{"id":2751,"date":"2002-01-27T14:45:45","date_gmt":"2002-01-27T13:45:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2751"},"modified":"2019-01-20T14:48:41","modified_gmt":"2019-01-20T13:48:41","slug":"linke-laehmungen-die-aelteren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/01\/27\/linke-laehmungen-die-aelteren\/","title":{"rendered":"Linke L\u00e4hmungen: die \u00c4lteren"},"content":{"rendered":"<p>Ein ber\u00fchmter Schriftsteller und ein ebenso ber\u00fchmter Soziologe im TV-Gespr\u00e4ch \u00fcber das Elend der Welt. Beide \u00fcber 60, gelten sie heute als &#8222;alt-linke Dinosaurier&#8220;, deren archaische Sicht der Dinge man nicht mehr ernst nehmen m\u00fcsse &#8211; so zumindest der Tenor in der heutigen Medienlandschaft.<!--more--><\/p>\n<p>Ich h\u00f6re immer gern allen zu, die zu einem geistvollen Gespr\u00e4ch in der Lage sind und das Elend der Welt nicht ausblenden. Trotzdem, wenn ich sie so im Modus der Analyse, Klage und Anklage reden h\u00f6re, w\u00e4chst meine Unzufriedenheit stetig. Am liebsten m\u00f6chte ich dazwischen rufen: Hey Leute, die Welt ist nicht mehr SO! Nat\u00fcrlich stimmt alles, was sie sagen, ihre Analysen sind treffend und ihr Blick reicht weit: Die neoliberale Wende, der &#8222;wild gewordene&#8220; Kapitalismus, die zunehmende Machtlosigkeit der Staaten angesichts der Globalisierung und die Schwierigkeit, als denkender Intellektueller \u00fcberhaupt in den Medien zu Wort zu kommen.<\/p>\n<p>Alles richtig, wenn ich auch bez\u00fcglich des letzen Punktes anmerken w\u00fcrde: Kommt doch herunter aus eurem massenmedialen Prominenten-Olymp und begl\u00fcckt uns zumindest mit einer aktuellen Homepage! &#8222;G\u00fcnter Grass schreibt zu Themen der Zeit&#8220; w\u00fcrde sicher mehr Leser finden als dieses Diary. Aber sie denken eben an &#8222;Millionen Zuschauer&#8220; oder &#8222;Hunderttausende Leser&#8220; und sind sich f\u00fcrs chaotisch-kleinteilige Web zu schade &#8211; obwohl doch heute jeder wei\u00df, dass &#8222;ein Schmetterlingsfl\u00fcgel in China einen Orkan am andern Ende der Welt ausl\u00f6sen kann&#8220;.<\/p>\n<h2>Keine Bewegung<\/h2>\n<p>Warum aber &#8211; und hier liegt der Kern der Klage dieser \u00e4lteren Generation &#8211; weht nicht mal mehr ein mittlerer Fr\u00fchlingswind &#8222;von links&#8220; ? Wie ist der Durchmarsch neoliberaler Gedanken zu erkl\u00e4ren, der seit l\u00e4ngerem schon &#8222;die Linke&#8220; als konservativ und gestrig erscheinen l\u00e4sst &#8211; und was w\u00e4re dagegen zu tun?<\/p>\n<p>Ich glaube nicht mehr, dass man etwas dagegen tun kann &#8211; nicht in dem Sinne, wie diese Generation es meint und zu denken gewohnt ist: Der Einzelne m\u00f6ge seine Interessenlage erkennen, sich mit anderen zusammenschlie\u00dfen (&#8222;solidarisieren&#8220;) und den Kampf gegen &#8211; ja gegen wen eigentlich? &#8211; mutig aufnehmen: \u00d6ffentlichkeit schaffen, Zeichen setzen. Protestaktionen durchf\u00fchren, etc. usf.. Gelegentlich geschieht das ja, n\u00e4mlich immer dort, wo der Besitzstand einer Gruppe konkret angegriffen wird (- z.B. aktuell in Berlin der Kampf um die Erhaltung des Benjamin-Fr\u00e4nklin-Krankenhauses als Uni-Klinik). Gelingt es den jeweils Betroffenen, die Sparma\u00dfnahme abzuwehren, wird eben an anderer Stelle gestrichen: bei denen, die sich weniger wehren k\u00f6nnen. Ist es das, was die beiden Redner meinen? Wohl kaum &#8211; was aber dann?<\/p>\n<h2>Kampf dem Kapital?<\/h2>\n<p>Vermutlich sind bis hierher bereits \u00fcber die H\u00e4lfte meiner t\u00e4glichen Leser ausgestiegen: zu politisch, Langeweile droht! Und ich kann das sogar mitf\u00fchlen, empfinde ich doch selber den gewissen Fluchtimpuls gegen\u00fcber dem Polit-Jargon der alten Linken, gegen den Gestus der Entr\u00fcstung (inmitten eines doch gar nicht so schlechten Lebens!) und diese immer sehr abstrakt bleibenden Verdammungen und Forderungen. WO bitte steht denn der Feind, ganz konkret? Was sollen wir genau tun, wenn wir uns denn aus den H\u00e4ngematten der Spa\u00dfgesellschafft aufraffen?<\/p>\n<p>Dem Gro\u00dfschriftsteller und dem Soziologen ist dazu nicht viel eingefallen: Ja, die Gewerkschaften haben es schwer heute, Arbeitslosenbewegungen sind nicht in Sicht &#8211; wenigstens sollten die Intellektuellen in Europa etwas mehr miteinander reden. Hm&#8230;<\/p>\n<p>Ein fr\u00fcherer Nachbar erz\u00e4hlte mir k\u00fcrzlich, dass ein in meinem alten Kreuzberger Heimatkiez recht bekannter &#8222;Autonomer&#8220; sich letztens in der New Economy schwer verspekuliert habe &#8211; ob er wohl nach dieser Erfahrung wieder f\u00fcr einen &#8222;Kampf gegen das frei flottierende Kapital&#8220; zu gewinnen w\u00e4re? Ich zweifle daran. Insgesamt wird es auch schwieriger, gegen die pure Gewinnmaximierung zugunsten der Anleger zu argumentieren, wenn erstmal deutliche Teile der Betriebsrenten mittels Aktienfonds erwirtschaftet werden &#8211; wie in den USA lange schon und neuerdings auch bei uns.<\/p>\n<p>Wie vermutlich viele andere auch, bin ich nicht blind gegen\u00fcber der &#8222;sozialen Frage&#8220;, sehe die zunehmenden Missst\u00e4nde und rege mich dar\u00fcber auf, dass internationale Unternehmen kaum mehr Steuern zahlen, der Staat also immer weniger Geld umzuverteilen hat. Wenn ich mir dann aber irgend eines der \u00dcbel in unserer Gesellschaft konkret betrachte, stelle ich jedes Mal fest, dass ich mit der altlinken Brille nirgendwohin komme, ganz sicher nicht in die N\u00e4he einer L\u00f6sung, die dem gesunden Menschenverstand entspricht und in absehbarer Zeit auch umsetzbar w\u00e4re. Ja, ich w\u00fcrde mit meinen Verbesserungsvorschl\u00e4gen sogar in direkten Gegensatz zu linken Institutionen und Errungenschaften geraten.<\/p>\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr viele: Die Berichte, wie heutzutage ambulante Pflege abl\u00e4uft, bedr\u00fcckt mich und regt mich jedes Mal auf, wenn ich davon h\u00f6re. Da hetzen Pflegekr\u00e4fte durch die halbe Stadt, um etwa einer alten Frau zweimal am Tag eine Insulinspritze zu setzen, ein Einsatz, f\u00fcr den ganze drei Minuten vorgesehen sind &#8211; und l\u00e4nger darf sich die Pflegerin auch nicht aufhalten, will sie ihr Pensum schaffen. Jeder Handgriff und jede Dienstleistung ist genormt, in wenigen Minuten abzuleisten, Zeit f\u00fcr Gespr\u00e4che und Zuwendung bleibt nicht. Der Konkurrenzkampf der Pflegedienste ist horrorm\u00e4\u00dfig und die Gelder werden insgesamt immer knapper. Kaum jemand h\u00e4lt in diesem Beruf lange durch, das &#8222;Ausbrennen&#8220; ist an der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Durch die linke Brille gesehen ist alles ganz klar, aber leider unl\u00f6sbar: MEHR GELD w\u00fcrde gebraucht, Geld, das nicht da ist, weil das Kapital sich um die Alten und Kranken einen Dreck schert, die ja nicht mehr im Produktionsprozess gebraucht werden. Die Beitr\u00e4ge f\u00fcr die Pflegeversicherung zu erh\u00f6hen, w\u00e4re zwar eine Verbesserung, aber andrerseits problematisch, muss man doch die Arbeitskosten niedrig halten, sonst verdr\u00fccken sich die Firmen ins Ausland. Immer dasselbe Elend &#8211; und die in den Sechzigern \u00fcbliche Perspektive &#8222;Revolution&#8220; liegt ja lange schon (und zu Recht) auf dem M\u00fcllhaufen der Geschichte.<\/p>\n<h2>Vern\u00fcnftig = unm\u00f6glich<\/h2>\n<p>Gibt es GANZ ANDERE M\u00f6glichkeiten? Im Haus, in dem die alte Frau mit dem Insulinbedarf lebt, wohnen statistisch gesehen etliche Arbeitslose, Sozialhilfeempf\u00e4nger, r\u00fcstige Rentner, Studenten, Eltern im Erziehungsurlaub und andere Nicht-Arbeitende. W\u00e4re es nicht ein Leichtes, einen von ihnen daf\u00fcr zu gewinnen, &#8222;den Job&#8220; bei der alten Dame zu \u00fcbernehmen? Gegen Geld und vertraglich verl\u00e4sslich vereinbart, ich rede nicht vom Ehrenamt! Es w\u00fcrden keine Fahrwege anfallen und mit Sicherheit w\u00e4re die Plauderei rund um die Spritze eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, wenn jemand so etwas nicht den ganzen Tag und in der halben Welt, sondern nur mal eben in der Nachbarschaft bei den immer gleichen Leuten tut. Stadtverkehr w\u00fcrde vermieden, Benzin, Zeit und Kosten gespart, nutzlose Hetze w\u00e4re kein Thema mehr.<\/p>\n<p>Aber so etwas Vern\u00fcnftiges ist nat\u00fcrlich unm\u00f6glich! Da w\u00fcrden ja viele Pflegekr\u00e4fte arbeitslos und an das b\u00fcrokratische &#8222;Eint\u00fcten&#8220; der geringf\u00fcgigen Nebent\u00e4tigkeit bei all den genannten Nicht-Arbeitenden ist schon gar nicht zu denken! Wie w\u00e4ren denn auf diese Minimalbetr\u00e4ge Steuern und Sozialabgaben zu erheben? M\u00fcsste man sie nicht auch mit den bereits bezogenen Leistungen verrechnen? Und was wird aus den professionellen Pflege-Standards, wenn jeder solche Dienstleistungen erbringen d\u00fcrfte ?<\/p>\n<p>Eine ganze Lawine von Fragen, durchweg solche, die Strukturen und Besitzst\u00e4nde, Gewohnheiten und alteingefahrene Denk- und Organisationsweisen in Frage stellen &#8211; die aber zu ihrer L\u00f6sung immerhin nicht die Weltrevolution brauchen. Man stelle sich vor: mit dem Netz-Anschlu\u00df in (fast) jedem Haushalt w\u00e4re das tats\u00e4chlich breitfl\u00e4chig organisierbar (mit etwas mehr M\u00fche auch ohne) &#8211; und nicht nur in der Pflege. Es gibt jede Menge, auch private Dienstleistungen, f\u00fcr die eine nachbarschaftliche Organisation das einzig Sinnvolle w\u00e4re &#8211; warum wird das nicht mal mehr angedacht? Warum mu\u00df ein &#8222;Objektbetreuer&#8220; einer Reinigungsfirma von Berlin Hellersdorf zwei Stunden nach Potsdam fahren, um dort f\u00fcnf Quadratmeter Rasen zu m\u00e4hen?<\/p>\n<p>Ich halte das f\u00fcr kollektiven Wahnsinn, strukturell zementiert, gerade auch durch &#8222;die Linke&#8220;, die mittels der Gewerkschaften mit aller Macht am Vollzeitarbeitsverh\u00e4ltnis in den uns vertrauten Strukturen festh\u00e4lt. Und ich glaub&#8216; nicht dran, dass sich daran etwas \u00e4ndern wird, solange es den meisten noch so vergleichsweise gut geht. Wenn das eines Tages mal nicht mehr der Fall sein sollte, gibt es vielleicht Zoff wie in Argentinien &#8211; aber auch nicht die vern\u00fcnftigeren L\u00f6sungen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein ber\u00fchmter Schriftsteller und ein ebenso ber\u00fchmter Soziologe im TV-Gespr\u00e4ch \u00fcber das Elend der Welt. 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