{"id":2750,"date":"2002-01-30T14:44:59","date_gmt":"2002-01-30T13:44:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2750"},"modified":"2019-01-20T14:45:32","modified_gmt":"2019-01-20T13:45:32","slug":"vom-medienleben-aus-bequemlichkeit-ins-nichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/01\/30\/vom-medienleben-aus-bequemlichkeit-ins-nichts\/","title":{"rendered":"Vom Medienleben: Aus Bequemlichkeit ins Nichts"},"content":{"rendered":"<p>Eine ARTE-Reportage berichtete gestern von den Argentiniern. Viele von ihnen bem\u00fchen sich derzeit um einen Pa\u00df, um nach vielen Jahrzehnten in die L\u00e4nder ihrer Vorfahren Italien und Spanien zur\u00fcckzukehren. W\u00e4hrend vor und nach dem Krieg AMERIKA der gro\u00dfe Traum war, ist es heute EUROPA, die extreme Wirtschaftskrise treibt die Menschen in die Auswanderung.<!--more--><\/p>\n<p>Wie man sehen konnte, k\u00fcmmern sich die Mutterl\u00e4nder gut um die &#8222;Ehemaligen&#8220;, bieten Beratung und sogar Arbeitsstellen an. Allerdings Arbeit, wen wundert&#8217;s, die ansonsten niemand mehr so gerne macht: Schreiner, Maurer und andere k\u00f6rperliche T\u00e4tigkeiten, oft auf dem Land. Die Heimkehrer sind dagegen Gro\u00dfst\u00e4dter, durch die Bank &#8222;\u00fcberqualifiziert&#8220; und haben so ihre Probleme, sich an diesen neue Leben, z.B. in spanischen D\u00f6rfern, zu gew\u00f6hnen. Sobald die Lage in Argentienien sich wieder bessert, sagen sie, wollen sie wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>K\u00f6rperliche Arbeit verschwindet mehr und mehr, wird von Maschinen und Programmen erledigt und l\u00e4\u00dft uns vor einem Terminal sitzen. Was nicht verschwinden kann &#8211; Bau- und Putzarbeiten, Handwerk, Pflegedienste etc. &#8211; hat den niedersten sozialen Status, den man sich nur denken kann. Ein nach dem Langzeit-Studium f\u00fcr Jahre arbeitslos bleibender &#8222;Philosoph&#8220; gilt in der Welt weit mehr als jemand, der seit seinem 16. Lebensjahr so richtig Hand anlegen mu\u00dfte.<\/p>\n<p>Im Radio h\u00f6rte ich k\u00fcrzlich einen Appell der Handwerkskammer an die Jugendlichen, doch auch an eine Lehre zu denken: heute seien das interessante Berufe, in denen man durchaus in vielf\u00e4ltigen Kontakt mit High-Tech komme. Und gleich danach ein Bericht, dass in einigen Bundesl\u00e4ndern nun per Ausnahmegenehmigung der Einsatz von Polinnen in der Pflege abgesegnet ist: zu f\u00fcr die Betroffenen bezahlbaren Bedingungen finden sich einfach keine deutschen Pflegekr\u00e4fte mehr.<\/p>\n<p>Kurzum: alle wollen am liebsten so leben, wie ICH lebe: Morgens mach&#8216; ich mir einen Kaffee, bring&#8216; mein Bett in Ordnung und schalte dann gleich den Computer ein. Ich rufe Mails ab, schau&#8216; kurz ins Diary-Forum und suche noch ein paar andere Websites auf: schlie\u00dflich mu\u00df ich mich in-formieren, in Form bringen f\u00fcr das Leben am Ger\u00e4t. Wieder ausgeschaltet wird der PC erst kurz vor dem Einschlafen, der gr\u00f6\u00dfte anzunehmende Unfall meines Monitorlebens ist ein Festplattencrash.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sitz&#8216; ich nicht ganztags vor der Glotze, nein, ich trotze mir Pausen ab: essen, einkaufen, mal eben um den Block gehen, gelegentlich ins Fitness-Center, damit der K\u00f6rper noch mitbekommt, dass er lebt. In den L\u00fccken lese ich gerne Zeitung &#8211; nur ein Medienwechsel also, doch treibe ich es immerhin nicht ganz so weit wie diejenigen, die nicht mal beim &#8222;Cardio-Training&#8220; ohne den Blick in ein Magazin auskommen wollen. Da strampeln sie auf den angeschraubten Fahrr\u00e4dern und lesen BZ oder Fit for Fun &#8211; es mu\u00df schon schier unertr\u00e4glich sein, diese Leere im Kopf, wenn der Strom des Inputs mal f\u00fcr ein paar Minuten aussetzen w\u00fcrde! Ja, ich kann das nachf\u00fchlen &#8211; beim Fr\u00fchst\u00fcck neige ich schlie\u00dflich auch zur Berliner Zeitung und konzentriere mich keinesfalls spirituell korrekt im Sinne von &#8222;Wenn ich esse, dann esse ich&#8220; auf das, was gerade geschieht.<\/p>\n<p>Das &#8222;Tor zur Welt&#8220;, der mit dem Netz verbundene PC ist Dreh- und Angelpunkt meiner gesellschaftlichen Existenz. Der Umstieg auf ein sch\u00f6nes Buch am Abend, oder gar der Blick ins TV bedeuten keine qualit\u00e4tive \u00c4nderung: es ist ein Leben zweiter Ordnung, ein medial vermitteltes Leben, denn man h\u00e4lt sich im Reich der Zeichen und Bilder, der Welt der Bedeutungen auf, nicht etwa da, wo &#8222;wirklich&#8220; etwas geschieht. Existiert denn dieses &#8222;richtige Leben&#8220; \u00fcberhaupt noch irgendwo? Oder wird es uns nur in den Texten, Bildern und Filmen vorgegaukelt?<\/p>\n<h2>Welche Realit\u00e4t?<\/h2>\n<p>Keine Sorge, ich bin nicht dem Wahnsinn nahe! Mir geht es sogar richtig gut heute morgen, wie ich da in die Tasten tippe und mir ohne gro\u00dfes Z\u00f6gern jede Menge einf\u00e4llt. Ich bin auch keinesfalls sozial vereinsamt oder &#8220; psychisch belastet&#8220;. Nein, ich spreche von einer Normalit\u00e4t, die mir einfach immer verr\u00fcckter vorkommt, wenn ich sie mal so &#8222;von au\u00dfen&#8220; betrachte, wie es zumindest scheinbar m\u00f6glich ist, wenn man &#8222;\u00fcber&#8220; etwas nachdenkt.<\/p>\n<p>Die Frage nach dem &#8222;Verschwinden der Wirklichkeit&#8220; wurde lange schon auch von Philosophen &#8211; z.B. von Baudrillard &#8211; aufgegriffen, der gleich nach dem Golfkrieg fragte, ob dieser nicht vielleicht nur auf den Bildschirmen stattgefunden habe. Viele Intellektuelle reagierten emp\u00f6rt, da sie das &#8222;wortw\u00f6rtlich&#8220; und damit als Nichtachtung der Kriegsopfer verstanden hatten. Dabei wollte B. einfach nur diesen seltsamen Prozess zu Bewusstsein bringen, dieses Fading Out der Realit\u00e4t, das sich fortschreitend ereignet, w\u00e4hrend alle nur mehr Freiheit, mehr Wahlm\u00f6glichkeiten, mehr Virtualit\u00e4t kommen sehen.<\/p>\n<p>Ist &#8222;das Virtuelle&#8220;, der Aufenthalt in einer &#8222;zweiten Welt&#8220; aus Informationen und Bedeutungen, nun ein zwangsl\u00e4ufiges Stadium entwickelten In-der-Welt-Seins? Oder ist es ein erschreckender Fehlweg, eine Abirrung, die in der Gutenberggalaxis begonnen hat und eines Tages im vervollst\u00e4ndigten Cyberspace (wie etwa im Film &#8222;Matrix&#8220; gezeigt) endet?<\/p>\n<p>Klar, wir leben alle noch. Wir treffen Freunde und beruflich haben wir &#8222;Besprechungen&#8220;, wir verlieben uns und fahren in den Urlaub, wo das Virtuelle f\u00fcr ein paar Wochen die zweite Geige spielt. Was aber tun wir tats\u00e4chlich im gelobten Ursprungsland des Menschseins, also dann, wenn wir mit anderen zusammen kommen und mal nicht an Ger\u00e4ten h\u00e4ngen oder mit Medien besch\u00e4ftigt sind? Wir reden d&#8217;r\u00fcber! \u00dcber das, was wir aus Medien entnommen haben, und \u00fcber die eigene Arbeit an immer neuen Medien, sei es nun beruflich oder in der Freizeit (die sowieso immer mehr zusammen wachsen): Berichte, Artikel, Gedichte, Webseiten, Bilder &#8211; Werke und Kunstwerke, die alle eines gemeinsam haben: eine &#8222;abgeleitete&#8220; Wirklichkeit zweiten Grades.<\/p>\n<p>Der 11.September bedeutete f\u00fcr viele Menschen den &#8222;Einbruch des Realen&#8220;. F\u00fcr die Newyorker hat das sogar gestimmt. Dass aber auch f\u00fcr den Rest der Welt (womit wir immer nur uns meinen) alles nun &#8222;ganz anders&#8220; werde, hat sich nicht bewahrheitet. Zu sehr h\u00e4ngen wir in der Matrix fest und entscheiden uns immer wieder neu daf\u00fcr, sie auszubauen anstatt sie zu verlassen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine ARTE-Reportage berichtete gestern von den Argentiniern. Viele von ihnen bem\u00fchen sich derzeit um einen Pa\u00df, um nach vielen Jahrzehnten in die L\u00e4nder ihrer Vorfahren Italien und Spanien zur\u00fcckzukehren. 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