{"id":2747,"date":"2002-02-15T14:32:33","date_gmt":"2002-02-15T13:32:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/?p=2747"},"modified":"2019-01-20T14:37:52","modified_gmt":"2019-01-20T13:37:52","slug":"geborgen-im-detail-von-den-freuden-des-idioten-zum-einen-geschmack","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.claudia-klinger.de\/digidiary\/2002\/02\/15\/geborgen-im-detail-von-den-freuden-des-idioten-zum-einen-geschmack\/","title":{"rendered":"Geborgen im Detail &#8211; von den Freuden des Idioten zum einen Geschmack"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen, die ich wegen der technischen Erneuerung des Diarys mehr oder weniger im Code versackt zubrachte, ist mir aufgefallen, was f\u00fcr ein &#8222;stilles Gl\u00fcck&#8220; diese Reduzierung des Bewusstseins auf einen kleinen Teilaspekt der Welt doch mit sich bringt. Weniger ist tats\u00e4chlich mehr, Beschr\u00e4nkung tut gut, ist das nicht seltsam?<\/p>\n<p>Man bewegt sich in einem Raum aus Vorschriften und Methoden, der &#8211; zwar weitl\u00e4ufig und in Teilen unbekannt &#8211; erst erforscht und erlernt werden muss, aber doch insgesamt ein Gef\u00fchl der Sicherheit und \u00dcbersichtlichkeit vermittelt: Das Ziel ist klar, alles, was mir auf dem Weg begegnet, ist von Menschen geschaffen, die sich etwas dabei gedacht haben. Nicht das gro\u00dfe Unbekannte, &#8222;ganz Andere&#8220;, nicht Natur, Gott oder gar Mitmensch lauern in den Weiten der Details, sondern die Gesetze der Logik, umgesetzt in lernbare Algorithmen, ergeben ein Gef\u00fchl der Sicherheit und Berechenbarkeit, das im &#8222;realen Leben&#8220; immer mehr im Schwinden begriffen ist.<\/p>\n<p>Auch wenn ich mich gew\u00f6hnlich als durchaus weltkompatibel einsch\u00e4tze, f\u00e4hig, auf den Wellen der Existenz &#8222;surfend&#8220; zumindest den Kopf oben zu behalten und das Herz nicht zu vergessen, stelle ich doch fest, wie GUT das tut. Alles ausblenden, was nicht zur &#8222;einen Aufgabe&#8220; geh\u00f6rt, sich ganz auf das &#8222;Wie&#8220; konzentrieren und keine Was-, Warum- oder Wer-Fragen zuzulassen: Wow, das ist Urlaub von den vielen Fronten des Daseins! Und so wird es m\u00f6glich, sich an die Zeichenketten eines Codes wohlig anzuschmiegen wie an den warmen Sand eines Sonnenstrands im S\u00fcden.<\/p>\n<h2>&#8230;und noch mehr:<\/h2>\n<p>Diese vermeintliche Geborgenheit in einer, verglichen mit dem Weltganzen l\u00e4cherlich unwichtigen Detailwelt, ist noch nicht einmal der ganze Spa\u00df. Man wird auch von der Langeweile befreit, diesem wabernden Nichts, das sich in jeder L\u00fccke zwischen den einzelnen Akten des Handelns, Denkens, Genie\u00dfens und Leidens ausbreitet &#8211; immer dann eben, wenn die Frage &#8222;Was jetzt?&#8220; nicht zwingend und unausweichlich zur einzigen lebensrettenden Antwort f\u00fchrt. Und wann ist das heute schon noch?<\/p>\n<p>Das Wesen der Langeweile ist das Leiden, vom Dasein als Ganzem nicht angesprochen zu sein. Dieser Gedanke Heideggers ist die beste, mir bekannte Beschreibung des Ph\u00e4nomens. Langeweile durchdringt und erf\u00fcllt die Leerr\u00e4ume des Daseins, leer in dem Sinne, dass sie uns nichts sagen, uns nicht fordern, nicht einmal mehr be\u00e4ngstigen. Was soll ich hier? Was liegt an? Warum dieses tun und nicht jenes? Wenn ich im Augenblick nichts Konkretes tun muss, sondern auch anders kann, hat Langeweile ihre Chance.<\/p>\n<p>Ich weigere mich, die beliebte Rede vom &#8222;Auf-sich-selbst-zur\u00fcckgeworfen sein&#8220; zu \u00fcbernehmen, weil ich nicht behaupten will, zu wissen, was ein &#8222;Selbst&#8220; ist. Auf jeden Fall ist da etwas, das die Welt best\u00e4ndig auf Chancen und Gefahren hin durchcheckt &#8211; der Scannerblick eines Wesens, das \u00dcberleben und Genie\u00dfen will, und deshalb s\u00e4mtliche Eindr\u00fccke und Informationen durch seine &#8222;N\u00fctzt-mir\/schadet-mir-Filter jagt, alles andere gar nicht erst wahrnehmend.. Sobald sich dabei ein Leerlauf ergibt, weil zum Beispiel Sattheit und Sicherheit zumindest f\u00fcr den Augenblick und die \u00fcberschaubare Zukunft erreicht sind, verliert dieses Wesen seinen Sinn. Man k\u00f6nnte auch dramatisieren und sagen, es drohe ihm der Tod &#8211; eine pathetische Formulierung, die ich aus der Erfahrung der Langeweile nicht wirklich herausf\u00fchlen kann. (Nicht umsonst gibt es ja verschiedene Worte f\u00fcr Langeweile und Angst.)<\/p>\n<p>Langeweile nervt! Bis zum Schrecken, der vielleicht doch hinter ihr noch lauert, lasse ich es ja gar nicht erst kommen. Ausweichen scheint so leicht, wenn es auch mit zunehmendem Alter schwieriger wird, auf &#8222;Neues&#8220; abzufahren. Das &#8222;Neue&#8220; erweist sich n\u00e4mlich immer \u00f6fter als das Altbekannte in neuem Outfit, und um der Langeweile weiterhin zu entgehen, m\u00fcsste man die Geschwindigkeit des Reality-Zappings st\u00e4ndig erh\u00f6hen, damit dieser Erkenntnis und der ihr folgenden Ern\u00fcchterung keine Zeit bleibt, sich zu ereignen &#8211; wir sind ja dann schon &#8222;fort&#8220; geschritten&#8230;<\/p>\n<p>Leider ist Beschleunigung nun nicht gerade das, wonach man sich in der zweiten Lebensh\u00e4lfte sehnt. Also findet sich der alternde Mensch &#8211; h\u00e4ngend zwischen Scylla und Charybdis -psychophysisch zu anderen Verhaltensweisen gen\u00f6tigt. Die Hoffnung, dass, wo &#8222;neu&#8220; drauf steht, auch neu drin ist, nimmt immer mehr ab, und man wird bereit, immer l\u00e4nger in der Langeweile zu verharren. Beobachten, was ist, bzw. was fehlt; ausprobieren, wie man es trotzdem ganz gut aush\u00e4lt; \u00fcber all das nachdenken &#8211; was will man sonst auch machen?<\/p>\n<p>Dabei gewinnt die Frage, was es denn bedeuten mag, &#8222;vom Dasein als Ganzem angesprochen&#8220; zu sein, immer gr\u00f6\u00dfere Kraft. Gerade die Schmalspurigkeit der allzeit und \u00fcberall aufgedr\u00e4ngten Zerstreuungen und Erregungen ist es ja, die die Leere immer besser durchscheinen l\u00e4sst. Was also w\u00e4re ihr Gegenteil? Kann man es finden, besitzen, anwenden, und ist man dann auch wirklich gerettet?<\/p>\n<h2>\nDonnerworte des Daseins<\/h2>\n<p>Wenn ich innerlich aufliste, was mir zum numinosen &#8222;Angesprochen-Sein vom Ganzen&#8220; so alles einf\u00e4llt, sind es durchg\u00e4ngig intensive Breitband-Erfahrungen von einiger Wucht, die alle Ebenen des Daseins in Beschlag nehmen. Denken, F\u00fchlen, Empfinden, Wahrnehmen &#8211; alles muss sich an der Antwort beteiligen, kein Teilaspekt kann sich irgendwie heraushalten und &#8222;business as usual&#8220; praktizieren. Kein &#8222;Alltag&#8220; mehr, keine Masken und Rollenspiele, kein modulhaftes Leben als &#8222;verteiltes System&#8220;. Ausnahmezustand.<\/p>\n<p>Ausnahmezustand? Krieg, Todesgefahr, Stahlgewitter, Erdbeben, Ernstfall, 11.September, die Assoziationskette des gro\u00dfen Schreckens dr\u00e4ngt sich bei diesem Begriff geradezu auf. Im &#8222;realen Leben&#8220; dagegen steht eher das Wunderbare und Freudige, oft auch Abenteuerliche im Focus der Betrachtung, wenn man sich danach sehnt, vom Ganzen erfasst zu werden: Fr\u00fchlingserwachen, heftige Verliebtheit (&#8222;falling&#8220; in Love), physische Extremerfahrungen, Euphorie, Orgasmus, Ekstase und Ersch\u00f6pfung, mystische Verz\u00fcckungen, eine neue, hochwichtige Lebensaufgabe &#8211; es kann gern auch mal eine politisch-soziale Bewegung, Revolte oder Revolution sein. (Der nationalsozialistischen Revolution hat Heidegger es immerhin eine Zeit lang ernsthaft zugetraut, das &#8222;sprechende Ganze&#8220; in der Welt zur Wirkung zu bringen).<\/p>\n<p>All diese Ausnahmezust\u00e4nde stehen mir nicht zur beliebigen Verf\u00fcgung, sonst w\u00e4ren es ja keine. Von der Machbarkeit her gesehen, ist es also sinnlos, weiter \u00fcber ihr Fehlen nachzudenken. Dar\u00fcber hinaus fallen sie in ihrer Mehrheit noch nicht einmal ins Reich der W\u00fcnschbarkeiten, das tr\u00f6stet \u00fcber die mangelnde Machbarkeit doch einigerma\u00dfen hinweg. Wenn ich mir dazu noch die kleinen Paradiese genauer ansehe, in die ich mangels Alternative gelegentlich doch gelange &#8211; zum Beispiel ein paar Tage im Web-Coding versacken &#8211; dann frag ich mich, was eigentlich der wesentliche Unterschied ist zwischen den &#8222;Donnerworten des Daseins&#8220; und dem lockeren Geplauder meines Alltags at its best. Ist da wirklich ein qualitativer Unterschied und nicht nur ein quantitativer?<\/p>\n<p>Immer handelt es sich doch um eine REDUZIERUNG von Bewusstsein. Im Augenblick einer Todesgefahr werde ich zwar all meine Wesensbestandteile aufbieten, um auf die Gefahr zu reagieren (und sie dann vielleicht zum ersten Mal in dieser G\u00e4nze wahrnehmen) &#8211; aber doch unter dem einzigen Zweck, das pers\u00f6nliche \u00dcberleben zu gew\u00e4hrleisten. Also in der sch\u00e4rfstm\u00f6glichen Verdunkelung, in der man sich angesichts der F\u00fclle des Seins befinden kann: Schotten dicht, Alarmstufe Rot, \u00dcberlebensalgorithmen &#8222;on&#8220;.<\/p>\n<p>Die anderen genannten Erfahrungen funktionieren \u00e4hnlich: Wenn es wirklich zum &#8222;Vom Ganzen erfasst -Gef\u00fchl&#8220; kommt, dann nur deshalb, weil ein Teilbereich des Daseins kurzzeitig den gesamten Platz im Bewusstsein einzunehmen in der Lage ist. So kulminiert zum Beispiel sexuelle Erregung im Orgasmus, indem vornehmlich physisch wahrnehmbare Empfindungen sich ausweiten und andere Prozesse still stellen. Aber auch wenn &#8222;nur&#8220; der erste Tropfen eines s\u00fc\u00dfen Lik\u00f6rs auf die Zunge trifft und unverhofft den &#8222;einen Geschmack&#8220; entfaltet, geschieht dieselbe Verengung. Es ist nur weit schwieriger, sich auf den kleineren Reiz einzulassen und die Reduzierung als Tor zur F\u00fclle zu nutzen.<\/p>\n<p>F\u00fcr jetzt will ich diesen ins Nirgendwo f\u00fchrenden \u00dcberlegungen nicht weiter folgen. Ausweichen ist angesagt, ich sitze hier schon viel zu lange still! F\u00fcr jetzt muss es mir reichen, festzustellen: Ausnahmezust\u00e4nde f\u00fchren in die Illusion, sie unterscheiden sich nur in der Intensit\u00e4t von &#8222;normalen&#8220; Erfahrungen und gehen wie diese vor\u00fcber. Was bleibt, ist die Langeweile &#8211; doch sie wird zunehmend interessanter.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Tagen, die ich wegen der technischen Erneuerung des Diarys mehr oder weniger im Code versackt zubrachte, ist mir aufgefallen, was f\u00fcr ein &#8222;stilles Gl\u00fcck&#8220; diese Reduzierung des Bewusstseins auf einen kleinen Teilaspekt der Welt doch mit sich bringt. 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