{"id":2753,"date":"2002-01-23T14:50:05","date_gmt":"2002-01-23T13:50:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2753"},"modified":"2019-01-20T14:51:40","modified_gmt":"2019-01-20T13:51:40","slug":"die-niedermacher","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/01\/23\/die-niedermacher\/","title":{"rendered":"Die Niedermacher"},"content":{"rendered":"<p>Eigentlich h\u00e4tte das &#8222;Philosophische Quartett&#8220; gar nicht mehr gesendet werden m\u00fcssen. Man konnte n\u00e4mlich darauf wetten (und gewinnen!), dass allein schon das Ereignis &#8222;Sloterdijk im TV &#8211; in einer Autofabrik!&#8220; eine Verriss-Welle nach sich ziehen werde, deren jeweilige Textgestalt kaum noch der Auff\u00fcllung mit Fakten und Anmutungen aus der Sendung am sp\u00e4ten Sonntagabend bedurft h\u00e4tte.<!--more--><\/p>\n<p>Und so ist es auch gekommen. H\u00e4me und Kritik ober- und unterhalb der G\u00fcrtellinie f\u00fcllt die Feuilletons und vermittelt dem Leser die immer gleichen Erregungszust\u00e4nde: Schadenfreude und die Genugtuung, sogenannten &#8222;Erfolgreichen&#8220; ans Bein zu pinkeln. Es darf einfach nicht wahr sein, dass denkende Menschen im Fernsehen Furore machen, indem sie weder die gern gesehenen Gladiatorenk\u00e4mpfe vollf\u00fchren, noch ihre Bildung an der Studiot\u00fcr abgeben. Eine solche Veranstaltung MUSS einfach ein Flop sein, alles andere w\u00e4re geradezu gef\u00e4hrlich f\u00fcr das Selbstwertgef\u00fchl derer, die uns im Namen der Quote oder mangels besseren Verm\u00f6gens t\u00e4glich mit Unterhaltendem und Katastrophischem versorgen.<\/p>\n<p>Sicher, ich h\u00e4tte mir auch ein noch weit besseres Gespr\u00e4ch vorstellen k\u00f6nnen: Ein weniger umfassendes Thema, das besser in eine kurze Stunde passt und damit den Rednern mehr Raum l\u00e4sst, ihre Sicht der Dinge zu vertiefen und zu konturieren. \u00dcblicherweise braucht eine neuartige (nicht blo\u00df neue!) Sendereihe ein paar Anl\u00e4ufe, um ihre Bestform zu finden. Diese Zeit wird in unseren beschleunigungss\u00fcchtigen Zeitl\u00e4uften selbstredend nicht gew\u00e4hrt &#8211; aber was w\u00e4re auch &#8222;Bestform&#8220; in einem Umfeld, das als Gegenstand der Betrachtung die &#8222;nachdenklich wippende Brille&#8220; Sloterdijks und den &#8222;nachdenklich ruhenden Bauch&#8220; Safranskis ins Feld f\u00fchrt? (Berliner Zeitung). Der Tagesspiegel mag sich erst gar nicht mit den &#8222;eher verhaltenen Temperamenten, deren Aura nur schwach glimmt&#8220; befreunden. Ein Talk ohne Zoff ist halt dr\u00f6ge, es braucht Polarisierer, das Publikum will Emotionen statt Gedanken &#8211; oder wie meinen?<\/p>\n<p>Ich verzichte auf weiteres Zitate-Picking. Meine \u00fcbliche Linie, allem blo\u00df Destruktiven nicht auch noch Energie durch Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, hab&#8216; ich dieses Mal sowieso schon viel zu weit verlassen. Aus einer \u00e4hnlichen Stimmung heraus gebucht, &#8222;parkt&#8220; bei meinem Provider noch immer die Domain medienverdrossen.de, aus eben diesem Grund niemals in Betrieb genommen. Ich w\u00fcnsche mir vieles anders, als es ist &#8211; doch mit diesem Impuls w\u00fcrde ich leer laufen, wollte ich nur auf dem Herumhacken, was nun mal ist, wie es ist.<\/p>\n<p>An Peter Sloterdijks Philosophie und der Art, wie er sich unverdrossen ins Gespr\u00e4ch (und Gezeter) bringt, affiziert mich das f\u00fcr deutsche &#8222;Philosophie-Angestellte&#8220; g\u00e4nzlich fremde Engagement. Es ist ein leises Engagement, das sich erst aus l\u00e4ngerer Lekt\u00fcre seiner B\u00fccher, Reden und Aufs\u00e4tze erschlie\u00dft. Skandalisierungen in den Medien regen vielleicht den einen oder anderen an, die ungewohnte Lesearbeit auf sich zu nehmen &#8211; und solch&#8216; mutigen Abweichlern vom 20-Zeilen-Mainstream kommt Sloterdijk mit staunenswerter sprachlicher Kreativit\u00e4t und originellem Selber-Denken entgegen. Ein Denken, das die &#8222;Sterilit\u00e4t des Verlangens nach kritischer \u00dcberhebung \u00fcber Personen und Sachverhalte&#8220; f\u00fcr sich erkannt hat und zumindest immer einen deutlichen Mehrwert (!) bietet.<\/p>\n<p>Denn wozu brauchen wir Philosophen? Noch gar solche, die mit \u00f6ffentlichen Geldern gut versorgt werden, um ihre ganze Zeit und Geisteskraft dem Denken \u00fcbers Gro\u00dfe und Ganze widmen zu k\u00f6nnen? Ich will keinesfalls gegen diese Alimentierung polemisieren, sondern w\u00fcnsche mir nur, dass als Gegenleistung f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Auftrag auch eine Lieferung erfolgt &#8211; und nicht nur ein blo\u00dfes Tradieren, Diskutieren und Kritisieren altbekannter Konzepte und Denkweisen, die f\u00fcr sich interessant sein m\u00f6gen, uns aber leider angesichts heute dr\u00e4ngender Fragen so gar nicht weiter helfen.<\/p>\n<p>Sloterdijk jedenfalls liefert &#8211; und das ist f\u00fcrs deutsche Philosophiewesen so ungew\u00f6hnlich wie eine Talk-Runde ohne garantierte Erregungskurve \u00e1 la Circus-Maximus.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich h\u00e4tte das &#8222;Philosophische Quartett&#8220; gar nicht mehr gesendet werden m\u00fcssen. 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