{"id":2758,"date":"2002-01-09T14:59:54","date_gmt":"2002-01-09T13:59:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2758"},"modified":"2019-01-20T15:01:35","modified_gmt":"2019-01-20T14:01:35","slug":"kampfzone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/01\/09\/kampfzone\/","title":{"rendered":"Kampfzone"},"content":{"rendered":"<p>Gestern abend lief ein Fernsehfilm auf 3SAT, &#8222;Schlafende Hunde&#8220;, der gut und gern als Illustration zum Roman &#8222;Ausweitung der Kampfzone&#8220; von Houellebecq gesehen werden k\u00f6nnte. Ein Konzern plant in einer kleinen Stadt ein riesiges Shopping-Mall-Projekt mit Gastronomie, Wellnesslandschaft und Hotelerie, Gesamtvolumen 140 Millionen. Schauplatz des Films ist die B\u00fcroszene des Projekttr\u00e4gers: Wichtige M\u00e4nner, die laufend Besprechungen haben, viel telefonieren, jede Menge Bestechungsgelder in Geldkoffern hin und herreichen, umgeben von schick gestylten Frauen, die f\u00fcr H\u00e4ppchen und Getr\u00e4nke sorgen und niedere Organisationsarbeiten erledigen. Jeder k\u00e4mpft f\u00fcr sich allein, wittert im Anderen den immer zum Tiefschlag bereiten Gegner. Verbissen s\u00e4gen sie gegenseitig an ihren St\u00fchlen und tricksen sich aus, wobei immer der GANZE Mensch gefordert ist, alle Beziehungen, einschlie\u00dflich der sexuellen, stehen ganz im Dienst der Intrigen und Karrieren, Freizeit ist fast ganz verschwunden.<!--more--><\/p>\n<p>Hauptfigur des Films ist eine Buchhalterin, der einzig &#8222;gute Mensch&#8220; in diesem Affentheater: Unscheinbar, arglos, alles andere als schlagfertig, immer bereit, sich mit Arbeit zusch\u00fctten zu lassen, die f\u00fcr andere zu popelig oder langweilig ist. Ihren Mann, ein wichtiger Aufsteiger in derselben Firma, bekommt sie au\u00dferhalb des B\u00fcros kaum mehr zu Gesicht. Abend f\u00fcr Abend sitzt sie allein vor dem Fernseher, bis sie in einer Beziehungsberatungssendung den Tipp mitbekommt, ein bisschen Eifersucht sei doch gar nicht schlecht, um eingeschlafene Ehen zu beleben. Noch in derselben Nacht gesteht sie ihrem todm\u00fcden und gespr\u00e4chsunwilligen Mann ein Verh\u00e4ltnis, in der Hoffnung, damit mal wieder auf sich aufmerksam zu machen. Doch der ist einfach nur erleichtert, berichtet ihr von seiner aktuellen Aff\u00e4re mit ihrer nettesten Kollegin, packt seine Koffer und zieht ins G\u00e4steappartement der Firma, eine wunderbar sturmfreie Bude. Wenige Tage sp\u00e4ter wird ihr dann auch noch beil\u00e4ufig er\u00f6ffnet, dass man sie zu einer Tochterfirma versetzen will &#8211; so w\u00e4re sie auch im B\u00fcro ihrem umtriebigen Mann aus dem Weg.<\/p>\n<p>Jetzt ver\u00e4ndert sich die unauff\u00e4llige Buchhalterin, stylt sich auf verf\u00fchrerisch und steigt ein in den Kampf aller gegen alle. Sie intrigiert weit erfolgreicher als ihre Umgebung, denn von ihr erwartet niemand etwas B\u00f6ses, bezahlt sogar einen Callboy, der ihre Kollegin bezirzt und ihrem Mann entfremdet. Schlie\u00dflich kassiert sie vom h\u00f6chsten Chef mehrere Millionen Schweigegeld, indem sie ihm mit der Aufdeckung aller Bestechungsaktivit\u00e4ten und mit der Presse droht.<\/p>\n<p>&#8222;Verlieren Sie nicht die Hoffnung&#8220;, sagt sie gegen Filmende zu einem erstaunten Mitarbeiter, &#8222;es gibt noch gute Menschen! Nur geh\u00f6re ich jetzt nicht mehr dazu&#8220;.<\/p>\n<p>Der Film bleibt stimmungsm\u00e4\u00dfig ambivalent, einerseits lustige Kom\u00f6die, andrerseits abgr\u00fcndiger Zynismus, nichts Vers\u00f6hnliches, menschliche Gef\u00fchle sind allenfalls ein Karrierehindernis. Alles ist Kampfzone und man fragt sich: WOF\u00dcR verformen sich diese Menschen so? Was ist die Belohnung? Nicht einmal die gewonnenen Millionen verm\u00f6gen am Ende, die m\u00fcden Augen des mittlerweile gek\u00fcndigten Ehemannes noch zum Leuchten zu bringen, als seine Frau ihm vorschl\u00e4gt, jetzt gemeinsam um die Welt zu reisen und das Leben zu genie\u00dfen. Es gibt offenbar keine Belohnung f\u00fcr den ganzen Krampf, sondern nur die Chance, weiter dabei bleiben zu d\u00fcrfen. Das n\u00e4chste Projekt, die n\u00e4chsten Intrigen, der n\u00e4chste Karrieresprung, bis es einen doch erwischt. Und diese rundum wahnsinnige Lebensweise wird als vorbildlich hingestellt, immer mehr B\u00fcrobauten aus Stahl und Glas wachsen in den Himmel, Werbespots zelebrieren das Hohelied hohler Gro\u00dfkotzigkeit &#8211; der Fortschritt, der Weltmarkt, der Produktionsdruck, die Konkurrenzsituation? Was treibt uns da vor sich her? Wohin? Warum?<\/p>\n<p>Wie bin ich doch froh, nicht so richtig &#8222;drin&#8220; zu sein! Und auch nicht mehr zwanzig oder dreissig, um noch davon zu tr\u00e4umen. <\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern abend lief ein Fernsehfilm auf 3SAT, &#8222;Schlafende Hunde&#8220;, der gut und gern als Illustration zum Roman &#8222;Ausweitung der Kampfzone&#8220; von Houellebecq gesehen werden k\u00f6nnte. Ein Konzern plant in einer kleinen Stadt ein riesiges Shopping-Mall-Projekt mit Gastronomie, Wellnesslandschaft und Hotelerie, Gesamtvolumen 140 Millionen. 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