{"id":2756,"date":"2002-01-18T14:56:26","date_gmt":"2002-01-18T13:56:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2756"},"modified":"2019-01-20T14:57:58","modified_gmt":"2019-01-20T13:57:58","slug":"traum-tunnel-tietze-syndrom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/01\/18\/traum-tunnel-tietze-syndrom\/","title":{"rendered":"Traum, Tunnel, Tietze-Syndrom"},"content":{"rendered":"<p>Es ist halb vier. Die Ziffern der Uhr leuchten h\u00e4misch her\u00fcber, ich kann nicht schlafen. Flie\u00dfe hin und her zwischen Wachen und D\u00f6sen, nicht auf der linken noch auf der rechten Seite halte ich es lange aus, auf dem R\u00fccken schon gar nicht. Nein, ich rege mich nicht auf, wirklich nicht, das n\u00fctzt nichts sondern macht es nur schlimmer. Das Jucken an der Rippe unter der linken Brust, das mich seit Jahren begleitet, nervig, aber nicht wirklich be\u00e4ngstigend, h\u00e4lt mich wach. &#8222;Tietze-Syndrom &#8211; m\u00f6glicherweise&#8220;, sagte mal ein Arzt vor ein paar Jahren, &#8222;leider nicht erforscht, ich kann Ihnen nur eine Cortison-Depotspritze anbieten. Das ist gar nicht so schlimm, wie man meint&#8220;. Hab&#8216; ich abgelehnt, damals, wie kann er mir nur sowas anbieten, wenn er gar nicht wei\u00df, was ich habe? Keine Arztbesuche mehr seither, ein paar Recherchen im Netz auf eigene Faust, ohne Ergebnis.<!--more--><\/p>\n<p>Heute Nacht w\u00fcrde ich die Spritze nehmen, keine Frage. Gottlob hab&#8216; ich morgen keinen festen Termin, k\u00f6nnte ausschlafen solange ich will. Aber ich mag den &#8222;Sp\u00e4trhythmus&#8220; nicht mehr: gegen Mittag aufstehen, weit nach Mitternacht einschlafen. Bis Mitte drei\u00dfig hat das einen herrlichen Protestgeschmack. &#8222;Ich bin eben ein Nachtmensch&#8220;, sagt man stolz und f\u00fchlt sich besser als alle, die zwischen 7 und 10 ein B\u00fcro ansteuern m\u00fcssen. Heute liebe ich das Gegenteil, morgens um f\u00fcnf oder sechs ist eine tolle Zeit, so ruhig und klar, vielleicht, weil die versammelten Psychen der Menschen die Welt noch nicht durchwabern wie dicker dunkler Nebel.<\/p>\n<p>Nebel, Rauch, ich wandere durch Gestr\u00fcpp, am Horizont lodern Flammen. Keine Ahnung, wo es hingeht und warum ich hier bin, aber es ist spannend. Ist vielleicht gerade Weltuntergang? Es f\u00fchlt sich nicht so an, bei Weltuntergang m\u00fcsste man doch Angst haben. Ich frage nicht, gehe weiter, durchquere buschbestandene Vorg\u00e4rten von Einfamilienh\u00e4usern, steige \u00fcber niedrige Z\u00e4une. In einem Hof treffe ich zwei M\u00e4nner in grauen Anz\u00fcgen. Es gibt etwas sehr Wichtiges, das uns verbindet, bald schon wird etwas geschehen, aber wir m\u00fcssen warten &#8211; auf was? Wir rauchen Haschisch &#8211; mein Gott, das passt gar nicht zu den Anz\u00fcgen, aber Tr\u00e4ume halten sich halt nicht an meine Vorstellungen von Normalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Bildwechsel, ich sitze plaudernd neben einem alten Freund, mit dem ich mal viel zu tun hatte, lange ist&#8217;s her. Auf einmal wirft er einen feinen Schleier \u00fcber mich, der mich vom &#8222;Au\u00dfen&#8220; trennt. Nur noch verschwommen sehe ich die Umgebung und verliere blitzschnell jedes Interesse am Leben &#8222;da drau\u00dfen&#8220;. Es ist wie eine Befreiung, nicht mehr dorthin zu streben, ich h\u00f6re seine fl\u00fcsternde Stimme: &#8222;Genau!&#8220; Trotzdem will ich weg von ihm, bin ver\u00e4rgert, dass er mich hier einschlie\u00dfen will und fliehe nach innen. Die Wahrnehmungen verschwimmen zu bewegter Schw\u00e4rze, ich verliere mein K\u00f6rpergef\u00fchl und falle in einen Tunnel, der mich fort rei\u00dft. Fort von allen menschlichen Empfindungen, es ist wunderbar und schrecklich zugleich. Ich kenne diesen Tunnel, schon ein paar mal bin ich da eingetaucht und immer schnell wieder umgekehrt. Auch jetzt sage ich &#8222;Stopp!&#8220; &#8211; und finde mich im Bett, es ist kurz vor vier, mu\u00df mich wieder umdrehen, dringend.<\/p>\n<p>Vielleicht h\u00e4tte ich doch den Tunnel nehmen sollen? Das Gef\u00fchl, das mich im Griff hat, wenn ich in den nach au\u00dfenOrkus falle, ist unvergleichlich. Als w\u00fcrde sich jede einzelne Zelle von innen nach au\u00dfen st\u00fclpen, alle Schwere und Langeweile f\u00e4llt ab, eine schier unbeschreibliche Ekstase beginnt, mich zu verschlingen. Nirgends ein Halt, nicht f\u00fcr Gedanken, nicht f\u00fcr H\u00e4nde &#8211; und dann schrecke ich zur\u00fcck. Schade eigentlich, aber mit dem Willen kann ich es nicht \u00e4ndern.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist halb vier. Die Ziffern der Uhr leuchten h\u00e4misch her\u00fcber, ich kann nicht schlafen. Flie\u00dfe hin und her zwischen Wachen und D\u00f6sen, nicht auf der linken noch auf der rechten Seite halte ich es lange aus, auf dem R\u00fccken schon gar nicht. 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