{"id":2803,"date":"2019-04-24T10:29:23","date_gmt":"2019-04-24T08:29:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2803"},"modified":"2019-04-24T11:27:07","modified_gmt":"2019-04-24T09:27:07","slug":"entscheidungsfindung-in-projektgruppen-sind-hierarchien-patriarchalisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2019\/04\/24\/entscheidungsfindung-in-projektgruppen-sind-hierarchien-patriarchalisch\/","title":{"rendered":"Entscheidungsfindung in Projektgruppen: Sind Hierarchien patriarchalisch?"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem differenzfeministischen Blog &#8222;Beziehungsweise weiter denken&#8220; fasst Lisa Schmuckli im Artikel  <a href=\"http:\/\/www.bzw-weiterdenken.de\/2019\/04\/eine-politik-aus-der-fuelle-der-geschlechterdifferenz\/\">Eine Politik aus der F\u00fclle der Geschlechterdifferenz<\/a> zun\u00e4chst die Ans\u00e4tze des Differenzfeminismus zusammen. Lest selbst, es ist bereits eine sehr komprimierte Darstellung, die ich hier nicht zur G\u00e4nze wiedergeben kann! Im wesentlichen sind es zwei grundlegende Erfahrungen, auf denen dieses Denken basiert: <!--more--><\/p>\n<ol>\n<li>Dass sich einerseits jedes Individuum mit der Erfahrung konfrontiert sieht, nur zu einem Geschlecht zu geh\u00f6ren &#8211; also &#8222;unvollst\u00e4ndig&#8220; zu sein und sich nicht selbst zu gen\u00fcgen.<\/li>\n<li>Und dass zweitens die Welt, in die wir hinein geboren werden, bereits etablierte Strukturen, Regeln und Vorstellungen aufweist, wie Frauen zu sein haben und welcher soziale Platz ihnen gesellschaftlich vorbehalten ist.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Beides gilt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr M\u00e4nner, doch bezieht sich der Differenzfeminismus explizit auf Frauen:<\/p>\n<blockquote><p>Das italienische Philosophinnen-Kollektiv Diotima entwarf vor drei\u00dfig Jahren \u2013 aufgrund der faktischen Misserfolge der Gleichstellungspolitik \u2013 einen eigenst\u00e4ndigen Differenz-Feminismus, basierend auf der Geschlechterdifferenz. Sie stellten lakonisch fest, dass \u201edie Politik der Frauen nicht zum Ziel [hat], die Gesellschaft zu verbessern, sondern die Frauen zu befreien und ihnen freie Entscheidungen zu erm\u00f6glichen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<h2>Die praktische Umsetzung und die M\u00fchen der Ebene<\/h2>\n<p>Unter der \u00dcberschrift &#8222;Der Welt zugewandt: politische Praxis&#8220; geht es dann um grunds\u00e4tzlich andere Herangehensweisen, die sich Differenzfeministinnen auf die Fahne geschrieben haben. Die vorhandenen Strukturen verstehen sie offenbar als rein patriarchalisch begr\u00fcndet. Sie seien aus der Geschlechterdifferenz abgeleitet, aber grundlegend, wenn auch m\u00fchselig, ver\u00e4nderbar. Wie es anders gehen kann, erl\u00e4utert Lisa zun\u00e4chst abstrakt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Das andere Politikverst\u00e4ndnis, das sich vom Denken der Geschlechterdifferenz affizieren l\u00e4sst und sich als Engagement f\u00fcr das gute Zusammenleben aller versteht, hat mindestens noch drei weitere Ingredienzien: das Begehren einer Frau, die sich im Wissen um Differenzen anderen Frauen anvertraut; gegenseitige Autorisierungen unter Frauen; und ein gemeinsames Intervenieren. Intervenieren hier verstanden als ein Dazwischen-Kommen: Wir funken den politisch konventionellen Abl\u00e4ufen und Machenschaften dazwischen, so dass sich politische Priorit\u00e4ten und Themen verschieben.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Anhand einer eigenen Erfahrung in der Zusammenarbeit mit zwei anderen, ebenfalls differenzfeministisch inspirierten Frauen berichtet sie dann von der konkreten Umsetzung. Die inhaltliche Projektidee war, verlassene Kl\u00f6ster vor der kapitalistischen Verwertung zu retten und f\u00fcr soziale Nutzungen (Frauen, Fl\u00fcchtlinge, Bed\u00fcrftige) zu erhalten &#8211; ein tolles Vorhaben!<\/p>\n<p>Alles l\u00e4uft auch zun\u00e4chst gut an, sie diskutieren die Hintergr\u00fcnde ihres pers\u00f6nlichen Engagements, es findet ein Wissenstransfer statt in gegenseitige Anerkennung und es stellt sich &#8222;eine quirlige, lebendige, fiebrige Stimmung des Aufbruchs&#8220; ein, die in konkrete Arbeit transformiert wird. Aufgaben werden verteilt und nach einigen Wochen treffen sich die Frauen wieder, um alles zusammen zu tragen und das weitere Vorgehen auszuhandeln.<\/p>\n<p>Dann aber bricht die anf\u00e4ngliche Harmonie zusammen:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Es gab vorab einen Streit zu kl\u00e4ren, bei dem sich die Initiatorin und die j\u00fcngere Kollegin gegenseitig missverstanden f\u00fchlten. Im Verlaufe des harzigen, fragilen Gespr\u00e4chs mit vielen Gefahren von Verletzt-Werden entdeckten wir, dass der Kern dieses Streits \u2013 aus unserer nachtr\u00e4glichen Sicht \u2013 ein \u201atypisch weiblicher\u2018 Perfektionsanspruch war: die gemeinsame Kampagne sollte tadellos sein und die Macherinnen als Profis auszeichnen. Wir erkannten, dass die Beurteilung der Kampagne nicht mehr in der eigenen (durchaus kritischen) Einsch\u00e4tzung und Bewertung lag, sondern an die Fremdwahrnehmung und Aussenkritik delegiert worden ist. Die Kl\u00e4rung hat die Verbindung zwar verst\u00e4rkt, zugleich aber auch Energie gekostet.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Lisa bewertet das so:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Nachtr\u00e4glich l\u00e4sst sich folgendes erkennen: Ein Streit ist unmittelbarer Ausdruck von gelebten Differenzen zwischen den subjektiven Frauen, die auseinanderdriften und zugleich hierarchisiert werden. Und im Streit neigt frau* zur Verharmlosung, um die Harmonie des \u201eWir-Frauen\u201c auf Kosten der eigenen Autorit\u00e4t wieder herzustellen. Indem wir den Streit aufgegriffen und hartn\u00e4ckig nach dem Streitpunkt fragten, hielten wir die Unterschiede aufrecht, ohne die Beziehung zu unterbrechen, und wollten wir verstehen, was schmerzhaft trennte, so dass wir den (erwartenden, nagenden) Abbruch (des Teile-und-Herrsche) nicht ausagieren mussten.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Es wundert nicht, dass so ein Streit erstmal grunds\u00e4tzlich zweifeln l\u00e4sst, ob frau sich im richtigen Projekt befindet. Lisa fragt sich, warum sie hier Zeit und Energie investieren soll, doch gelingt es ihr, die Dinge f\u00fcr sich ins Positive zu wenden:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Mir fiel nachtr\u00e4glich auf, dass genau dieser destruktive Selbstzweifel eine Art \u201epatriarchal gef\u00e4rbter Bumerang\u201c war (bzw. ist): Ich konnte mir diese Frage inhaltlich nicht befriedigend beantworten; mich trieb die Frage eher in eine Wut, in Resignation, auch in eine Kraftlosigkeit. Ich erkl\u00e4rte mir Wut und Resignation vor meinem subjektiven Hintergrund \u2013 und die Falle bestand darin, dass ich mich auf mich zur\u00fcckzog und damit meine Beziehung zur Initiatorin und zur Kollegin, unser interne Verbindlichkeit und das politische Engagement aus den Augen verlor. Der Grund, warum ich hier sein wollte, waren zum einen die politische Idee, reale H\u00e4user und deren G\u00e4rten dem Kapitalismus zu entziehen, und zum andern die Beziehung zu beiden Frauen. Und wenn der Wunsch der Initiatorin notwendig ist, muss ich nicht alles inhaltlich und politisch unmittelbar verstehen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Und weiter:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Das gemeinsame politische Begehren nach gutem Zusammenleben ist mir Garant genug (geworden). Nachtr\u00e4glich wurde mir zudem bewusst, dass in diesem Moment die sexuelle Differenz in mir wirksam geworden ist: Einerseits wollte ich mich dieser politischen Idee und diesen Frauen zugeh\u00f6rig f\u00fchlen und weiterhin die kr\u00e4ftigen, gegenseitige Autorisierungen mittragen und die daraus wachsende Anerkennung auch zu mir nehmen; anderseits wollte ich mich weniger aufreiben und verausgaben, wollte ich zu den alten (patriarchalen Projektmanagement-)Formen zur\u00fcck, mich auch f\u00fcr einen bequemeren klassischen Erfolg opfern. Dieser Riss drohte mich zu zerreiben und mich auf die gewohnte Seite zu ziehen. Ich erneuerte meinen inneren Zuspruch zum gemeinsamen Fare Diotima.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich entnehme daraus, dass es um die Frage der Entscheidungsfindung ging: Muss jede mit allem einverstanden sein? &#8222;Weniger aufreiben und verausgaben&#8220; bedeutet letztlich: weniger diskutieren und im Zweifel eine autorisierte Person entscheiden lassen &#8211; also eine Hierarchie einf\u00fchren, explizit oder informell, nicht zwangsl\u00e4ufig f\u00fcr alle Entscheidungen, aber f\u00fcr einige.<\/p>\n<p>Mich hat das zu einem l\u00e4ngeren Kommentar inspiriert, denn mir leuchtet nicht ein, dass ein Projektmanagement mit hierarchischen Entscheidungsstrukturen per se &#8222;patriarchal&#8220; sein soll. Ganz im Gegenteil spricht der Bericht daf\u00fcr, dass es gute Gr\u00fcnde gibt, gelegentlich solche Strukturen zu etablieren.<\/p>\n<h2>Mein Kommentar: Die Welt wartet nicht auf uns<\/h2>\n<p>Ich habe dergleichen nicht selten in gemischten Teams erlebt \u2013 es ist sozusagen \u201edas Normale\u201c und ich kann diese Art Differenz nicht in Bezug zum Geschlecht setzen.<\/p>\n<p>Projekte machen, die erfolgreich sind, bedeutet immer, auf eine oder andere Art auf Methoden klassischen Campaignings zu setzen. Dass es dazu dann unterschiedliche Meinungen gibt, wundert nicht, muss aber irgendwie entschieden werden.<\/p>\n<p>Man hat dann die Wahl:<\/p>\n<ol>\n<li>Man diskutiert so lange, bis eine L\u00f6sung auf dem Tisch liegt, die allen gleicherma\u00dfen gef\u00e4llt (Konsensprinzip)<\/li>\n<li>Es wird so lange diskutiert, bis alle Widerst\u00e4nde minimiert sind und alle \u201emit der L\u00f6sung gut leben k\u00f6nnen\u201c (eine abgeschw\u00e4chte Form des Konsensprinzips, das derzeit in linken Gruppen mit basisdemokratischem Selbstverst\u00e4ndnis gern genommen wird)<\/li>\n<li>oder man etabliert eine Hierarchie, die im besten Fall der Person mit der meisten Kompetenz und Erfahrung die \u201eletzte Entscheidungsmacht\u201c zuordnet.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Version 3 ergibt sich oft informell, wenn eine Kampagne Fahrt aufgenommen hat und Entscheidungen schneller getroffen werden m\u00fcssen als es das oft langwierige Verfahren (1) oder (2) erm\u00f6glicht. Dann sehen alle schnell ein, dass die \u201egelebte Utopie\u201c auch mal hinter der Erfolgserwartung zur\u00fcck stehen muss. <em>(Ich erg\u00e4nze nachtr\u00e4glich: oder auch nicht und endloser Streit bricht aus, Leute springen ab&#8230;).<\/em><\/p>\n<p>Ein weiterer Grund f\u00fcr die Neigung zur etablierten oder informellen Hierarchie ist die \u00dcberlastung, der Zeitbedarf, das Gef\u00fchl \u201esich aufzureiben\u201c in endlos scheinenden Diskussionsprozessen. Meist geht es ja bei Projekten um etwas Neues, das die Mitwirkenden NEBEN ihrem normalen Alltag leisten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Alles in allem: im hierarchischen Modell sehe ich nicht \u201edas Patriarchat\u201c, sondern sachliche Gr\u00fcnde, die daf\u00fcr sprechen \u2013 egal zu welchem Geschlecht die Teilnehmenden geh\u00f6ren. Ebenso gute Gr\u00fcnde gibt es f\u00fcr die Methoden 1 und 2, die ausf\u00fchrlichere und \u2013 bei Gelingen! \u2013 befriedigendere Gruppenerlebnisse mit sich bringen.<\/p>\n<p>Der angesprochene Perfektionismus findet sich bei allen Geschlechtern \u2013 und ebenso gibt es Andere, die die Dinge \u201egem\u00fctlicher\u201c angehen wollen. Denen die Selbstverwirklichung im \u201eHier &amp; Jetzt\u201c des Projekte-Machens wichtiger ist als der m\u00f6glichst z\u00fcgige bzw. gro\u00dfe Erfolg des Projekts.<\/p>\n<p>In diesem Spannungsfeld bewegt sich jede Projektgruppe. Wie sie sich letztlich organisiert und Entscheidungen handhaben wird, h\u00e4ngt davon ab, wie viele Perfektionist\/innen wie vielen \u201eGem\u00fctlicheren\u201c gegen\u00fcber stehen. Und auch davon, ob es den Aktiven gelingt, unterschiedlich intensive Formen des Engagements abseits vom \u201ealle entscheiden alles gemeinsam\u201c zu etablieren, so dass alle zufrieden sind.<\/p>\n<p>***<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem differenzfeministischen Blog &#8222;Beziehungsweise weiter denken&#8220; fasst Lisa Schmuckli im Artikel Eine Politik aus der F\u00fclle der Geschlechterdifferenz zun\u00e4chst die Ans\u00e4tze des Differenzfeminismus zusammen. Lest selbst, es ist bereits eine sehr komprimierte Darstellung, die ich hier nicht zur G\u00e4nze wiedergeben kann! 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