{"id":2752,"date":"2002-01-25T14:48:58","date_gmt":"2002-01-25T13:48:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2752"},"modified":"2019-01-20T14:49:51","modified_gmt":"2019-01-20T13:49:51","slug":"gemuetliche-gewoelbe-ein-saunabesuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/01\/25\/gemuetliche-gewoelbe-ein-saunabesuch\/","title":{"rendered":"Gem\u00fctliche Gew\u00f6lbe &#8211; ein Saunabesuch"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Gel\u00e4nder s\u00e4umen die Treppe hinunter in den Keller, eins f\u00fcr Erwachsene und ein weit niedriger angebrachtes f\u00fcr Kinder. Die &#8222;Gew\u00f6lbesauna&#8220; am Prenzlauer Berg empf\u00e4ngt mich \u00fcberaus famili\u00e4r, kein Drehkreuz, keine Automaten, kein Kartenverkauf, ich muss mir den Weg zum Check-In durch die niedrigen Nut-und-Federholz-vert\u00e4felten R\u00e4ume selber suchen. Ein Mittsechziger im Bademantel sagt freundlich &#8222;Guten Tag&#8220;, ich bin hier im Osten Berlins, da geht man nicht so wortlos aneinander vorbei wie in den West-Saunas. In Glask\u00e4sten sind Massage-Utensilien ausgestellt, an den W\u00e4nden h\u00e4ngen Bescheinigungen, dass der Betreiber sich 1993 und &#8217;94 mehrfach weitergebildet hat &#8211; na super, aber wo geht&#8217;s hier zur Sauna?<\/p>\n<p>Aha, zwei T\u00fcren weiter ist das Bistro. &#8222;Heute Hackepeter&#8220; steht an der Tafel, es riecht nach Kantine. Das fr\u00f6hliche M\u00e4del hinterm Tresen informiert mich, dass ich erst beim Gehen zahlen muss. Einen Schrank k\u00f6nne ich mir in der Umkleide (nur &#8222;gemischt&#8220;) selber aussuchen, den Schl\u00fcssel behalten oder bei ihr abgeben &#8211; ganz wie&#8217;s beliebt. Wer mal in den \u00fcblichen hochtechnisierten Saunas drei verschiedene Armb\u00e4nder mit Schl\u00fcsseln und &#8222;Chips&#8220; am sonst nackten Leib tragen musste, wei\u00df das zu sch\u00e4tzen. Erstens ist das Schl\u00fcsselwesen nervig, und zweitens heizen sich die Metallteile in der Sauna so auf, dass man sich Verbrennungen holen kann, wenn man nicht aufpasst.<\/p>\n<p>Handtuchumh\u00fcllt und mit den vorgeschriebenen Badeschlappen an den F\u00fc\u00dfen erkunde ich die R\u00e4ume: Finnische Sauna, Kr\u00e4utersauna, Dampfbad, ein paar Duschen und sogar ein kleines Tauchbecken. Die optische Gestaltung der ganzen Anlage ist gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig &#8211; an den Decken verlaufen dicke Heizungsrohre, gelegentlich umschlungen von verstaubtem Plastik-Efeu. Die Holzverkleidung wirkt wie von einem Hobby-Heimwerker ohne jeden Sinn f\u00fcr Feinheiten, T\u00fcrf\u00fcllungen fehlen gelegentlich ganz, ein bisschen Baustellentouch herrscht vor.<\/p>\n<p>Ich beginne mit dem Dampfbad, das zwar einen rauschenden Springbrunnen bietet, aber deutlich nach Moder riecht. (In Dampfb\u00e4dern muss ich immer an Kohl und Jelzin denken, die ihre Treffen ganz entspannt im Dampf abgerundet haben sollen &#8211; tolle Idee!). Nach einer Abk\u00fchlungspause wechsle ich kurz vor dem st\u00fcndlichen Aufguss in die 100 Grad hei\u00dfe Finnische, nehme die obere Bank, denn da ist noch viel Platz. Die Anwesenden, sechs M\u00e4nner und zwei Frauen, plaudern \u00fcber die Klimakatastrophe: &#8222;Wenn der Golfstrom umkippt, werden wir erfrieren oder ersaufen und die da unten verdursten. So rottet sich die Menschheit selber aus!&#8220; Die Laune ist trotzdem ungetr\u00fcbt. Ich mag an den Ost-Saunas, dass es da so viel lockerer zugeht, jedenfalls ist es kein Versto\u00df gegen ungeschriebene Regeln, fremde Menschen anzusprechen. Wer im Ruheraum Ruhe sucht, kann daf\u00fcr dann schon mal Pech haben.<\/p>\n<p>Das M\u00e4del vom Tresen erscheint und beginnt mit dem Aufguss, dem rituellen Kern eines jeden ordentlichen Saunagangs: ein mehr oder weniger theatralisch zelebrierter Auftritt des Personals, manchmal untermalt durch &#8222;lose Reden&#8220; aus dem Publikum (&#8222;Nimm doch gleich die Peitsche!&#8220;). Oh, ich h\u00e4tte nicht die obere Bank w\u00e4hlen sollen! Dreimal gie\u00dft sie Wasser auf die hei\u00dfen Steine und wedelt heftig mit dem Handtuch, hier oben ist es der reine Gluthauch, mir bleibt fast der Atem weg, auf der Haut kondensiert der hei\u00dfe Dampf &#8211; und das bei 100 Grad! Kaum ist sie fertig, muss ich SOFORT nach drau\u00dfen st\u00fcrzen, womit ich mich f\u00fcr die anderen als hoffnungslose Anf\u00e4ngerin oute. Man geht n\u00e4mlich fr\u00fchestens zwei Minuten nach dem Aufguss raus, nicht vorher. \u00dcberleben ist mir allerdings wichtiger als der gute Ruf, eine kalte Dusche und das Tauchbecken retten mich vor dem zerkocht werden &#8211; paradiesisch! Zwar wackelt das Gel\u00e4nder und beim Blick auf die Becken-Innenbeleuchtung frag&#8216; ich mich, wie oft das Wasser hier wohl ausgetauscht wird &#8211; aber was soll&#8217;s, ich werde halt noch mal duschen.<\/p>\n<p>Von heftigen Hitze- und K\u00e4ltereizen erm\u00fcdet, zieht es mich jetzt in die Horizontale. Dazu muss ich den Nassbereich mit den Saunas verlassen und durch den K\u00fcchengeruch zur\u00fcck in die Umkleide, von der die beiden Ruher\u00e4ume abzweigen. Der eine ist nach drau\u00dfen offen, gerade gut f\u00fcr einen kurzen Moment im Freien &#8211; nackt herumlaufen mitten im Winter, das hat schon was! Im anderen Zimmer stehen sage und schreibe sechs Liegen, komplizierte quietschende Gestelle, Typ Campingstuhl 60er-Jahre, denen ich auch nach l\u00e4ngerem Forschen nicht ansehe, wie man sie von der Sitz- in die Liegestellung kippen k\u00f6nnte. Das Licht ist zu hell zum Schlafen und zu dunkel zum Lesen, daf\u00fcr liegen \u00fcberall Wolldecken herum, alle verschiedenfarbig mit den unterschiedlichsten Mustern. Der Anblick erinnert ein bisschen an unaufger\u00e4umte Auffanglager f\u00fcr Katastrophenopfer. Immerhin, hier kann ich mich auch ohne Bademantel gut einpacken, es ist nicht gerade sehr warm. Netter Service, denk&#8216; ich mir, so was hab&#8216; ich noch in keiner Sauna gesehen &#8211; bis ich mich pl\u00f6tzlich frage, wie viele Saunabesucher sich wohl schon vor mir in dieselbe Decke geh\u00fcllt haben m\u00f6gen?<\/p>\n<p>Tja, es ist wirklich nett hier, auch nachher noch, am Tresen, wo ich einen &#8222;sauren Teller&#8220; zu mir nehme, Essiggurke, Sol-Ei, Dosenchampignons und eingelegter Blumenkohl. Komme mir vor wie auf einer Zeitreise ins altberliner &#8222;Millj\u00f6h&#8220;. (Mein Wunschgetr\u00e4nk &#8222;Cola Light&#8220; haben sie nat\u00fcrlich nicht, typisch ost! Das hat&#8217;s fr\u00fcher nicht gegeben und also wird es heute auch nicht angeschafft, sowas m\u00f6gen eh&#8216; nur Wessis&#8230;.)<\/p>\n<p>F\u00fcr neun Euro bietet das &#8222;Gew\u00f6lbe&#8220; ein Sauna-Erlebnis mit Wohnzimmer-Touch: gewachsenes Kiez-Leben, alteingesessene Schwitzbadkultur statt kommerziell-anonymes Wellness-Ambiente. Die selbstgebastelte und leicht verschmuddelte Anmutung der R\u00e4ume geh\u00f6rt halt dazu, genau wie die gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftigen Ger\u00fcche, die offensichtlich sonst niemanden st\u00f6ren. Der Laden scheint zu brummen, trotz oder gerade wegen alledem?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Gel\u00e4nder s\u00e4umen die Treppe hinunter in den Keller, eins f\u00fcr Erwachsene und ein weit niedriger angebrachtes f\u00fcr Kinder. Die &#8222;Gew\u00f6lbesauna&#8220; am Prenzlauer Berg empf\u00e4ngt mich \u00fcberaus famili\u00e4r, kein Drehkreuz, keine Automaten, kein Kartenverkauf, ich muss mir den Weg zum Check-In durch die niedrigen Nut-und-Federholz-vert\u00e4felten R\u00e4ume selber suchen. 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