{"id":2749,"date":"2002-02-03T14:39:53","date_gmt":"2002-02-03T13:39:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2749"},"modified":"2019-01-20T14:41:52","modified_gmt":"2019-01-20T13:41:52","slug":"machs-nochmal-im-fruehling-enden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/02\/03\/machs-nochmal-im-fruehling-enden\/","title":{"rendered":"Mach&#8217;s nochmal &#8211; im Fr\u00fchling enden?"},"content":{"rendered":"<p>Blo\u00df jetzt nicht ausrasten, ganz ruhig bleiben, keine Versuche, irgendwelche B\u00e4ume auszurei\u00dfen &#8211; auch bitte kein feuchtfr\u00f6hlicher Abend, keine Ausfl\u00fcge in ungewohnte Fernen oder andere grundst\u00fcrzende Aufbr\u00fcche! Ich rede mir gut zu, trete trotzdem alle paar Minuten auf den Balkon, es ist einfach ungeheuer: der Himmel maximalblau, keine Wolke nirgends, die Sonne tut so, als w\u00e4re es ganz selbstverst\u00e4ndlich, jetzt schon einen auf Fr\u00fchling zu machen &#8211; ja, die Welt ist verr\u00fcckt geworden, sie pa\u00dft sich uns an.<!--more--><\/p>\n<p>Klar, ich genie\u00dfe es, freu&#8216; mich \u00fcber das Verschwinden des Winters und m\u00f6chte am liebsten alles feiern und umarmen. Wenn ich mich aber von den Energien mitrei\u00dfen lie\u00dfe &#8211; das kenn&#8216; ich einfach schon zu gut &#8211; w\u00fcrde ich an meinen eigenen \u00dcbertreibungen scheitern, das Aufbruchgef\u00fchl w\u00fcrde in Ersch\u00f6pfungen m\u00fcnden, und meine gute Laune beim n\u00e4chsten K\u00e4lteeinbruch in Entt\u00e4uschung und \u00dcberdru\u00df versanden &#8211; schlimmer, als wenn gar nichts gewesen w\u00e4re au\u00dfer grauem Himmel und februartypischer K\u00e4lte.<\/p>\n<p>Jedes Jahr sp\u00fcre ich die Ver\u00e4nderungen durch die Jahreszeiten deutlicher &#8211; ich kann mir mittlerweile vorstellen, dass diese Wahrnehmungen mit 80 ein Vollprogramm sein k\u00f6nnen. Als w\u00fcrden all meine Zellen von innen nach au\u00dfen gest\u00fclpt, jede Nervenfaser unter einen neuen Strom gesetzt, f\u00fchl&#8216; ich mich einerseits wie neu geboren, andrerseits auch schnell ausgelaugt; eine M\u00fcdigkeit auf der Zellebene, die nichts mit dem bekannten M\u00fcde-Sein zu tun hat, das etwa nach einem intensiv gelebten Arbeitstag aufkommt.<\/p>\n<p>&#8222;Im Fr\u00fchling sterben ist nicht leicht, du wei\u00dft&#8230;&#8220;, sang Klaus Hoffmann mal in einer wundervollen Interpretation eines Jaques Brel-Songs. Einerseits ist das einleuchtend: Was uns jetzt so aufregt, wach macht, in Bewegung versetzt, ist die gute alte Natur, die mit schier unwiderstehlichen Mitteln alles Lebendige &#8211; von der hinterletzten Bakterie bis hin zum emeritierten Philosophieprofessor &#8211; zum Neuanfang motivieren will: Mach&#8217;s nochmal, Sam! Und wenn dann alle grad&#8216; ansetzen, es nochmal zu machen, ist es sicher doppelt schmerzhaft, ausgerechnet dann abtreten zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ist das schon die ganze, die letzte Wahrheit ? Werde ich wirklich bis ans Ende meiner Tage nichts anderes w\u00fcnschen und wollen als dieses \u00bbund nochmal\u00ab ? (&#8230;the same procedere as every year.)<\/p>\n<p>Ich hoffe nicht. Schon jetzt erlebe ich eine innere Distanz, indem ich das Geschehen, das mich mit aller Macht &#8222;ins Spiel bringen&#8220; will, mit einer gewissen Verwunderung beobachte. Ich glaub&#8216; n\u00e4mlich nicht mehr dran, dass da vorne oder da drau\u00dfen, hinter der n\u00e4chsten Ecke oder H\u00fcrde etwas wirklich Neues, Gro\u00dfartiges, au\u00dfergew\u00f6hnlich Wunderbares auf mich wartet. Klar, der &#8222;Ruf&#8220; lockt mich, treibt und verf\u00fchrt mich, aber ob ich nun folge oder nicht, ich kann nicht mehr davon absehen, WAS es ist: Fr\u00fchling eben, wie immer, ganz unvergleichlich und doch nichts besonderes. Schon gar nicht das GANZ ANDERE.<\/p>\n<h2>Vom Ende<\/h2>\n<p>Und nun stelle ich mir vor, ich bin am Ende meiner Tage. Der K\u00f6rper ist verbraucht, das physische Dasein macht immer mehr M\u00fche. Es gibt nichts mehr zu tun, denn alles ist getan, wozu ich jemals Lust hatte &#8211; nicht nur einmal, sondern immer wieder. Nichts regt mich mehr richtig auf, ich wei\u00df um die Bedingtheit aller Dinge. Niemandem werfe ich mehr etwas vor, denn jeder tut sowieso immer, was er kann. Seit Jahren ist mir kein neuer Gedanke mehr gekommen, denn die bereits gedachten reichen v\u00f6llig aus, um die Welt zu &#8222;bedenken&#8220; &#8211; etwas, wozu ich auch keine rechte Lust mehr habe. Es gibt ja nichts wirklich Neues unter der Sonne, nur wechselnde Moden, und das Gro\u00dfe-und-Ganze ist schon lang nicht mehr mein Problem.<\/p>\n<p>Eines Tages dann \u00f6ffne ich die Balkont\u00fcr meines Zimmers im grad noch rechtzeitig selbst organisierten menschenfreundlichen Altenheim, in dem ich nun schon zehn Jahre lebe. Die ersten warmen Sonnenstrahlen verzaubern die Atmosph\u00e4re, es riecht unverwechselbar nach Fr\u00fchling &#8211; Anfang Februar! Die Luft ist wie elektrisch geladen, eine neue, gewaltige Energie will von mir Besitz ergreifen, mein ganzes Dasein durchzittern, mir Lust auf Lust machen &#8211; ja, ich h\u00f6re den Ruf, h\u00f6re das gebieterische &#8222;Mach&#8217;s nochmal!!!&#8220;<\/p>\n<p>Aber meine m\u00fcden Zellen winken diesmal dankend ab: bitte nicht schon wieder, es reicht! Und ich bemerke das, ohne den geringsten Impuls zu versp\u00fcren, daran herumzukritteln. Kein Widerstand: es stimmt ja, ich will nicht MEHR. Und auch nicht dasselbe NOCHMAL. Ich schlie\u00dfe das Fenster und eine s\u00fc\u00dfe, lang nicht mehr versp\u00fcrte Freude breitet sich in mir aus. Das Ende ist in Sicht! Noch ein bichen Zeit wird verstreichen f\u00fcr den einen oder andern Abschied, aber bald schon gehe ich, Fr\u00fchling hin, Fr\u00fchling her. Wohin? Ins Nichts, ins Unbekannte, ins GANZ ANDERE? Keine Ahnung, aber auf einmal ist es wieder spannend.<\/p>\n<p>So k\u00f6nnte es doch auch sein. Warum denn nicht ?<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Blo\u00df jetzt nicht ausrasten, ganz ruhig bleiben, keine Versuche, irgendwelche B\u00e4ume auszurei\u00dfen &#8211; auch bitte kein feuchtfr\u00f6hlicher Abend, keine Ausfl\u00fcge in ungewohnte Fernen oder andere grundst\u00fcrzende Aufbr\u00fcche! Ich rede mir gut zu, trete trotzdem alle paar Minuten auf den Balkon, es ist einfach ungeheuer: der Himmel maximalblau, keine Wolke nirgends, die Sonne tut so, als [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[11],"tags":[167,196],"post_mailing_queue_ids":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2749"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2749"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2749\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2749"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2749"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2749"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}