{"id":2754,"date":"2002-01-21T14:51:56","date_gmt":"2002-01-21T13:51:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2754"},"modified":"2019-01-20T14:54:18","modified_gmt":"2019-01-20T13:54:18","slug":"intelligenz-im-tv-ein-comeback-mit-stoiber-und-sloterdijk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/01\/21\/intelligenz-im-tv-ein-comeback-mit-stoiber-und-sloterdijk\/","title":{"rendered":"Intelligenz im TV: Ein Comeback mit Stoiber und Sloterdijk"},"content":{"rendered":"<p>Fernsehen ist meistens deprimierend. Wenn ich mal zu tr\u00e4ge bin, gleich nach dem Tatort-Krimi abzuschalten oder es gar am fr\u00fchen Abend wage, durch die Kan\u00e4le zu zappen, verdirbt mir die beil\u00e4ufige Menschenverachtung der Programm-Macher punktgenau die Laune. Nichts gegen Spa\u00df und Unterhaltung, ich lache gern, wenn es was zu lachen gibt. Dass aber fast alles wegzensiert wird, was auch nur von Ferne zum Nachdenken und Mitdenken anregt, weil es f\u00fcr den Zuschauer vorgeblich zu m\u00fchsam w\u00e4re, macht das Medium zum schier unertr\u00e4glichen Nullmedium. Das m\u00e4chtigste Kommunikationsmittel des 20sten Jahrhunderts ist zum einflussreichen Kasperltheater geworden, multipliziert primitivste Gef\u00fchle, verkleistert das Hirn mit katastrophischen Info-Bits und scheut komplexe Sachverhalte wie der Teufel das Weihwasser. Ich sollte es einfach ignorieren, sag ich mir immer wieder, aber mich nervt die Spiegelfunktion der ganzen Veranstaltung: Weil IHR, die Zuschauer, nun mal solche Idioten seid, die kein anderes Programm sehen m\u00f6gen, M\u00dcSSEN wir all diesen Fun&amp;Crime-Schrott fabrizieren, selber schuld!<!--more--><\/p>\n<p>M\u00fcssen sie? Gestern mussten sie mal nicht und ich war schwer begeistert. Erst gab&#8217;s den Stoiber, ALLEIN im Gespr\u00e4ch mit Frau Christiansen. Also nicht wie sonst eine Talkrunde, die sich in Kindergartenmanier gegenseitig \u00fcberschreit und uns vorf\u00fchrt, dass die Spitzen unserer Gesellschaft nur Worth\u00fclsenautomaten sind, einander das Immergleiche bereitwillig um die Ohren hauend, auf dass der Unversch\u00e4mtere gewinne. Nein, der Kandidat wurde einzeln vernommen und Stoiber nutzte die Gelegenheit weidlich, inhaltlich zu werden und den &#8222;Kanzlerdarsteller&#8220; Schr\u00f6der das F\u00fcrchten zu lehren.<\/p>\n<p>Ich mochte Stoiber noch nie, aber wie er in diesem Gespr\u00e4ch die \u00fcblichen staatsm\u00e4nnisch-gelassen- Null-Floskeln des amtierenden Kanzlers hat blass aussehen lassen, das war schon beeindruckend! Man kann sich nur freuen auf den Wahlkampf, der &#8211; wenn es so weiter geht -etwas bieten wird, was wir schon gar nicht mehr kennen: Argumente, Fakten, echte Auseinandersetzungen \u00fcber Ziele und Methoden anstatt blo\u00dfer Werbespr\u00fcche a la &#8222;Auf den Kanzler kommt es an&#8220;. Stoiber startet mit einer Intelligenz-Offensive, gesteht dem Zuschauer Denkf\u00e4higkeit und Informiertheit zu, ersch\u00f6pft sich keinesfalls in blo\u00dfen Schuldzuweisungen oder platten Verteidigungsreden, sondern nimmt inhaltlich Stellung zu den hei\u00dfen Themen.<\/p>\n<p>K\u00f6stlich, wie er Schr\u00f6der und die SPD links \u00fcberholt! Ich vermute, er bereitet den Genossen schon jetzt schlaflose N\u00e4chte, zum Beispiel mit dem (berechtigten) Vorwurf, die schr\u00f6der&#8217;sche Steuerreform habe allein die Interessen der Gro\u00dfkonzerne bedient, wogegen es kleine und mittlere Unternehmen unter der Last der Steuern und der B\u00fcrokratie immer schwerer haben. Das Argument ist nat\u00fcrlich nicht neu, nur hatte es bisher keine Durchschlagskraft, weil es niemanden gab, dem man zugetraut h\u00e4tte, das zu ver\u00e4ndern. Etwas anderes tun als den Gro\u00dfkonzernen dienen &#8211; geht das \u00fcberhaupt noch, wenn nicht mal Rot-Gr\u00fcn es ernsthaft versucht? Stoiber schafft es zumindest, den Gedanken wieder aufkommen zu lassen. Nebenbei hat er es locker fertig gebracht, den Vorwurf des allzu Pro-Bayrischen verblassen zu lassen oder ihn einfach (z.B. wg. Zuwanderungsdebatte) rechts-au\u00dfen abzustellen, einer echten Auseinandersetzung unw\u00fcrdig. Auf die Reaktionen bin ich gespannt.<\/p>\n<h2>Keine Panik! &#8211; ein Quartett \u00fcber die Angst<\/h2>\n<p>Trickreich auf Christiansen-Publikum spekulierend, schloss sich im ZDF die Erstsendung des philosophischen Quartetts direkt an: Sloterdijk und Safranski mit Reinhold Messner und Pfarrer Schorlemmer als G\u00e4sten. Entgegen meinen Bef\u00fcrchtungen erwies sich Sloterdijk als durchaus moderationstauglich &#8211; was aber kaum gefordert war, denn die vier hatten keine Probleme damit, wirklich miteinander und nicht gegeneinander zu sprechen. Die Diskussion verlief im besten Sinne geistreich: noch MEHR an intellektuell-akademischem Niveau h\u00e4tte in die Unverst\u00e4ndlichkeit (und damit Irrelevanz) philosophischen Jargons gef\u00fchrt. Man blieb gl\u00fccklicherweise unterhalb dieser Kante.<\/p>\n<p>&#8222;Angst&#8220; wurde von vielen Seiten beleuchtet, wobei Messner f\u00fcr die unspr\u00fcnglich-kreat\u00fcrliche Angst angesichts des Unkontrollierbaren, des unbekannten ganz Anderen stand. Unterhalb des Denkens angesiedelt, ist diese Art Angst in unseren &#8222;\u00fcberversicherten&#8220; Gesellschaften praktisch vollst\u00e4ndig zugunsten &#8222;sozialer \u00c4ngste&#8220; verdr\u00e4ngt. Kick-s\u00fcchtige Bungee-Springer suchen sie, jedoch nur &#8222;als ob&#8220;, weil das Sterben bei ihrem Tun nicht wirklich als reale M\u00f6glichkeit erscheint. Messner dagegen sucht nicht eigentlich die Angst, sondern eben das &#8222;ganz Andere&#8220;, das Unversicherbare, das ohne Begegnung mit der Angst nicht zu erleben ist. &#8222;Alpines Yoga&#8220;, wie Sloterdijk es treffend nannte.<\/p>\n<p>Verglichen mit den &#8222;restlichen&#8220; 80 Prozent der Menschheit leisten wir uns einen ma\u00dflosen \u00dcberkonsum an Sicherheit, darin war sich die Runde einig. Sch\u00f6n zu h\u00f6ren, wie sich dieser Gedanke zur profunden Kritik an den USA verdichtete, die mittlerweile die ganze Welt als Zuliefergebiet amerikanischer Sicherheitsinteressen betrachten und &#8222;behandeln&#8220;. Warum? Aus Angst nat\u00fcrlich, wie dereinst auch die R\u00f6mer ein Weltreich errichteten, weil sie vor den wilden V\u00f6lkern rund um sich her gewaltig ins Zittern gerieten! Paradoxerweise nimmt nun in \u00fcberversicherten Gesellschaften die Angst nicht ab, sondern zu: Je mehr \u00fcber Sicherheit geredet wird, desto alarmierter und \u00e4ngstlicher werden die Menschen. An dieser Stelle des Gespr\u00e4chs konnte denen, die vorher aufmerksam Stoiber zugeh\u00f6rt hatten, der Kanzlerkandidat als Drogendealer auffallen, der dem s\u00fcchtigen Volk die n\u00e4chste Dosis &#8222;innere Sicherheit&#8220; in Aussicht stellt &#8211; genial!<\/p>\n<p>Auch die Medien bekamen ihr Fett weg: sind sie es doch, die die Gesellschaft mit jedwedem Thema unterschiedslos in hochgradige Alarmzust\u00e4nde versetzen, auf dass alles noch vorhandene Beurteilungsverm\u00f6gen zunichte werde. Man denke nur an die Hysterie angesichts der Maul- und Klauenseuche, die die Republik in Angst und Schrecken versetzte, bevor mit dem 11.September eine ganz andere Dimension realer Bedrohung ins Bewusstsein trat!<\/p>\n<p>Sinn und Bedeutung der Angst f\u00fcr das Mensch-Sein versuchte Sloterdijk anhand der Auseinandersetzung zweier gro\u00dfer Philosophen ins Gespr\u00e4ch zu bringen: Der Mensch als M\u00e4ngelwesen braucht die warme sch\u00fctzende Glocke der Kultur, um \u00fcberhaupt Mensch sein zu k\u00f6nnen &#8211; so dachte Ernst Cassierer, dem aber vom jungen Heidegger entgegen gehalten wurde, dass erst das Durchleben (und \u00dcberwinden!) der echten kreat\u00fcrlichen Angst den Menschen zum Menschen mache. Dank Messner behielt die heidegger&#8217;sche Position das \u00dcbergewicht, wurde allenfalls noch durch allerlei Synapsenwissen untermauert: erst in der Enge und scheinbaren Ausweglosigkeit einer extremen Angstsituation beginnt das Gehirn, neue Schaltungen auszuprobieren und eingefahrene Wege zu verlassen. Eine sch\u00f6ne Beruhigungsstrategie in unsicheren Zeiten: Wenn ich Angst empfinde, kann ich mich jetzt erinnern, dass meine Gro\u00dfhirnrinde kreativ wird und ich gerade alles tue, um meinen Evolutionsvorsprung als Mensch zu behaupten, das ist doch was!<\/p>\n<p>F\u00fcr die Frage, ob vielleicht die Religion in Sachen Angst noch oder gerade wieder etwas beizutragen habe, wurde Friedrich Schorlemmer (als &#8222;Vertreter Dr. Martin Luthers auf Erden&#8220;) jede Menge Zeit und Raum einger\u00e4umt. Eine Gelegenheit, die dieser nicht nutzen konnte oder wollte, um etwas Christliches oder sonstwie Spirituelles zu sagen &#8211; offensichtlich eine falsche Erwartung an einen protestantischen Pfarrer, der seine Prominenz politischem Handeln und nicht der Rede von Gott verdankt. Rom werde gewinnen, merkte er lediglich an, da die Menschen Unsicherheiten eben nicht aushalten wollten. Rom? Meinte er jetzt die USA oder die Katholische Kirche?<\/p>\n<p>Wie auch immer, weit mehr noch als die Inhalte beeindruckte mich bei diesem Gespr\u00e4ch sowieso das WIE und DASS es \u00fcberhaupt stattfinden konnte. Ich w\u00fcnsch&#8216; mir mehr davon, aber vermutlich wird das kaum kommen: Schon die n\u00e4chste Sendung ist eine weitere halbe Stunde in die Nacht hinein verbannt. Wer sowas mag, ist ja vermutlich eh einer, der morgens nicht aufstehen muss, um die Welt, wie sie nun mal ist, ein St\u00fcck weiter Richtung Abgrund zu schieben.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fernsehen ist meistens deprimierend. Wenn ich mal zu tr\u00e4ge bin, gleich nach dem Tatort-Krimi abzuschalten oder es gar am fr\u00fchen Abend wage, durch die Kan\u00e4le zu zappen, verdirbt mir die beil\u00e4ufige Menschenverachtung der Programm-Macher punktgenau die Laune. Nichts gegen Spa\u00df und Unterhaltung, ich lache gern, wenn es was zu lachen gibt. 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