdienste, Pflegekr\u00e4fte, K\u00fcchenhilfen und Gastronomie-Personal) verdienen am wenigsten, immer weniger in Vollzeit sozialversicherungspflichtig Besch\u00e4ftigte k\u00f6nnen wegen zu niedriger L\u00f6hne mit einer Rente oberhalb der Grundsicherung rechnen. Warum der Lohn der Lieferanten wohl nicht steigt, obwohl die Nachfrage boomt? Auf einem funktionierenden Markt w\u00e4re das doch zu erwarten &#8211; ich nenne das also Marktversagen!<\/li>\n<li><strong>Der Privatisierungswahn macht die Gesellschaft kaputt:<\/strong> Es gibt immer weniger Orte, an denen man sich trifft, ohne (oft hohen) Eintritt zu bezahlen oder konsumieren zu m\u00fcssen. Der \u00f6ffentliche Raum schrumpft und geht ins &#8222;Hausrecht&#8220; kommerzieller Betreiber \u00fcber. Doch von den 69 Shopping Malls in Berlin stehen viele schon wieder weitgehend leer &#8211; aber was solls, es werden weiterhin neue Malls geplant, w\u00e4hrend der Bedarf an nicht durchkommerzialisierten Einrichtungen (Kitas, Schulen, Werkst\u00e4tten, Ateliers, freie Kunst &amp; Kultur) immer weniger gedeckt wird.<\/li>\n<li><strong>Verarmung:<\/strong> Das einstige Versprechen der sozialen Marktwirtschaft &#8222;Wohlstand f\u00fcr alle&#8220; ist gebrochen, heute gilt statt dessen &#8222;St\u00fctze f\u00fcr viele&#8220;, n\u00e4mlich f\u00fcr immer mehr Menschen, die Hartz4 oder Grundsicherung beantragen m\u00fcssen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wenn also in einem solchen Umfeld ein JUSO-Vorsitzender mal wieder die Systemfrage stellt, ist das &#8211; eigentlich &#8211; kein Grund zum Hyperventilieren, sondern sehr verst\u00e4ndlich. Die Frage ist doch eher: Warum erst jetzt? Nils Minkbar bringt im SPIEGEL (&#8222;<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/kritik-am-kapitalismus-das-tabu-das-kevin-kuehnert-bricht-ein-essay-von-nils-minkmar-a-1265760.html\">Das Tabu, das er bricht<\/a>&#8222;) die Dinge auf den Punkt, indem er der &#8222;entfesselten Herrschaft des Kapitals seit dem Fall der Mauer&#8220; zu Recht bescheinigt, sie sei<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;&#8230;nicht besonders kompatibel mit dem Ziel einer lebenswerten Umwelt, einem vertr\u00e4glichen Klima und schlie\u00dflich unseren eigenen Werten. Das spricht l\u00e4ngst nicht gegen einen t\u00fcchtigen Markt, der f\u00fcr viele Annehmlichkeiten sorgt und etwa auch Meinungsvielfalt garantiert, denn auch die Freiheit der Presse, auch dieser Publikation, ist Akteur und Produkt des Marktes. Aber diese sinnvolle Einrichtung ist zum Herd einer Ideologie mit fanatischen Z\u00fcgen geworden. Die Maximierung der Leistung, die Optimierung des Einzelnen und die Verherrlichung reicher Menschen sind zur modernen Ideologie geworden, die zu einer v\u00f6llig verzerrten Wahrnehmung dessen f\u00fchrt, was bei uns eigentlich los ist.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>So kann es nicht weiter gehen, bzw. es wird ganz FURCHTBAR, wenn es so weiter geht. Und jene, die schon das Nachdenken \u00fcber Alternativen mit einem Shitstorm begr\u00fc\u00dfen, z\u00e4hlen zu jenen 1 bis 10%, die derzeit Kasse machen zu Lasten der vielen, die kaum mehr \u00fcber die Runden kommen. Oder stehen zumindest in ihren Diensten bei gesicherten, gut dotierten Einkommen, vertreten also trotz aller Kollaeralsch\u00e4den den Schutz von Kapital und Eigentum, um ihre Stellungen nicht zu verlieren.<\/p>\n<p>Also ja, Kapitalismus ist geil, ABER auch sehr sehr sch\u00e4dlich. Wie man ihn neu eingrenzt, muss diskutiert und dann umgesetzt werden. Und zwar eher z\u00fcgig als auf die lange Bank geschoben.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wenn ich eine Packung Salatmix \u00f6ffne, bewundere ich die Leistungen des Systems, das mir diesen &#8222;Schlaraffenland-Moment&#8220; erm\u00f6glicht: Verschiedene Blattsalate in unterschiedlichen Farben und Formen, oft auch mit Mangold, Baby-Spinat und den jungen Bl\u00e4ttchen roter Beete. 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